Rund 50.000 Menschen kommen jedes Jahr neu nach Berlin. Zugezogene, die dieses Etikett nicht mehr loswerden, selbst wenn sie Dekaden hier verbringen, arbeiten, Steuern zahlen, Kinder in die Welt setzen und immer Pakete für ihre Nachbarn annehmen. Die echten Berliner sind da mitunter schon ziemlich unerbittlich mit einem: Da rutscht dir einmal das Wort „Brötchen“ statt „Schrippe“ raus – und schon wirst du angeguckt, als säße dir ein Zigarre rauchender Papagei auf dem Kopf, der von der freundlichen Bäckereifachverkäuferin verlangt, ihm ihr Auto, ihr Haus und ihr Erstgeborenes zu überlassen.

Als Zugezogener selbst – da spreche ich aus Erfahrung – hat man nach einer gewissen Zeit in Berlin aber durchaus das Gefühl, anders zu ticken als je zuvor. Dass man zu Takt und Rhythmus dieser Stadt tanzen kann. Und ein paar Merkwürdigkeiten übernommen hat, über die man früher den Kopf geschüttelt hat.

Berliner rennen immer zur Bahn. Immer

Zum Beispiel: wegen der dreckigen Straßen und des Hundekots beim Gehen immer nach unten zu gucken. Oder zu Bus oder Bahn rennen. Sobald man aus der Ferne sieht, dass die Anzeigetafel an der Tramhaltestelle zu blinken beginnt, sprintet man los, als würde dort nach einer Zombie-Apokalypse das letzte Trinkwasser auf Erden verteilt werden. Dass der nächste Zug schon in 3-4 Minuten kommt – geschenkt. Alle, die eher aus ländlichen Gegenden kommen, empfinden selbst einen Sechs-Minuten-Takt als puren Luxus. Wer eine gewisse Zeit in Berlin lebt, hält das hingegen für absolut inakzeptabel. Sechs Minuten warten? Hallo? Wie unmenschlich – ein klarer Fall für Amnesty International.

Überhaupt lässt einen der Nahverkehr die wohl größte Metamorphose durchmachen. Die Wege in Berlin sind lang und etwa die Strecke zum Arbeitsplatz (und zurück!) ist so eng getaktet, dass man dort so wenig Zeit wie möglich verbringt. Eine Signalstörung bei der S-Bahn (gefühlt ein Sammelbegriff für Verspätungen aller Art), die einen plötzlich acht Minuten am Gleis herumdümpeln lässt, bringt den ganzen Tag durcheinander. Weil das eigentlich ständig passiert, kommen immer alle zu spät (was einem irgendwann auch nichts mehr ausmacht). Pufferzeit einplanen und einfach zehn Minuten früher aufbrechen? Haha. Da könnte man auch gleich in eine Bäckerei gehen und Brötchen bestellen.

Keep calm and wait for the Bürgeramts-Termin!

Oder sich über die überlasteten Bürgerämter aufregen. Oder die dort eingesetzte aus der Steinzeit stammende Software. Oder die endlos langen Wartezeiten. Ernsthaft. Denn jeder weiß: Einen Reisepass bekommt man nicht von heute auf morgen und eine Wohnungsanmeldung muss von langer Hand geplant sein. Keep calm and wait for the Bürgeramts-Termin! Anders geht es sowieso nicht.

Bei mir ging das In-Berlin-ankommen aber vor allem Hand in Hand mit der Entdeckung des Westens. Wer zuzieht, will ja meist nach Neukölln, Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte oder Prenzlauer Berg. Je mehr Menschen man aber in Charlottenburg, Lichterfelde oder Reinickendorf kennenlernt, desto mehr weiß man die grüneren und unaufgeregteren Ecken der Stadt zu schätzen und siedelt irgendwann selbst über. Klar ist es schön, mit einem Feierabendbier im Mauerpark oder auf der Admiralbrücke in Kreuzberg zu sitzen – aber wer jemals über den kleinen Wannsee und den Griebnitzsee geschippert ist um dann vor Schwanenwerder Sonnenuntergang zu gucken, weiß, dass es eigentlich kaum etwas besseres gibt. Mit einer Freundin spazierte ich vor einiger Zeit durch Reinickendorf und fühlte mich in Alt-Wittenau, nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Plattenbauten im Märkischen Viertel entfernt, plötzlich wie auf dem Land, als sich die aus dem dem 15. Jahrhundert stammende und von uralten Bäumen und alten Grabsteinen umsäumte Dorfkirche vor uns auftat. „Go West“ sangen schon die Pet Shop Boys – und recht hatten sie. Als ich vor fast acht Jahren nach Berlin kam, hätte ich das nicht gedacht. An die Schrippe werd’ ich mich aber wohl trotzdem nie gewöhnen.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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