Konsumrausch

Die abgrundtiefe Hässlichkeit der Berliner Shopping-Malls

Charakterlose Klötze mit immer gleichen Läden verschandeln die Stadt. Warum werden noch mehr gebaut? Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Das Alexa bei seiner Eröffnung im Jahr 2007 - ein Alptraum in Rosa

Das Alexa bei seiner Eröffnung im Jahr 2007 - ein Alptraum in Rosa

Foto: picture alliance

Dass sich über Geschmack nicht streiten lässt, ist eine Lebensweisheit. Trotzdem kommt immer auch mal der Zeitpunkt, an dem man mit solchen Regeln brechen muss – in diesem Fall: jetzt.

Der Grund: Berlin bekommt eine neue Shopping-Mall. Hurra! Immerhin haben wir ja noch nicht genug, gerade mal 60 Einkaufscenter gibt es in dieser Stadt, das ist ja nicht mehr auszuhalten. Jetzt also noch eines, in Friedrichshain auf dem Areal neben der East Side Gallery.

120 Geschäfte sind geplant, natürlich auch Gastronomie und ein Supermarkt. Da es extrem viele Touristen in der Gegend gibt, viele Hostels und Hotels, ist das ganze aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich nicht dumm. Aber wenn man jetzt mal aus ästhetischer und rein geschmacklicher Sicht argumentiert, fällt mir eigentlich nur noch eines ein: Geht’s noch?

"Rosafarbener Kotzbrocken" - ein passender Spitzname

Viele der Berliner Shopping-Malls sind potthässlich. Das Alexa zum Beispiel, das übrigens gerade mal 2,5 Kilometer Luftlinie von der neuen Mall entfernt liegt: ein Alptraum in Schweinchenrosa, der durch ein paar total abgefahrene Art-Déco-Elemente noch gruseliger aussieht. Den Spitznamen „rosafarbener Kotzbrocken“ trägt das Gebäude völlig zu recht.

Verstörend ist auch das Shoppingcenter Eastgate in Marzahn-Hellersdorf. Das Haus ist in einen futuristischen Metalllappen eingewickelt. Und sieht damit wie die städtebauliche Variante des Döners aus.

Auch unschön: das Märkische Zentrum in Reinickendorf. Beim Anblick der hell-türkis-grünen Lamellenfassade wartet man nur darauf, dass das Telefon klingelt, die 80er-Jahre anrufen und fordern, man möge ihnen endlich ihr Design zurückgeben.

Beim Gesundbrunnencenter wurde dagegen ganz auf Gestaltung verzichtet und einfach ganz viel Glas und ein bisschen Metall verbaut. Warum auch kreativ werden?

Das neue Center in Friedrichshain sieht den Plänen zufolge aus, als wäre ein Ufo direkt neben der Mercedes-Benz Arena gelandet. Eine unheimliche Begegnung der dritten Art zwischen Bahn-Gleisen und Spree.

Überall die gleichen Läden

Das eigentlich Schlimme ist aber, dass die Konsumhöllen nicht nur von außen schrecklich aussehen, sondern sie sich vor allem in ihrem Inneren komplett gleichen. Überall gibt es die Mischung aus Klamottenläden (wie H&M, Esprit, Zara), Schuh- und Accessoire-Geschäften (Görtz, Deichmann, Bijou Brigitte) und natürlich immer eine Rossmann-, dm- und Douglas-Filiale sowie die große Fress-Ecke, auf Mall-Deutsch „Food Court“ genannt.

Außerdem ein Muss: ein Elektronikriese mit grellem Licht (wahlweise Media Markt oder Saturn), ein großer Supermarkt (Edeka, Kaisers, Real) und – aber da gibt es bereits Ausnahmen wie die Mall of Berlin am Leipziger Platz, die es gar nicht erst mit Kultur versucht – ein , mehrstöckiger Buchladen. Oftmals findet sich auch noch ein Fitness-Center auf dem Dach.

Die Shopping-Höllen sind dadurch riesige Organismen, die die Kunden den ganzen Tag durch ihre Adern schleusen. Ohne dass diese auch nur einen Sonnenstrahl abgekommen. Am Abend werden sie mit vollen Tüten und leeren Portemonnaies nach ihrem Wahnsinns-Shopping-Trip wieder ausgespuckt. Nach läppischen zwölf Euro für die Parkgebühr geht es ab nach Hause.

Leere in der Mall of Berlin

Die Frage ist ja jetzt: Ist es das, was der Berliner will? Eigentlich gilt ja das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Gäbe es keine Kunden, gäbe es auch keine Malls. Auf der anderen Seite ist aber auch auffällig, wie leer die Shoppingcenter tagsüber mitunter sind.

Vor allem in der riesigen Mall of Berlin verlieren sich unter der Woche die Kunden auf den vielen Etagen und Gängen und irren umher, wie Gestrandete auf einer einsamen Insel.

Immerhin: Bis auf die grelle Werbung am Leipziger Platz fügt sich die Mall einigermaßen gut in die Umgebung ein, auch das 2014 wieder eröffnete Bikini-Haus in der City West ist ausnahmsweise keine Bausünde geworden. Und sonst? Bleibt zum Einkaufen wohl nur das Internet. Oder eben ein Kotzbrocken in Schweinchenrosa.

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