Ach, was ist das wieder alles furchtbar: Deutschland Letzter beim ESC, Hertha nur Siebter in der Bundesliga, Alba bei den Play-offs raus. Und dann das Wetter: rabenkalt. Wie soll man das aushalten? Und macht jetzt mal jemand die Parks sauber? Saniert Straßen und Brücken? Wann baut der Senat endlich genug preiswerte Wohnungen? Nee, nee. Nichts läuft ordentlich. So kann das doch nicht weitergehen.

Es ist schon ziemlich nervig, immer aufs Brot geschmiert zu bekommen, was wieder mal nicht klappt in Berlin. Wie mittelmäßig die sich angeblich immer wieder selbst überschätzende Stadt doch ist, dazu das ganze Blabla vom Flughafen, der S-Bahn, den Schulden und Hartz IV. Berlin, du Unvollendete, an dir wird immer was zu meckern sein. Und trotzdem gibt es da diese Momente. Wenn man abends zum Beispiel mit einer Tüte Lakritz auf dem Teufelsberg sitzt, auf diese nicht funktionierende Stadt herunterschaut und einfach nur denkt: Boah ey, ist das super hier.

Ambivalenz aus Scheitern und Faszination

Diese ewige Ambivalenz aus Scheitern und Faszination gehört wohl zum Schicksal der Stadt – und hat sie zur Projektionsfläche für so ziemlich alles gemacht. Fürs Gewinnen und Verlieren, für Extreme und Langeweile, für Liebe und Hass, für Abgesänge und Lobeshymnen. Okay, das klingt nach Pathos. Ist aber tatsächlich so.

Ist Ihnen zum Beispiel schon einmal aufgefallen, dass vielen, zum Teil absurden Zuschreibungen zufolge Berlin nicht einfach nur Hauptstadt Deutschlands ist? Berlin ist auch Spaß-Hauptstadt („Focus Online“), Hauptstadt der Optimisten (Ergebnis einer Hertie-Studie), Hauptstadt der Möglichkeiten („Immobilien Zeitung“). Auch bei praktischen Dingen sind wir Spitze – das soll nicht vergessen werden. Mit 3000 Exemplaren ist Berlin zum Beispiel Hauptstadt der Litfaßsäulen („Handelsblatt“), die Hauptstadt der französischen Schriftsteller (laut französischer Botschaft – seltsam), Hauptstadt der Laubenpieper (Berliner Mieterverein), Hauptstadt der Demonstranten (Deutschlandradio Kultur), Hauptstadt der Countrymusik („Kieler Nachrichten“) – von wegen Techno. Und Hauptstadt der Darkrooms („Tip Berlin“) – auch das sollte man im Hinterkopf behalten.

Berlin, du Hauptstadt der Diebe

Und noch mehr Titel hat Berlin in der Vergangenheit erworben: Hauptstadt der Burger („Berliner Zeitung“), gleichzeitig Hauptstadt der Vegetarier (Eat Smarter) und Hauptstadt der Veganer, Detoxer, Straight Edger, Clean Eater („Tip Berlin“). Berlin ist Hauptstadt der Hühner (RBB), Hauptstadt der Bienen (Vox), Hauptstadt der Wildschweine (Hessischer Rundfunk) und Hauptstadt der Ratten („Südwest Presse“). Im Internet fand ich außerdem den Hinweis, Berlin sei Hauptstadt der Spatzen und Baukräne, wobei ich nicht weiß, ob beides wirklich jemand zählt. Klarer verhält es sich schon bei den Negativrekorden, von denen es natürlich auch einige gibt: Hauptstadt der Armen („FAZ“), Hauptstadt der Tierversuche (Deutschlandfunk), Hauptstadt der Gewalt („Kölner Stadtanzeiger“), Hauptstadt der Diebe (RBB), Hauptstadt der Alten („Ärzte Zeitung“). Wegen des Hundeverbots am Schlachtensee und des Kifferverbots im Görlitzer Park fragte die Nachrichtenagentur dpa sogar: Wird Berlin jetzt zur Hauptstadt der Spießer?

Na klar! Hauptstadt der Spießer, Hipster, Trendsetter, Möchtegerns, Langweiler. Der Rentner, der Jungen, der Freiheit, alles zu hassen und zu mögen, was einem gefällt. Die Hauptstadt der Berlin-Lästerer und -Liebhaber, der Genießer und Fast-Food-Junkies. Hauptstadt des BER-Desasters und eines Hertha-Trainers, der einen siebten Platz zum Saisonende trotz besserer Chancen für „wunderschön“ hält. Eine Stadt, in der man sich jeden Tag neu aussuchen darf, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, und in der es den Einwohnern egal ist, was so über sie geschrieben wird. In der es auch an grauesten Tagen besondere Momente gibt, in der man einfach nur denkt: Boah ey, ist das super hier.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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