Jetzt, da der Sommer so langsam in Schwung kommt, habe ich einen kleinen frommen Wunsch an alle Berliner Autofahrer: Bleibt doch bitte alle mal cool!

Denn je wärmer es draußen wird, desto mehr hat man das Gefühl, dass vielen von ihnen die Sicherungen durchbrennen. Und sie sich in diesem kleinen, vermeintlich geschützten Raum ihres Vehikels immer öfter so benehmen, als hätten sie schlichtweg nicht mehr alle Latten am Zaun.

Zum Beispiel vor wenigen Tagen im Tiergartentunnel: Ich fahre mit dem fließenden Verkehr in fließender Geschwindigkeit mit, weder besonders langsam noch besonders schnell. Doch plötzlich wird es in meinem Auto dermaßen hell, als habe jemand das Flutlicht angeknipst. Oder einen dieser Lichtspots aus dem Zirkus, wenn ein Löwe im dramatischen Dunkel der Manege durch einen Hula-Hoop-Reifen springt und keiner woanders hinschauen soll außer auf ihn.

Hinter mir: Ein Transporter, der mir mit überaus großzügigen drei Millimeter Sicherheitsabstand auf der Stoßstange hängt und mit seinem Fernlicht hyper-aggressiv in den Rückspiegel strahlt. Fahr schneller! Das will der Mann am Steuer offenbar sagen. Sehr nervig – und vor allem dämlich. Denn vor mir sind alle anderen Autos in exakt dem gleichen Tempo unterwegs. Ein Durchkommen gibt es nicht.

Wildes Hupen an der Ampel

Super sind auch die Menschen, die einem bei der temporeduzierten Parkplatzsuche in aller Ungeduld so dicht auffahren, dass kein Blatt Papier mehr zwischen die Autos passt. Nur um irgendwann den Motor aufheulen zu lassen und dann demonstrativ mit tippendem Zeigefinger an der Schläfe zu überholen.

Oder die, die sofort eine wilde Hup-Arie starten, wenn man eine Hundertstelsekunde, nachdem die Ampel auf Grün gesprungen ist, nicht sofort aufs Gaspedal tritt.

Zu meinen Lieblingen gehören auch die Herrschaften, die trotz ausgeweiteter Polizeikontrollen mit 180 Sachen so laut wie ein Düsenjet über den Kudamm rasen, um allen zu zeigen, was für supergeile Typen sie sind.

Peinliches Verhalten am Steuer

Schon immer haben Menschen ja im Auto Dinge getan, die sie auf offener Straße so nicht tun würden. Laut den Lieblingssong im Radio mitsingen zum Beispiel oder sich unappetitlich in der Nase bohren. Kann man in jedem Verkehrsstau auf der Leipziger oder Potsdamer Straße beobachten.

Doch zu diesen Dingen gehört wohl auch das Ausüben dieser aggressiven Fahrweise gegen andere, die nicht nur nervt, sondern irgendwie ja auch gefährlich ist.

Man stelle sich das Ganze mal unter Fußgängern vor, zum Beispiel im Park. Würde jemals jemand einen langsamen Spaziergänger aus dem Weg schubsen? Würde man ihm zur Strafe für seine Langsamkeit mit einer Halogenlampe in die Augen strahlen? Ihm volle Kanne in die Hacken treten? Oder ihn laut anschreien, wenn er bei einer grünen Fußgängerampel nicht sofort losläuft? Eben. Für so manchen Berliner Autofahrer ist das alles aber offenbar kein Problem.

Wie die Pöbler bei Facebook

Im Grunde verhält es sich damit so wie mit den Pöblern bei Facebook. Mit ganzem Namen und Foto gießen sie ihren Hass und schlechte Laune in Kommentarfeldern aus, sitzen in Wahrheit aber irgendwo in ihrem schmucken Reihenendhaus am PC, wo sie gleich nach der Computersession mit ihrem süßen Golden Retriever Gassi gehen und freundlich dem Nachbarn winken. Dr. Jekyll und Mr. Hyde lassen grüßen – und genau so ist es auch im Straßenverkehr.

Das Auto erscheint für die rabiaten Fahrer wie ein kleiner, eigener rechtsfreier Raum. Darin kann man sich gern mal wie die offene Hose benehmen – und braucht keine Angst zu haben, dass jemand Kontra gibt.

Vielleicht kann man ganz froh sein, dass es zum Ende dieser Woche hin dann doch wieder etwas abkühlt. Und dass über Pfingsten die Stadt wieder einmal leerer wird, sodass so mancher Wüterich unter den Autofahrern vielleicht Berlin verlässt. Das wäre schön. Dann können wir wieder ohne Flutlicht durch den Tiergartentunnel fahren.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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