Stau und Verkehr

Die Invalidenstraße bleibt Berlins Straße des Grauens

Auch nach der nervigen Dauerbaustelle sind die Zustände hier desolat – und die Tram kommt nicht voran. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Die M10 fährt jetzt auch bis zur neuen Station am  Hauptbahnhof - wenn sie nicht im Stau steht

Die M10 fährt jetzt auch bis zur neuen Station am Hauptbahnhof - wenn sie nicht im Stau steht

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Der gestrige Morgen war ein guter Morgen. Jedenfalls in Sachen Work-Life-Balance. Noch vor der Arbeit habe ich den schönen Roman fertig gelesen, den ich gerade mit mir herumtrage. 62 Seiten waren noch übrig, gar nicht wenig, aber ich hatte auch Zeit. Viel Zeit. Genau genommen: unendlich viel Zeit.

Denn ich war ja im morgendlichen Berufsverkehr mit der Tram M10 auf der Invalidenstraße in Mitte unterwegs. Beziehungsweise nicht unterwegs. Beziehungsweise ich steckte fest. Irgendein Scherzkeks von Stadtplaner hatte hier vor vielen vielen Jahren offenbar die glorreiche Idee, die neuen Tramgleise zum Teil direkt auf die Straße zu bauen, auf dass sich Auto und Bahn eine Spur teilen können. Hurra – immerhin ist Teilen ja sowieso gerade total angesagt, bei Häusern und Kleinwagen zum Beispiel oder bei Büros.

Das Dumme ist nur: Auf der Invalidenstraße herrscht jeden Morgen Stau. Und die M10, die seit vergangenen Spätsommer dankenswerterweise bis zum Hauptbahnhof fährt, steckt jedes Mal mitten drin. Und quält sich ebenso wie die hupende Autoschlange nur im Schneckentempo voran, sodass man für hundert Meter im Durchschnitt 20 Minuten braucht. Kein Witz: Meine 91 Jahre alte Oma mit ihrem Rollator ist schneller. Sinnloser kann öffentlicher Nahverkehr nicht sein.

Rot-weiße Absperrzäune und mies gelaunte Autofahrer

Aber die Invalidenstraße ist ja ohnehin seit einer gefühlten Ewigkeit Berlins Straße des Grauens. Von 2011 bis 2015 wurde hier gebaut und Tramgleise in die Straße eingelassen. Jahre waren das, in denen die Invalidenstraße ein direkter Weg in die Hölle war: voller rot-weißer Absperrzäune und mies gelaunter Autofahrer. Keine Chance, da heil wieder herauszukommen. Jetzt ist die Baustelle zwar weg – aber das Chaos ist noch da.

Die Invalidenstraße ist damit eigentlich die einzige Straße Berlins, die auch so heißt, wie man sich auf ihr fühlt: macht- und kraftlos, wahnsinnig und krank, bewegungs- und arbeitsunfähig. Letzteres vor allem, weil man es unter keinen Umständen pünktlich ins Büro schafft.

Dass gleich zwei Bundesministerien an der Invalidenstraße ihre Adresse haben – darunter ausgerechnet das Ressort Verkehr vom heimlichen CSU-Modeminister Alexander Dobrindt – ist sicherlich nur Zufall.

Ich selbst bin dazu nicht mutig genug, aber alle, die mit dem Fahrrad auf der Invalidenstraße unterwegs sind, beklagen sich außerdem über die Radstreifen. Die sind zwar auch schick und neu – aber immer wieder zugeparkt. Nett ist ja, dass die Berliner Polizei jetzt eine Woche lang in einer superduper Sonderaktion Knöllchen an die Falschparker verteilt. Übernächste Woche ist selbstverständlich alles wieder beim Alten. Wir wollen ja nicht übertreiben.

Wenn Touristen hektisch werden

Mithalten mit der Invalidenstraße in Sachen Nerv- und Staufaktor können aber auch noch andere Wege der Stadt. Warum es auf der Leipziger Straße trotz vier (!) Fahrspuren in jede Richtung so oft nicht vorangeht, hat sich mir nie erschlossen - und hier fahren nicht einmal Trams. Schrecklich sind auch die Potsdamer Straße durch Schöneberg, die Otto-Braun-Straße am Alex, die Oranienstraße in Kreuzberg, der Tempelhofer Damm und das Dauerbaustellengebiet Unter den Linden, das ich, seit ich denken kann, noch nie ohne Loch im Boden und rot-weiße Barrikaden gesehen habe.

Alle Nutzer der Tramlinie M10 kennen die leidigen Stop-and-go-Phasen zudem nicht nur von der Invaliden-, sondern auch von der Bernauer und Eberswalder Straße. Touristen drücken dann immer ganz hektisch den Türöffner-Knopf, weil sie weit hinten schon den Mauerpark sehen und bei jedem unfreiwilligen Stopp denken, es sei eine Haltestelle erreicht.

>>> Reportage: So hart wie die M10 ist keine andere Tram in Berlin <<<

Wer hier wohnt und das alles kennt, bleibt meist ruhig und blättert lieber noch eine Seite in seinem Buch um. Oder beschäftigt sich mit seinem Smartphone, Möglichkeiten gibt es ja zum Glück genug. Ich könnte eigentlich die nächste Kolumne in der Tram schreiben. Zeit hätte ich ja. Nur die Work-Life-Balance stimmt dann nicht mehr.

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