Europameisterschaft

Warum es okay ist, sich nicht für die EM zu begeistern

Der Schland-Hype geht wieder los – auch in Berlin. Nina Paulsen findet: Nicht jeder muss da mitmachen. Bekenntnisse einer Verweigerin.

Feiern auf der Fanmeile oder beim Public Viewing? Auch in diesem Jahr werden wieder Tausende Fans die Spiele der Nationalmannschaft verfolgen.

Feiern auf der Fanmeile oder beim Public Viewing? Auch in diesem Jahr werden wieder Tausende Fans die Spiele der Nationalmannschaft verfolgen.

Foto: Jan Woitas / dpa

So, EM also. Wahnsinn. Zwei Mal werden wir noch wach – heißa – dann ist Eröffnungstag. Sind Sie auch so aufgeregt? Und haben die schwarz-rot-gelbe Gesichtsschminke in der Schublade? Die Flaggen ans Auto geklippt? Das Bier kalt gestellt? Schön für Sie. Ich gönne Ihnen die Schland-Sause wirklich von Herzen. Für mich allerdings ist die ganze Sache nichts.

Für alle Fußball-Verweigerer brechen jetzt vier harte Wochen an: EM in der Dauerschleife im TV, kein „Tatort“, keine guten Filme, nur Wiederholungen. Im Supermarkt strahlen einem aus allen Regalen die Spieler der Nationalelf oder eben deutsche Flaggen entgegen, egal, ob es sich um stilles Mineralwasser, Studentenfutter oder Hautcreme handelt. Die Frage ist ja: Kauft wirklich jemand eine Nuss-Rosinen-Mischung, nur weil jetzt auch ein Fußball auf die Packung gedruckt ist?

>>Was man zur Berliner Fanmeile wissen muss

In Berlin ist es besonders nervig, dass man eigentlich nirgendwo mehr essen oder etwas trinken gehen kann, wenn gleichzeitig ein Spiel läuft. Also fast immer. Viele Wirte machen den Fernseher ja nicht nur zu den Deutschlandspielen, sondern ständig an. Am Sonnabendmittag gibt es zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit zum Beispiel die Hammer-Partie Albanien gegen Schweiz. Beim Abendessen einige Tage später darf man sich dann auf eine Hintergrundbeschallung des bestimmt super-spannenden Matches Island gegen Österreich freuen.

Als EM-Verweigerer geht man aber zum Glück der schwierigen Frage aus dem Weg: Wo gucken? Es gibt ja Menschen, die dann auf die Fanmeile vor das Brandenburger Tor ziehen. Um bei sengender Hitze, teuren Getränken und dreckigen Toiletten stundenlang darauf zu warten, dass es endlich losgeht. Deren Ausdauer ist bewundernswert. Wobei es am Ende ja nun wirklich ein tolles Erlebnis sein kann, mit anderen vor der Leinwand zu stehen und gemeinsam zu jubeln – und ein Wirgefühl zu erzeugen, das jeder dummen Gauland-Nachbarn-Debatte trotzt. Andererseits: Das mit dem Wirgefühl passiert bei Karnevalsumzügen und Schlagerparaden auch. Und da würde man ja auch nicht freiwillig hingehen.

>>Das Morgenpost-Spezial zur Europameisterschaft in Frankreich

Ziemlich nett kann es dagegen sein, mit Freunden zu grillen und dabei einfach einen Fernseher aufzustellen. Der Sport ist dabei für die EM-Verweigerer allerdings gar nicht wichtig, sondern vielmehr das soziale Event an sich. Von mir aus könnte dann aber auch Curling über den Bildschirm flackern – oder gleich die Strick-WM. Für Fußball-Verweigerer ist es eigentlich am besten, genau während der Deutschlandspiele Besorgungen zu machen und wichtige Angelegenheiten zu klären. Die Supermärkte sind wunderbar leer, die Straßen auch. Hätten Berlins Bürgerämter zu den Spielzeiten offen, man bekäme sicherlich sofort einen Termin. So richtig aus dem Weg gehen kann man der EM aber leider nicht. Auch unfreiwillig bekommt man als halbwegs aufmerksamer Mensch mehr mit, als einem lieb ist: zum Beispiel, dass das Team aus Wales einen Friseur dabei hat. Dass bei allen Mannschaften sichtbare Unterwäsche die gleiche Farbe haben muss. Dass Marco Reus wegen Problemen an den Adduktoren nicht in Jogis Kader ist. Adduktoren! Eigentlich ist das ein Begriff, den nur Ärzte und Fitnesstrainer kennen sollten. Jetzt kennt ihn die halbe Welt. Mit der EM ist es im Grunde wie mit der Hochzeit von Daniela Katzenberger am vergangenen Wochenende. Diese Fotos blieben uns ja auch nicht erspart.

Wenn Sie bis hier gelesen haben, haben Sie als Fußball-Fan sicher schon mehrfach die Augen verdreht. Alle anderen: Willkommen auf der Seite der Minderheit. Rund 25 Millionen Deutsche haben die Vorrundenspiele der Nationalelf bei der WM 2014 geguckt, beim Finale waren es sogar 35 Millionen. Und das sind nur die TV-Quoten, ohne Public Viewing. Es hilft also nichts: Augen zu und durch. Seien wir lieber froh, dass die Hochzeit von Frau Katzenberger nicht vier Wochen gedauert hat.

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