Mein Berlin

Warum Berlinern einfach gar nichts mehr peinlich ist

Mit Jogginghose in die Oper und zum Date? In der Hauptstadt kein Problem. Das sagt viel über die Berliner aus, glaubt Nina Paulsen.

In der Hauptstadt ist die Jogginghose gesellschaftsfähig

In der Hauptstadt ist die Jogginghose gesellschaftsfähig

Foto: Ole Spata / picture alliance / dpa

„Flughafen“ ist ein Wort, das überall auf der Welt einen größeren Flugplatz für allgemeinen Flugverkehr beschreibt. In Berlin ist das anders. Hier ist das Wort „Flughafen“ ein Gefühl.

Ärger. Wut. Hass. Antipathie. Verbitterung. Rachsucht. So etwas in der Art fällt einem da ein. Und dann vielleicht noch: Scham. Verlegenheit. Kümmernis. Krampf. Totale Resignation.

Seit dem vergangenen Wochenende ist die Liste der Schmach vermeintlich um einen Punkt länger. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (mehrere Fantastilliarden Dollar schwer, Chef eines multinationalen Konzerns) kürzlich für seinen Berlin-Besuch in Schönefeld landete, wartete dort Karsten Mühlenfeld (Chef eines nicht funktionierenden, mehrere Fantastilliarden verschlingenden Großflughafens) auf ihn.

Und dessen Ehefrau. Und ein großes Willkommens-Schild samt Fotografen.

Fast so peinlich, wie ein Fleck Tomatensoße

Eine Blechbläser-Kapelle wäre als Teil des Empfangskomitees auch toll gewesen. Aber daran hatte niemand gedacht. Doch so oder so: Zuckerberg gefiel die ganze Sache nicht. Er stieg erst aus der Maschine aus, als Mühlenfeld samt Entourage unverrichteter Dinge wieder vom Rollfeld abgezottelt war.

Um es mit Model-Mama Heidi Klum zu formulieren: Sorry Karsten, an diesem Tag gab es leider kein Foto für dich.

Tja. Peinliche Sache. Ungefähr so, wie nach stundenlangem Aufbrezeln und Anstehen nicht in einen Club reinzukommen. Oder sich beim Mittagessen einen großen Fleck Tomatensoße auf die Klamotten zu schmieren, in denen man den Rest des Tages noch in mehrere wichtige Termine bestreiten muss.

Hier trägt man die Jogginghose mit Würde

Auf der anderen Seite heißt es ja auch, dass Berlinern im Grunde gar nichts peinlich ist. Eine Kollegin von mir hat dazu eine interessante Theorie entwickelt, beziehungsweise einen Gradmesser identifiziert: die Gesellschaftsfähigkeit der Jogginghose.

Also: Anderswo wird man schon komisch angeguckt, wenn man im lauschigen Halbdunkel des anbrechenden Tages mal schnell im gemütlichen Beinkleid den Müll nach unten bringt. An solchen Orten sind die Menschen dann besonders verklemmt und ihnen ist eben extrem viel peinlich.

In Berlin dagegen kann die Jogginghose ins Büro, in die Schule, in die Oper oder zum ersten Date angezogen werden – und zwar mit Würde, Eleganz und Selbstverständlichkeit. Hier schämt man sich der Theorie zufolge für gar nichts mehr.

Ein Bekenntnis zur Gemütlichkeit

Ich glaube, da ist was dran. Die Jogginghose ist in Berlin so etwas wie ein stoffgewordener Stinkefinger an alle Nörgler, die glauben, einen nach Preis und Herkunft der Kleidung beurteilen zu müssen. Ein Statement für Lässigkeit in allen Lebenslagen. Ein Bekenntnis zur Gemütlichkeit.

2014 präsentierte selbst Karl Lagerfeld auf der Pariser Fashion Week einige Jogginghosen-Modelle für Chanel – obwohl er selbst einst sagte, wer eine Jogginghose trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Da hat er wohl dazugelernt, der Gute. Oder die Kontrolle über die Mode verloren.

Vielleicht war also auch Berlins Flughafen-Chef Karsten Mühlenfeld die Abfuhr von Mark Zuckerberg am Ende gar nicht peinlich. Vielleicht hat er die Verweigerung einer Begrüßung als exzentrisches Getue eines verwöhnten Jungen abgetan, kopfschüttelnd sein „Willkommen“-Transparent wieder zusammengerollt und gedacht: „Was soll’s, dann eben nicht.“

Dann ist er zurück in sein Büro gefahren, hat – so stelle ich mir das vor – die unbequeme Anzughose gegen seine Lieblingsjogginghose getauscht und sich an seinem Computer bei Facebook eingeloggt. Dort sah er frisch gepostete Fotos von Zuckerberg: joggend vor dem Brandenburger Tor. Ohne Jogginghose, sondern trotz Kälte und Schnees mit einer kurzen Trainingshose, denn, na klar, nur die Harten kommen in den Garten.

Da musste Mühlenfeld ein wenig schmunzeln. Denn er weiß: Die Jogginghose hat wie der Flughafen nun mal eine eigene Bedeutung in Berlin. Im Rest der Welt ist sie Schlabbertextil mit schlechtem Ruf. In der Hauptstadt ist die Jogginghose – natürlich – ein Gefühl.

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