In der Schule war es früher bei Referaten ein gern genutztes Stilmittel, den Vortrag mit einem Zitat zu beginnen. Ein markanter Satz, der die zuhörende Klasse einstimmen sollte auf das, was nun folgen sollte – und der einen besonderen, charakteristischen Bezug zum Referatsthema hat.
Erlauben Sie mir, auch diesen Text der guten alten Zeit wegen mit einem Zitat zu beginnen. Ich las es vor wenigen Tagen in einem anderen Artikel. Es stammt vom Benimm-Experten Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge und passt ziemlich gut zum Thema dieser Kolumne – also zu Berlin.
Knigge nämlich sagte: „Zum Reisen gehört Geduld, Mut, Humor und dass man sich durch kleine widrige Zufälle nicht niederschlagen lasse.“
Die langsamsten Drehtüren von ganz Berlin
Doch in unserer Stadt, insbesondere am Hauptbahnhof, werden Geduld, Mut und Humor regelmäßig überstrapaziert, um es mal zurückhaltend auszudrücken. Vor allem dann, wenn der Beginn einer großen Reise, die mit Hoffnungen, Träumen und Vorfreude auf das ferne Unbekannte beginnt, erst einmal ausgebremst wird: an den langsamsten Drehtüren von ganz Berlin.
Nur im Schneckentempo kommt man durch sie in den Bahnhof hinein. Die Glaszwischenwände scheinen außerdem über einen unsichtbaren Schutzschild zu verfügen – denn sobald man ihnen zu nahe rückt, stoppt die gesamte Tür abrupt ab. Man hätte als Bahnhofsbauer die Türen natürlich auch einfach ganz offen lassen oder zumindest Schiebetüren wie in einem Kaufhaus einbauen können.
Auf Gleis 16 weht ein Wind wie in Sibirien
Letztendlich ist es aber auch völlig schnuppe, ob das Bahnhofsinnere durch diesen einen Zentimeter Glas von der Außenwelt getrennt wird – denn im gesamten Gebäude zieht es wie Hechtsuppe. Oben auf den S-Bahngleisen 15 und 16, an denen derzeit jeden Morgen zitternde Pendler warten, weht selbst an Frühlingstagen ein Wind wie in der sibirischen Taiga.
Auch wenn draußen schon erste Krokusse und Narzissen blühen, trotzen schmuddlige Reste von im Dezember zusammengefegten Schneehaufen auf den Bahnsteigen hart und frostig der Sonne. Ganz unten, das Areal wird passenderweise „Tief“ genannt, fühlt es sich selbst im Hochsommer wie im Kühlschrank an.
Auf den beiden mittleren Ebenen ist es nicht viel besser. Wer länger auf seinen Zug warten muss und nicht in eines der vielen Geschäfte flieht, erfriert. Wohl deshalb heißt das ganze „Einkaufsbahnhof“.
Wie Steinzeitmenschen ums Feuer sitzen
Nur einen Ort gibt es, um sich aufzuwärmen: Unten, zwischen Kaiser’s und Rossmann, haben sie ein paar Heizelemente, Glaswände und Sitzbänke aufgebaut. In diesem Verschlag kann man dann wie früher die Steinzeitmenschen ums Feuer sitzen und sich die Hände warm reiben. Willkommen im größten und modernsten Kreuzungsbahnhof Europas!
Nun gut, als Berliner kommt man nicht allzuoft in so eine Situation. Eher als Tourist – und als solcher tut man gut daran, möglichst rechtzeitig vor Ort zu sein.
Wer mit Kind, Kegel, Koffern und Taschen oben aus der S-Bahn steigt und ganz unten auf Gleis sieben in fünf Minuten den ICE nach Hamburg bekommen muss, hat keine Chance. Weder über die vielen proppevollen Treppen noch über die Fahrstühle, die in Sachen Langsamkeit eine harte Konkurrenz für die Drehtüren sind. Eigentlich unbegreiflich, wie diese Stadt mit dem TXL den Flughafen mit den kürzesten Wegen bauen konnte – dann aber den Hauptbahnhof mit den längsten der Welt.
17 Kloschüsseln für 300.000 Reisende am Tag
Weil ihm der Weg zu den Toiletten zu weit war, pinkelte ein Senior 2013 übrigens sogar auf das Gleisbett – und brachte damit den gesamten Zugverkehr für eine halbe Stunde zum Erliegen. Ich habe es nicht nachgezählt, aber angeblich soll es gerade einmal 17 Kloschüsseln im ganzen Bahnhof geben – für 300.000 Reisende am Tag!
Schön ist das nicht. Irgendwie kann man den wildpinkelnden Mann angesichts dieser Zahlenverhältnisse durchaus verstehen, auch wenn man es ihm natürlich niemals gleichtun würde. Dank Knigge wissen wir ja schließlich, was sich gehört.

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