„Unsere Generation hat noch so hervorragend Deutsch gelernt, zu Hause bei den Eltern und dann in der Schule, dass mir heute jede Abweichung fast wie eine persönliche Verletzung vorkommt“, klagt eine 73 Jahre alte Leserin. Nun, wir haben früher in der Schule auch Regeln gelernt, die so starr waren wie der Vatermörder um den Hals des Studienprofessors. Die Sprache entwickelt sich glücklicherweise fort – erst im Alltag, dann in der Nachrichtensprache und schließlich in der Literatur. Ich vermeide dennoch tunlichst einige Modernisierungen, um nicht tagelang die Beschwerden in meinem Postfach abarbeiten zu müssen.

Niemand stört sich am Ausdruck „Stundenlohn“, während die allgemein verbreiteten Stundenkilometer sämtliche Ingenieure und Physiklehrer gegen die Zeitung in Stellung bringen würden. Das macht zwar keinen Sinn – doch halt! Um Himmels willen, bitte sofort streichen! Eigenartigerweise kann man den Sinn mit der Hälfte der im Deutschen bekannten Verben verbinden, nur angeblich nicht mit machen. Ein Einsender wollte die deutsche Übersetzung von it doesn't make any sense über den Ärmelkanal zurück auf die Insel jagen. Manche Leute scheinen sich ihren Protest als Textbaustein auf eine Taste gelegt zu haben, was anderen aus dem Englischen stammenden Lehnwendungen erspart geblieben ist.

Bei Lehnwendungen handelt es sich um feste Wendungen, die Glied für Glied aus einer fremden Sprache übersetzt worden sind. Meines Wissens halten sich die Einwände gegen die Schmetterlinge im Bauch in Grenzen, ja, sie haben sogar einen poetischen Beigeschmack, obwohl Schmetterlinge, die bei der Ekelprüfung im „Dschungelcamp“ zerkaut worden sind, im Magen alles andere als eine poetische Konsistenz aufweisen (engl. have butterflies in one's stomach). Selbst wenn wir im gleichen Boot sitzen (engl. to be in the same boat), wollen wir mitnichten jemandem die Schau stehlen (engl. to steal the show from somebody).

In Ascot tragen Männer und Frauen Zylinder beziehungsweise Hüte

Andere Hinweise aus dem Deutschunterricht früherer Tage sind hingegen bemerkenswert. Ein Leser weist darauf hin, dass die Konjunktion beziehungsweise kein Synonym zu den verbindenden Konjunktionen und oder oder ist. Das aus der Kanzleisprache stammende Bindewort „beziehungsweise“, das ohnehin so verstaubt klingt, dass es meistens als bzw. abgekürzt wird, verbindet – richtig angewendet – keine Satzglieder, sondern weist verschiedenen Gliedern die entsprechende Aussage zu. Richtig ist: In Ascot tragen Männer und Frauen stets eine Kopfbedeckung, nämlich Zylinder beziehungsweise bunte Hüte.

Hier bezieht sich die Kopfbedeckung auf Männer wie Frauen, wobei ihnen die unterschiedliche Hutform durch „beziehungsweise“ logisch zugeordnet wird. Männer tragen dort keine bunten Hüte und Frauen keine Zylinder, sodass die Konjunktion „oder“ an dieser Stelle stilistisch unsauber wäre. Wenn es jedoch heißt: Er fährt mit dem Auto zur Arbeit, „beziehungsweise“ seine Frau fährt ihn, so ist ein einfaches oder angebracht. Der Weg zur Arbeit bezieht sich ja nicht auf das Geschlecht des Fahrers, denn am Steuer sitzt entweder der Mann oder die Frau.

Nicht egal ist es, von den Schmerzen einmal abgesehen, ob sich der Fußballspieler das Bein mehrfach oder mehrmals gebrochen hat. Hat er sich das Bein mehrfach gebrochen, so dürfte nach einem brutalen Foul nicht nur das Schienbein, sondern auch das Wadenbein gesplittert sein. mehrfach ist ein Vervielfältigungszahlwort. Vervielfältigung bedeutet Gleichzeitigkeit, die Folgen der Blutgrätsche des Gegenspielers in diesem Augenblick. mehrmals ist dagegen ein Wiederholungszahlwort. Bei einer Wiederholung erfolgt etwas nacheinander zu verschiedenen Zeitpunkten. Der Spieler litt in den letzten Jahren mehrmals unter der gleichen Verletzung und taugt jetzt höchstens noch für die Regionalliga Nordost.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
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