Zeitungsleser sind aufmerksam, neugierig und überaus genau. Sie finden jeden Fehler im Blatt, und manchmal finden sie sogar Fehler, die gar keine Fehler sind. Eine Kollegin adaptierte perfekt die etwas verstaubte und verschrobene Juristensprache und schrieb in einer Gerichtsreportage, es sei ungeklärt, wo das Geld geblieben sei, das der Täter erpresst und ertrogen habe. Danach bebte nicht ihr, sondern mein Postfach: ertrogen? Gibt es das Wort überhaupt? Hat die Autorin sich vertippt? Hatte sie eine sprachschöpferische Minute?

Schließlich, und das klang wie ein Keulenschlag, stehe das Wort nicht im Wahrig! Der Wahrig ist zwar durchaus gewichtig (massig, nämlich 3250 Gramm schwer), im anderen Sinne jedoch keineswegs gewichtiger als der Duden – denn im einfachen Rechtschreibduden (26. Aufl., S. 391) finden wir das Wort. Allerdings haben wir es bei der Form ertrogen mit einem Partizip Perfekt zu tun, und wir müssen natürlich unter dem Infinitiv, der Grundform, suchen; die lautet ertrügen. Es handelt sich um ein starkes Verb (ertrügen, ertrog, ertrogen) und hat die Bedeutung „durch Betrug erlangen“. Das Wort ist allerdings häufiger in München zu hören als in Berlin, doch wir können es uns ja einmal ausleihen.

Wir gedenken der Opfer des Attentats auf dem Weihnachtsmarkt im Genitiv, und zwar überall, im Bundestag wie vor Fußballspielen oder bei der Eröffnung der Jahreshauptversammlung des Kaninchenzüchtervereins. Man könnte sagen, bei diesem schrecklichen Geschehen komme es auf den richtigen Kasus nun wirklich nicht an, aber man sollte sich doch die Mühe machen, den Toten und Verletzten wenigstens die richtige Grammatik zukommen zu lassen.

Die Woche beginnt mit dem Montag

Unzufrieden war ein Leser mit meiner Aussage, der Sonnabend sei der sechste Wochentag. Er war bereits beim siebten Tag der Woche angelangt. Nachdem wir einige Bibelverse aus den Büchern Markus und Mose ausgetauscht haben, darf ich mit einigem Nachdruck feststellen, dass nach christlichem und amtlich-genormtem Verständnis die Woche mit dem Montag beginnt. Der liebe Gott schuf die Welt in sechs Tagen, sah, dass es gut war, und ruhte sich am siebten Tag aus. Bei diesem Ruhetag handelt es sich um den Sonntag. Wir wollen das Wochenende doch nicht splitten!

Schwieriger war die Frage zu klären, ob etwas auf oder unter den Nägeln brennt. Der Wahrig ist für „auf“, erlaubt, mager gedruckt, allerdings auch „unter“, während der Duden sich eines typografischen Kommentars enthält und von vornherein ein Sowohl-als-auch anbietet. Aus medizinischer Sicht sollte man überhaupt kein Feuer auf oder unter den Fingernägeln anzünden, falls man keine nicht erstattungsfähige Selbstverstümmelung beabsichtigt. Doch bis in die frühe Neuzeit hinein kannten „christliche“ Inquisitoren und verrohte Landsknechte durchaus die Foltermethode, spitze Stäbchen unter die Nägel zu treiben und anzuzünden. Den armen Opfern brannte es so unter den Nägeln, dass sie zu jedem falschen Geständnis bereit waren.

Überirdische Rohstoffvorkommen?

Ein Leser weist darauf hin, dass Kosten erstattet, aber nicht „zurückerstattet“ werden. Zurückerstattet könne nur ein Betrag werden, der zu Unrecht erstattet worden sei und nun zurücküberwiesen werde. Da wir gerade dabei sind: Strafanzeigen werden erstattet und nicht gestellt, Strafanträge jedoch gestellt und nicht erstattet.

Nicht nachgedacht hatte ein Autor, der von „überirdischen“ Rohstoffvorkommen schwärmte – vielleicht sollten wir uns erst einmal um die oberirdischen Vorkommen kümmern. Trotzdem ist ein Adverb, kann aber auch eine Konjunktion (für: obwohl) sein. Der Satz: Trotzdem es regnete, ging ich spazieren, ist zwar nicht schön, aber korrekt. Bei nebst haben wir es mit einer Präposition mit Dativ zu tun. Es heißt also: nebst anteiligen Zinsen. Manchmal jagt, wie Sie sehen, ein Fehler zwar nicht den „nächsten“, aber den anderen.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
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