Mit einem Einzelwort allein lässt sich im Allgemeinen keine komplexe Angabe machen. Um einen Satz zu bilden, der eine sinnvolle Aussage ergibt, benötigen wir wenigstens zwei und meistens noch viel mehr Wörter. Diese Wörter dürfen wir aber nicht so entnehmen, wie sie im Lexikon stehen, und sie einfach aneinanderreihen. Die Regeln des Satzbaus (der Syntax) verlangen, dass wir die Wörter untereinander in eine bestimmte Beziehung setzen, damit der Satz die gewünschte Bedeutung und den passenden Inhalt (die Semantik) bekommt. Um diese Beziehung der Wörter zu fixieren und einzuordnen, müssen wir sie häufig nach den Regeln der Wortbildungslehre (der Morphologie) flektieren (beugen). Auch ein Satz hat quasi eine Statik, die stimmen muss, damit er uns nicht zusammenbricht wie das Dach einer schlecht konstruierten Turnhalle.
Wir wissen, wer Mutter ist, wir wissen, wer Vater ist, wir können uns vorstellen, wie ein Blumenstrauß aussieht, der schnell an der Tankstelle gegriffen worden ist, und wir kennen den Vorgang des Schenkens. Trotzdem klingt die Zusammenstellung „Vater | schenken | Mutter | Blumenstrauß“ ähnlich holperig wie die C-Dur-Tonleiter während der ersten Klavierstunde. Wir müssen Familienmitglieder zu Gliedern der Grammatik erklären.
Vater ist der Handelnde. In syntaktischer Hinsicht bildet er das Subjekt (den Satzgegenstand). Was tut er? Er schenkt. Diese Verbform ist die Aussage des Satzes, das Prädikat. Wem schenkt Vater etwas? Mutter bekommt das Geschenk. Selbst wenn es herzlos klingen sollte: Mutter ist hier zum Objekt im Dativ degradiert worden. Sie bildet das Dativobjekt. Was schenkt Vater ihr? Einen Blumenstrauß im Akkusativ. Der Blumenstrauß hat die Rolle des Akkusativobjekts übernommen.
Es könnte nun sein, dass Mutter die fünf angewelkten Tulpen als ein wenig lieblos empfunden hat und ihrerseits am nächsten Tag beim Tanken als Retourkutsche einen noch mickerigeren Strauß für Vater ersteht. Jetzt wird Mutter zur Schenkenden, Vater zum Beschenkten, Mutter übernimmt das Subjekt, Vater das Dativobjekt: Mutter schenkt Vater einen Blumenstrauß. Um dem Leser das mitzuteilen, haben Vater und Mutter beim Bau des Satzes die Plätze getauscht.
Obwohl man den Blumen die Tankstelle geradezu ansieht, könnte es ja sein, dass die Herkunft des Straußes trotzdem in den Aussagesatz eingebaut werden soll. Versuchen wir es mit dem Strauß der Tankstelle. Doch jetzt stimmt die Semantik nicht mehr. Ein besitzanzeigendes Genitivattribut ist fehl am Platze, denn die Blumen gehören dem Tankwart ja nicht mehr. Mit einer Syntax wie aus Legosteinen kommen wir nicht weiter. Um die Herkunft der Blumen zu beschreiben, müssen wir das Verhältnis der Satzglieder mit einem Verhältniswort verdeutlichen: der Strauß von der Tankstelle. Verhältniswörter werden als Präpositionen bezeichnet.
Präpositionen sind selbst nicht zu verändern, verändern den Bau des Satzes aber oft entscheidend. Sie bilden mit einem übergeordneten Wort, meist einem Substantiv oder Pronomen, eine feste Gruppe (Präpositionalphrase): nahe dem Bahnhof, von ihm, durch den Fluss. Dabei sind die Präpositionen überaus mächtig. Sie bestimmen nämlich den Kasus (Fall) der Gruppe, und zwar so eindeutig, dass man sagt, sie regieren den Kasus. Dann sprechen wir nicht mehr von einer Flexion, sondern von einer Rektion, von der Fähigkeit, die grammatische Form festzulegen.
Wir könnten nun eine Tabelle mit allen Präpositionen und den zugehörigen Kasus auswendig lernen. Aber so einfach ist es nicht. Viele Präpositionen regieren je nach Aussage zwei Fälle. Die Katze kann zum Beispiel auf dem Baum sitzen (wo?, Dativ), aber auch auf den Baum klettern (wohin?, Akkusativ). Oder dreifach: den Fluss entlang (Akk.), entlang des Flusses (Gen.), auch entlang dem Fluss (selten: Dativ).

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
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