„Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“, erklärte Otto von Bismarck 1888 im Reichstag. Obwohl er fortfuhr: „Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt“, wurde nur der erste Teil seiner Worte zum geläufigen Zitat. Als Pastorentochter wird Angela Merkel ebenfalls eine Gottesfurcht gespürt haben, als sie sagte: „Wir Deutschen schaffen das!“ Heißt es nun wir Deutsche oder wir Deutschen?
In diesem Punkt müssen wir Angela Merkel recht geben: Wir Deutschen, wir Grünen, wir Fußballbegeisterten ist korrekt. Nach einem Personalpronomen wird das Adjektiv wie auch das substantivierte Adjektiv im Nominativ Plural heute schwach flektiert: wir alten Kameraden, ihr treulosen Väter, wir deutschen Steuerzahler. Bismarck flektierte stark, was vielleicht zu seinem Charakter passte, aber inzwischen zwar nicht unbedingt falsch, jedoch veraltet und überholt ist wie die Pickelhaube auf seinem Kopf.
Wohlgemerkt: Wir sprechen vom Nominativ Plural! Beim Akkusativ Plural gibt es nämlich nur die starke Deklination: für uns Deutsche, für uns fortschrittliche Studierende. Das geschieht, um den Akkusativ vom Dativ unterscheiden zu können. Dativ: von uns Deutschen, von uns fortschrittlichen Studierenden.
Ein wenig Durcheinander geht es im Dativ Femininum
Im Singular wird überwiegend stark flektiert, weil das Personalpronomen, das einem substantivierten Adjektiv oder Partizip vorangeht, keine starke Endung aufweist, diese „Stärke“ aber irgendwie ausgedrückt werden soll: ich altes Kamel. Ohne Personalpronomen, aber mit bestimmtem Artikel deklinieren wir schwach: das alte Kamel, bei unbestimmtem Artikel, ohne Artikel und bei unbestimmten Zahlwörtern wiederum stark: ein altes Kamel, altes Kamel, manch altes Kamel.
Ein wenig durcheinander geht es im Dativ Femininum. Nach der Grundregel gilt die starke Flexion: mir alter Frau, und wenn Sie Ihre Umgebung mit korrekter Grammatik beeindrucken wollen, dann reden Sie bitte so. Da die wenigsten das jedoch beachten, trifft man an dieser Stelle immer häufiger auf die schwache Deklination: mir alten Frau, dir treuen Seele. Im Unterbewusstsein versucht unser Sprachgefühl, in zusammengesetzten Flexionsformen möglichst variabel zu sein und bei „mir alter Frau“ den zweimaligen gleichen Wortausgang auf „-r“ zu vermeiden.
Die Deklination des Adjektivs oder Partizips nach einer Präposition kommt ein wenig hinterhältig daher. Wir müssen nämlich untersuchen, ob es sich um eine Verschmelzung aus Präposition und Artikel handelt (zum Beispiel im aus in dem beziehungsweise zur aus zu der) oder um eine Präposition allein (ohne Artikel). Bei einer Verschmelzung wird schwach flektiert: im schwarzen Kleid, im getrockneten Zustand, zur gewohnten Stunde, bei einer „unbefleckten“ Präposition jedoch stark: in schwarzem Samt, in getrocknetem Zustand, zu früher Stunde.
Ein artikelloses Adjektiv oder Partizip in appositioneller Stellung wird stark flektiert: ein Blatt weißes Papier (aber mit Artikel: das weiße Papier), mit einem Blatt weißem Papier; von Frau Dr. Müller, ordentlicher Professorin an der Universität. Dasselbe gilt bei entsprechenden Verbindungen mit als: mir als jüngerer Schwester; ihm als bekanntem Künstler.
Eine weitere Regel lautet: Nach den Demonstrativ- und Relativpronomen dessen und deren wird das folgende Adjektiv oder Partizip stark flektiert, weil die Pronomen als attributive Genitive keinerlei Einfluss auf die Deklination ausüben: ein Besuch der Stadt und deren herrlicher (nicht: herrlichen) Umgebung; der Mann, auf dessen erschöpftem (nicht: erschöpften) Gesicht.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
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