Wer oder was ist eine Oberweichenstellerswitwe? Dieses Wort fand ich in einem niederbayerischen Lokalblatt, und zwar in einer Todesanzeige unter dem Namen der Verstorbenen. Auch in den anderen Traueranzeigen auf der Seite konnte man ähnliche Bezeichnungen lesen, die den Stand des von uns gegangenen Menschen in einem einzigen Wort zusammenfassten. Allerdings handelte es sich meistens um Buchstabenungetüme. Nehmen wir einmal an, irgendwo zwischen Passau und Straubing am Rande der Donau stirbt eine Frau, deren Mann zu seinen Lebzeiten Kapitän auf einem Dampfschiff war, so würde unter ihrem Namen in der Todesanzeige Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe stehen.
Diese Bezeichnung mag eher an ein Buchstabenspiel bei einem Kindergeburtstag erinnern, doch eine solche Endlos-Reihe ist in der deutschen Grammatik nicht nur möglich, sie ist sogar erlaubt. Deutsch ist nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil es im Deutschen derart lange Wörter gibt, weil es sich, wie man fachsprachlich sagt, um eine kompositionsfreudige Sprache handelt. Sie kann unzählige Wortzusammensetzungen bilden, sogenannte Komposita (Sing. Kompositum), was in den Nachbarsprachen nicht möglich ist.
Das Fachwort Kompositum ist aus dem lat. Verb componere (zusammenstellen) entstanden. Wir stellen einzelne Wörter, die für sich allein durchaus lebensfähig wären, zu größeren Einheiten zusammen. Übrigens stammt das Wort komponieren aus derselben sprachlichen Quelle. Bei dieser Tätigkeit stellt der Komponist einzelne Töne zu einem Musikstück zusammen.
Ein Laden hat einen Besitzer, doch im Deutschen sagen wir üblicherweise nicht „der Besitzer des Ladens“, sondern komprimiert der Ladenbesitzer. Im Englischen benötigen wir dafür vier Wörter: owner of the shop. Ein Einkaufszentrum ist ein shopping center, eine Fahrerlaubnis ist a driving licence. Was im Englischen einzeln und klar voneinander getrennt vor uns liegt, müssen wir im Deutschen erst einmal zu entflechten versuchen. Wir müssen die einzelnen Bestandteile kennen und erkennen, um die Trennstellen, die Fugen, identifizieren zu können. In der Todesanzeige der Kapitänswitwe sind die Einzelwörter Donau, Dampf, Schiff, Schifffahrt, Kapitän und Witwe zum großen Ganzen zusammengesetzt, das wir in seine Einzelteile zerlegen sollen.
Das fällt häufig sogar Muttersprachlern nicht leicht, die beim schnellen Lesen schon einmal die Wechselmarke verpassen können. Es gibt Renn-pferde, Kutsch-pferde, Brauerei-pferde, Zucht-pferde und Blumento-pferde. Blumento-Pferde? Was ist denn das für eine Rasse? Offenbar haben wir die richtige Fuge verfehlt. Versuchen wir es doch mit Blumentopf-erde aus dem Baumarkt.
Die Entwicklung des Deutschen zur ausgeprägten Kompositasprache ist kein Erbe der Germanen, sondern begann erst in der frühen Neuzeit. Martin Luther, der sprachgewaltig und kreativ war, bildete Zusammensetzungen wie Gotteslohn oder Todesnot. Er schrieb die Fügungen noch getrennt als gottes lon oder tods not, doch bald wurden diese Wortgruppen zu komplexen Wortgebilden verdichtet. Das hat den Vorteil, dass ein Maximum an Informationen in einem einzigen Wort untergebracht werden kann – häufig aber zu viele, nicht nur in Passauer Todesanzeigen, sondern auch in der Juristensprache. Zerlegen Sie bitte einmal die amtliche Bezeichnung Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.
Ein Kompositum besteht aus wenigstens zwei Bestandteilen, etwa aus dem Haus und der Tür, aus denen die Zusammensetzung Haustür entsteht. Das Zweitglied ist dabei das Grundwort, das Erstglied ist das Bestimmungswort, das das Grundwort näher bestimmt. Ein anderes Bestimmungswort erzeugt eine andere Bestimmung. Tritt noch das Schloss hinzu, wird das Kompositum dreigliedrig: Haustürschloss.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
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