Liebe Leserin, lieber Leser,

ich muss Ihnen etwas gestehen: Es gibt Bereiche in Berlin, in die verirre ich mich eher selten, wenn nicht sogar nie. Das soll nicht heißen, dass ich nicht ganz Berlin wertschätze – ok, bis auf ein paar ganz bestimmte Kieze – aber ich habe dorthin einfach keine Verbindungen.

Sonnabend

Genießen in Berlin

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Prenzlauer Berg ist so ein Beispiel. Das suche ich eigentlich nur aus dienstlichen Gründen auf. In Marzahn-Hellersdorf gibt es bislang nicht einmal die. Ebensowenig in Spandau oder Buch. Terrae incognitae, oder wie die alten Forscher sagten: „Hier könnten Drachen wohnen.“

Ich glaube, es liegt daran, dass Berlin einfach zu groß ist für den Einzelnen. Kolleginnen und Kollegen, die eben in Prenzlauer Berg, Weißensee oder Lichtenberg wohnen, wissen oft auch nicht, wie das Leben an der Kantstraße, an der Schloßstraße in Steglitz oder am „Theo“ ist (der Theodor-Heuss-Platz). Man bleibt in seinem Kiez, in seiner „Hood“, wie es neudeutsch heißt, in seinem „quartier“, so der Franzose. Ein Kollege gestand mir auch einmal, er sei noch nie in Steglitz gewesen. Sachen gibt’s. 😇

Genießen in Berlin – die besten Restaurants, die neusten Trends:

Restaurant Hafenkueche
Frederik Grieb (links) und Mathias Brandweiner sind die Betreiber der Hafenküche.© Hafenküche | MALTE JAEGER

Insofern musste ich tatsächlich auf der Karte nachschlagen, als mich Mathias Brandweiner kontaktierte. Der einstige Restaurantleiter und Sommelier des „Pots“ im „The Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz hat vor einigen Jahren zusammen mit Frederik Grieb, dem damaligen Küchenchef des Restaurants, sein eigenes Ding gemacht. Pardon, eigenes Lokal eröffnet.

Die „Hafenküche“ liegt in Rummelsburg – ja, ja, schlagen Sie ruhig nach, ich lasse Ihnen die Zeit 😉 – direkt am Spreeufer, gegenüber der Liebesinsel. Ich schätze beide aufrichtig, Brandweiner für seine Wein-Expertise, Grieb für seine ausgefeilten Kreationen auf dem Teller und beide für ihr sehr sympathisches Wesen. Brandweiner, den ich zuletzt bei der Verleihung der Berliner Meisterköche 2024 gesehen hatte, hatte angefragt, ob die „Hafenküche“ nicht ein Morgenpost-Menü ausrichten könne. Zum Glück hatte er mir meinen Fauxpas in der Berichterstattung zu dem Gala-Abend offenbar verziehen. Da hatte ich versehentlich von der „Hafenkneipe“ geschrieben, die dort einen Knödel serviert hatte. Das kam natürlich nicht so gut an. Peinlich, peinlich, offenbar ein Freudscher Fehler, noch mal eine große Entschuldigung an dieser Stelle.

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Natürlich hat die „Hafenküche“ nichts mit einer „Kneipe“ zu tun, auch wenn sie ebenfalls sehr gemütlich ist. Ich schickte Brandweiner die mögliche Auswahl: Klassik, Veggie oder Tasting. Grieb und er entschieden sich für das Veggie-Menü. Und so fuhr ich Anfang Februar noch im tiefsten Schnee und Eis mit der S-Bahn von Friedenau nach Ostkreuz (was erstaunlich schnell ging) und von da runter nach Rummelsburg (was für einen Bruchteil der Gesamtstrecke genau so lange dauerte).

Dann in ein Gewerbegebiet an der Straße Zur alten Flussbadeanstalt. „Sieh mal an“, dachte ich, „offenbar war Baden in der Spree früher doch möglich und brauchte kein millionenteures Spezialbecken.“ Dann an einer Marina im Winterschlaf entlang, und da steht dann das moderne Gebäude der „Hafenküche“ mit einem urgemütlichen, hellen und modern eingerichteten Restaurant, in dem ein Gaskamin dezent Wärme verbreitet.

Morgenpost-Menü Veggie März Hafenküche
Gerösteter Spitzkohl beim Veggie-Menü in der „Hafenküche“ in Rummelsburg.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

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Grieb ist natürlich so ehrgeizig, das ganze Menü vegan zu gestalten. Nur beim Spinatknödel empfiehlt er etwas Nussbutter, aber muss nicht. Fotograf, Social-Media-Kollegin und ich selbst waren von der Üppigkeit der Aromen in den tierfreien Gerichten sofort überzeugt. Sowohl beim Karotten-Tatar, der Süßkartoffelsuppe, dem erwähnten Knödel, dem gerösteten Spitzkohl als auch beim Nachtisch mit Apfel, veganem Vanilleeis und Kürbis. Brandweiner hat dazu wie immer eine sehr kluge Weinauswahl getroffen, sodass ich Ihnen den Weg nach Rummelsburg nur ans Herz legen kann. Und Jüngere wohnen vielleicht ohnehin in der Nähe, die Social-Media-Kollegin beispielsweise musste nur vom Ostkreuz anreisen.

Leben mit Zöliakie: glutenfrei glücklich

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Mein Steuerberater hat ein Problem. Genauer gesagt, seine Tochter. Denn sie leidet wie so viele an Zöliakie, sie verträgt also absolut kein Gluten. Als er mir neulich ihre Leidensgeschichte erzählte, und was sie alles unternehmen, um auch mal gefahrlos essen gehen zu können, da dankte ich dem lieben Gott, dass ich „nur“ mit ein paar Kreuzallergien gegen rohes Kernobst, Haselnüsse und Walnüsse geschlagen bin. Gegen ihre Passionsgeschichte nimmt sich meine aus wie die von Heinrich IV., der ja angeblich im Büßergewand über die Alpen nach Canossa wanderte, um beim Papst Abbitte zu leisten. Was meinen Geschichtslehrer immer zu der bissigen Bemerkung verleitete, wer denn wohl so dumm sei, zu glauben, der aufsässige König sei wirklich im „Nachthemd über die Alpen“ gepilgert.

Glutenfrei Berlin
„Aera“: Emir Karacali und Solomiia Antoniv mit glutenfreien Broten. © Gesa Noormann | Gesa Noormann

Jedenfalls nahm ich die Anregung auf, Angebote mit garantiert glutenfreiem Essen in Berlin zu finden. Schließlich sind auch schon Kreuzkontaminationen gefährlich, was wohl häufig in Restaurants vorkomme, die sowohl glutenhaltige als auch glutenfreie Speisen anböten (übrigens ein direkter Konjunktiv, der meinen Geschichtslehrer, der auch mein Deutschlehrer war, erfreuen würde, beziehungsweise erfreute. Deutsch ist eine „würdelose“ Sprache!).

Gesa Noormann hat sich schließlich aufgemacht und ist bei ihrer Recherche tatsächlich fündig geworden. Es gibt Bäckereien und Restaurants, die glutenfrei arbeiten und wo Gäste oder Kunden trotzdem nicht auf den vollen Geschmack verzichten müssen.

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Institutionen von „Le Bou Bou“ bis „Altensteiner Krug“

Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erzählt habe: Es gab in meiner Kindheit die Tradition, dass wir jeden Sonnabend essen gingen. Entweder hatten wir einen Plan, wo es hinging, oder mein Vater klapperte unsere Lieblinge ab. Dabei musste ich dann immer erst einmal in das Lokal, um zu prüfen, ob die „Atmosphäre“ stimmte. Meine Mutter hatte da sehr genaue Vorstellungen. Es durfte nicht leer sein. Es durfte nicht brechend voll sein. Die „Atmosphäre“ musste halt stimmen.

Unter diesen Institutionen hatte ich schon als Kind einige Lieblinge. Das „Le Bou Bou“ beispielsweise. Kennt heute wahrscheinlich keiner mehr. Ein in meiner Erinnerung übelst kitschig und üppig eingerichtetes französisches Restaurant am oberen Kudamm, nahe der Ecke zur Joachim-Friedrich-Straße, das wohl bis 3 Uhr nachts warme Küche anbot. In der oberen Etage ließ sich das Fenster öffnen, sodass man im Sommer praktisch auf der Straße saß. Immer voll, immer laut, immer lecker. Daran erinnert nichts mehr an der Ecke, das Lokal verschwand wie so viele liebenswerte Institutionen im Bauch der Geschichte.

Daneben liebte ich als Kind Wirtshäuser mit uriger „Atmosphäre“. So gab es eins in Lübars, ich nehme an, es war die „Alte Dorfschmiede“ (heute Landhaus „Alt-Lübars“). Ich habe noch dunkle Erinnerungen an die Geweihe und ausgestopften Tierköpfe an der Wand, etwas unheimlich. Allerdings kann es auch sein, dass mein Gedächtnis mich da trügt, ich war noch recht klein. Auch das alte Forsthaus Paulsborn im Grunewald hatte mich in seinen Bann gezogen (heute ein italienisches Restaurant). Ebenso das „Tegernseer Tönnchen“, damals noch in Charlottenburg (heute in Wilmersdorf), das „Xantener Eck“ in Wilmersdorf, das es heute noch an derselben Stelle gibt, „Wendel“ am Richard-Wagner-Platz und der „Altensteiner Krug“ in Dahlem, unweit des Botanischen Gartens, gehörten auch dazu. Während „Wendel“ inzwischen nach einem Brand verschwunden ist, existiert der „Altensteiner“ immer noch. Und das seit 100 Jahren.

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Altensteiner Krug
Gutbürgerliche Küche im „Altensteiner Krug“ in Dahlem.© Franz Michael Rohm | Franz Michael Rohm

Viele Jahre sind wir immer wieder dort eingekehrt, später verlor ich ihn etwas aus den Augen. Corona und eine umfassende Modernisierung sorgten für eine längere Auszeit. Seit 2023 hat das Restaurant wieder geöffnet, und Franz Michael Rohm hat jetzt für die Rubrik „Unter 25 Euro“ einmal dort vorbeigeschaut und getestet, was Küche und Bar zu bieten haben. Die „Atmosphäre“ scheint jedenfalls zu stimmen.

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Raue setzt auf Currywurst aus Bochum

Ich werde ja täglich mit Pressemitteilungen und Einladungen von Institutionen und PR-Firmen bombardiert, mein E-Mail-Posteingang gleicht häufig einem Flutbecken. Die meisten dieser Mails landen in der sogenannten Rundablage, auch als Ablage „P“ bezeichnet, weil ich schon am Betreff sehen kann, dass a) nicht Berlin betroffen ist, b) es sich nicht um ein Gastronomie-Thema handelt oder c) es schlicht uninteressant ist. Aber manchmal merke ich dann doch auf.

Currywurst Tim Raue
Die Bochumer Currywurst von Tim Raue im Berliner Fernsehturm.© Berliner Fernsehturm | Nils Hasenau

So auch gestern, als eine PR-Firma mir eine Mitteilung mit diesem Betreff schickte: „Vom Pott rauf auf 207 Meter Höhe: Bochumer Currywurst erobert den Berliner Fernsehturm“. Wie bitte, was?

Tatsächlich, so las ich in der Mitteilung, serviert Tim Raue im Restaurant „Sphere“ auch Currywurst. Diesen Ur-Berliner Traditionsimbiss, Kult und so begehrt, dass mehrere Städte sich darum streiten, wer ihn erfunden hat. Erst im September vergangenen Jahres behauptete Duisburg, man sei der originale Erfinder. Es wurde sogar eine Gedenktafel aufgehängt. Hamburg reklamiert die Ehre auch für sich, schon vor Herta Heuwer Wurst mit Currysoße serviert zu haben.

Für den Berliner ist klar: Die Currywurst ist eine Berlinerin mit Leib und Seele – und original ohne Darm. Klar.

So weit, so gut. Das Angebot an sich ist ja auch logisch. DER Berliner Zweisternekoch serviert in DEM Berliner Wahrzeichen natürlich auch DIE Berliner Kultspezialität Currywurst. Allerdings hat die Sache einen Haken, und damit meine ich nicht den Preis. Das Menü „Heiß & Kalt“ besteht aus der Currywurst mit Bier und Limo sowie einem Florida-Eis und kostet 27 Euro. In der „Sphere Bar“ gibt es die laut Karte „Pikant gewürzte Berliner Currywurst mit Schrippe by Tim Raue“ auch einzeln für 9,50 Euro. Aber: Die Wurst im „Sphere“ kommt gar nicht aus Berlin. Sondern aus Bochum. Wie bitte, was? Mir brach bei der Lektüre als Berliner im übertragenen Sinne der Wurstpieker ab.

Tatsächlich kommt die Wurst aus der Bochumer Traditionsfleischerei Dönninghaus. Die gibt es seit 1937, ein Betrieb mit langer Firmengeschichte, zweifelsohne. 40.000 bis 50.000 Würste werden dort produziert, jede Woche, nach einer jahrzehntealten Rezeptur. Respekt. Und offenbar eine Erfolgsgeschichte. Die Pressemitteilung jubelt: „Im Ruhrgebiet ist die Dönninghaus-Currywurst längst mehr als ein Snack: Sie ist ein Stück Bochumer Identität.“

Morgenpost Menü
Tim Raue im „Sphere“ im Berliner Fernsehturm.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Das gönne ich der Fleischerei von Herzen. In Bochum. Im Ruhrgebiet. Tim hatte die Currywurst wohl im Rahmen seiner TV-Serie „Herr Raue isst“ kennengelernt. Und bringt die „Bochumer Identität“ jetzt mit zweierlei Soßen in das Herzstück der Berliner Identität, weil sie für ihn einfach die beste sei, nachdem er mehr als 100 probiert habe. In den Fernsehturm. Vielleicht bin ich ja zu sehr Berliner Lokalpatriot oder engstirnig, aber mir stößt das etwas sauer auf.

So, ich schaue jetzt mal, ob ich nicht irgendwo eine original Berliner Currywurst bekomme. Vielleicht in einem schon geöffneten Biergarten, in dem die „Atmosphäre“ stimmt. Wie jeden Berliner zieht es mich beim kleinsten Sonnenstrahl nach draußen. Ich überlasse Sie derweil den veganen Genüssen in der „Hafenküche“ oder auch einer garantiert glutenfreien Zimtschnecke. Genießen Sie den aufkeimenden Frühling, bald ist es wieder Zeit für Spargel. Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine genussvolle Woche.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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