Liveblog

Hochwasser in Brandenburg - Die Elbe ist auf Höchststand

Wittenberge und Mühlberg sind die Flut-Brennpunkte in der Mark. Der Hochwasser-Tag in Brandenburg im Liveblog.

22.18 Uhr Platzeck äußert sich zu Drohbriefen

Ernst nehmen die Ermittlungsbehörden Drohschreiben, in denen Unbekannte angekündigen, Dämme und Deiche beschädigen zu wollen. Die Verfasser bezeichnen sich selbst als „Germanophobe Flutbrigade“.

Laut Platzeck erfolgen nun verstärkt Kontrollen. „Ich hoffe sehr, dass das jemand ist, der nicht alle Tassen im Schrank hat, und nicht jemand, der ernsthaft vorhat, Menschenleben auf diese Art zu gefährden“, sagte Platzeck in der Sendung „ZDF spezial“.

21.53 Uhr: Menschenleeres Wittenberge

Am Abend fahren kaum Autos durch die Stadt, vielleicht fällt deshalb die Schönheit der alten Straßen, Kirchen und Plätze noch mehr ins Auge.

An der Elbstraße fragen Polizisten die Anwohner, die noch dort sind: „Wie geht es? Sind die Keller schon voll?“ „Nö“, sagt einer der Bewohner und lacht. „Die wussten halt noch, wie man baut.“ Am Giebel seines Hauses steht die Jahreszahl: 1837.

20.33 Uhr: Wasser der Elbe steigt rapide an

In Wittenberge stand die Elbe am Nachmittag bei 7,85 Metern, doch dieser Pegel wird bald noch weiter wachsen, denn das Wasser steigt dort zwei Zentimeter pro Stunde an.

Der Höchststand wird jetzt für Dienstag auf rund 8,20 Meter prognostiziert.

19.30 Uhr: Merkel sichert Unterstützung zu

Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den Flutopfern Unterstützung. Man werde beim Wiederaufbau alles tun, was möglich sei. „Deutschland steht in bewundernswerter Weise zusammen in diesen Tagen – und das soll auch so bleiben.“ Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck bedankte sich bei den Helfern, die sich um die Betreuung der Menschen aus Mühlberg kümmern, die ihre Häuser verlassen mussten. Die Fürsorge sei „extrem liebevoll“.

19.11 Uhr: Krisenstab trifft sich in Wittenberge

Ministerpräsident Matthias Platzeck und Innenminister Dietmar Woidke verlassen gerade die "Alte Ölmühle" auf dem ehemaligen Industriegelände von Wittenberge. Hier trifft sich der Krisenstab.

19.03 Uhr: Vorsorglicher Katastrophenalarm auch für das westliche Havelland

Auch für das westliche Havelland wurde vorsorglich Katastrophenalarm ausgerufen. Grund sei eine mögliche Gefährdung des Gebietes trotz geöffneter Polder durch unsichere Elbdeiche, betonte Landrat Burkhard Schröder.

An die Einwohner in den Städten Rathenow und Premnitz sowie in den Gemeinden Rhinow und Nennhausen sowie im Milower Land wurde appelliert, freiwillig Wohnungen und Häuser zu verlassen. Ministerpräsident Platzeck schätzte die Situation im westlichen Havelland an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt als äußerst angespannt ein. Einsatzkräfte und Freiwillige versuchten, den Deich bei Tangermünde zu stabilisieren.

18.45 Uhr: Mühlberg - Weiterhin Katastrophenfall wegen durchweichter Deiche

Trotz deutlich fallender Wasserstände bleibt die Situation in Mühlberg an der Elbe angespannt. Der Katastrophenfall gelte noch bis mindestens zum Dienstag, teilte der Landkreis mit.

Die Deiche seien wie ein Schwamm durchweicht und die Wassermassen drückten weiterhin massiv auf die Dämme, hieß es. Dadurch sei die Situation weiterhin angespannt. Landrat Christian Jaschinski zeiget sich jedoch optimistisch, dass mit vereinten Kräften auch dieses Mal die Fluten von der Stadt ferngehalten werden können. Dies war 2002 beim „Wunder von Mühlberg“, gelungen, als die Helfer den Deich stützen konnten.

Der Wasserstadt der Elbe lag in Mühlberg um 18.00 Uhr noch bei 8,93 Meter. Bis Dienstag wird ein Rückgang auf 8 bis 8,50 Meter erwartet. Normal sind dort an der Elbe Wasserstände um 3 Meter.

17.55 Uhr: Was ist ein „Polder“?

Polder sind von Deichen umgebene Gebiete, die bei Hochwasser absichtlich geflutet werden. Die Rückhalteräume an Flüssen sollen Wohn- und Industriegebiete schützen. Wenn eine Überschwemmung droht, werden die Poldertore geöffnet. Ein Teil des Hochwassers fließt dann in das Becken, und der Wasserstand des Flusses sinkt.

Ein Polder funktioniert wie eine Art Badewanne: Es gibt einen Ein- und einen Ablauf. Der Einlauf wird bei großen Fluten geöffnet. Das Wasser bleibt einige Tage oder Wochen im Polder stehen und wird nach Abklingen der Gefahr wieder in den Fluss geleitet. Der Begriff stammt aus dem Niederländischen.

In Brandenburg gibt es mehrere Polder. So soll eine Anlage im Nationalpark Unteres Odertal Entlastung für die Region Frankfurt und Slubice bringen. Die Havelpolder sollen bei einem Hochwasser der Elbe einen Rückstau in der Havel verhindern. Die sonst von der Landwirtschaft genutzten Flächen liegen etwa 30 Kilometer vor Wittenberge bei Neuwerben. Sie können etwa 250 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Die Entscheidung zur Flutung müssen Vertreter der Elbanrainer Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und des Bundes treffen.

16.50 Uhr: Der Deich in Bälow wird verstärkt

Bei Bälow, südöstlich von Wittenberge, wurde der Deich von Helfern auf 1km Länge mit Strohballen erhöht.

16.45 Uhr: Entlastung für Elbe - Havelpolder werden geflutet

Zur Entlastung der Elbe-Hochwasserregion rund um Wittenberge werden Polder an der Havel geflutet. Stück für Stück werden in Quitzöbel an der Landesgrenze die Wehre ähnlich wie Garagentore heruntergelassen.

Dadurch fließe das Wasser der Elbe in die Havel, sagte Kurt Augustin, Abteilungsleiter Wasser beim Landesumweltministerium, am Sonntag.

Das komplette Herunterlassen der Tore sei frühestens Montagmittag abgeschlossen. Erst dann schießen laut Angaben pro Sekunde rund 300 Kubikmeter Elbewasser in die Havel und die angrenzenden Polderflächen. Mit der Flutung soll der Hochwasserscheitel gekappt werden.

Zuletzt war das Wehr in Quitzöbel beim Hochwasser 2002 geöffnet worden. Bei sinkendem Pegelstand wird der Vorgang wieder rückgängig gemacht: das Wasser wird aus der Havel in die Elbe zurückgeleitet.

Polder sind von Deichen umgebene Gebiete, die bei Hochwasser absichtlich geflutet werden. Die ansonsten landwirtschaftlich genutzten Flächen liegen etwa 30 Kilometer vor Wittenberge bei Neuwerben. Sie können etwa 250 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen.

16.20 Uhr: Weitere 100.000 Sandsäcke bis zum Abend

2474 Helfer sind insgesamt momentan im Landkreis Prignitz im Einsatz, die meisten von ihnen sind Feuerwehrleute. Unter ihnen sind aber auch 1135 freiwillige Helfer.

197 Bundeswehrsoldaten unterstützen die Einsatzkräfte, 350 weitere sind auf dem Weg. 100.000 Sandsäcke werden bis heute Abend in der Prignitz verbaut sein, weitere 100.000 werden gefüllt als Reserve.

15.20 Uhr: Freie Fahrt - für Kaffee und Kuchen

Das Wehr Quitzöbel ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Ein Polizeiwagen stoppt einen weißen SUV. Die Frau am Steuer ruft: „Ich hab Kaffee und Kuchen für die Helfer!“ - „Na gut", die Polizisten lachen und winken die Frau durch.

15.08 Uhr: 600 Kubikmeter Elbewasser fließen pro Sekunde in die Havel

Seit heute Mittag sprudelt die Elbe in die Havel, um den Scheitel des Hochwassers in Wittenberge abzumildern. Er ist für Dienstagabend mit 8,14 Metern prognostiziert. Die Öffnung des Wehres in Quitzöbel war in mehrerer Hinsicht kompliziert. Zuerst brauchte es viel Diplomatie, um die vier beteiligten Bundesländer Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unter einen Hut zu bringen.

Dann gab letzte Nacht noch eine Havarie an einem der Deiche , die zu dem Wehr gehören. Eine Polizeihundertschaft und Feuerwehr rückte an, um die abgerutschte Böschung zu befestigen - teilweise musste unter Wasser gearbeitet werden. Um fünf war der Deich wieder sicher.

Am Mittag dann ein offizieller Pressetermin mit der Umweltministerin. Gerade hat der Innenminister noch gewarnt, in der Wehranlage Quitzöbel bestehe Lebensgefahr. Doch am Wehr herrscht eine seltsame Ausflugsstimmung. Über der Schar aus Journalisten und Experten kreist eine Minidrohne, mit der ein Fotograf Bilder schießt.

In die Menge haben sich auch Anwohner aus Quitzöbel gemischt. Sie wollten das Spektakel erleben, wenn das Wehr "gezogen" wird, wie es in der Fachsprache heißt. 2002 sei es spektakulärer gewesen, sagen sie. "Da wurde sehr viel mehr Wasser durchgelassen als heute. Da hat das ganze Bauwerk richtig gezittert."

Der Durchfluss wird schrittweise erhöht. Ab morgen sollen dann 600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Havelpolder fließen. Die können zusätzlich zu dem eigenen Wasser rund 190 Millionen Kubikmeter aufnehmen, dann sind sie voll. Dies werde voraussichtlich am Mittwoch der Fall sein, Kurt Augustin vom brandenburgischen Umweltministerium. Dann wird das Wehr wieder geschlossen.

In den Poldern wird das Wasser voraussichtlich sechs bis sieben Wochen stehen.

14.20 Uhr: Schaulustige behindern Hochwasser-Einsatzkräfte

Schaulustige haben am Sonntag die Arbeit der Hochwasser-Einsatzkräfte in der Prignitz behindert. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) reagierte per Pressemitteilung in ungewöhnlich scharfer Form auf die Beeinträchtigungen. Sollten die Katastrophentouristen nicht umgehend verschwinden, werde ein Polizeieinsatz folgen, warnte der brandenburgische Innenminister.

Betroffen war nach Woidkes Worten vor allem der Bereich um Quitzöbel (Landkreis Prignitz), wo für den Nachmittag die Flutung der Havelpolder vorbereitet werden sollte. „Wir können dort niemanden mehr brauchen, der da nicht hingehört“, sagte Woidke.

Zuvor hatte bereits Sachsen am Wochenende angekündigt, Hochwasser-Touristen künftig stärker zur Kasse bitten zu wollen. CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer mahnte, dem Katastrophen-Tourismus müsse ein Riegel vorgeschoben werden.

14.15 Uhr: Ab jetzt fließt Elbe in die Havel

Eine Stunde vor dem angekündigten Termin, um 13.31 Uhr wurden die Wehre gezogen. Ab jetzt fließt Elbe in die Havel.

14.01 Uhr: Lage in Wittenberge stabil

In Wittenberge ist die Lage stabil. Die Spundwände wurden noch einmal verstärkt. Es gebe Sickerwasser und Qualmwasser, aber keine Veränderung zu Sonntagmorgen, so die Pressestelle.

13.40 Uhr: Polder-Flutung erfordert Abstimmung von vier Ländern

Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack wird bei der Flutung an der Wehranlage Quitzöbel am Nachmittag vor Ort sein. Die Polder sollen geflutet werden, um die Stadt Wittenberge zu entlasten. Umgekehrt werden dafür in Rathenow die Keller vollaufen.

Die Öffnung der Polder ist bereits in der Nacht vorbereitet worden, ab 14.30 Uhr werde geflutet, so Landrat Hans Lange.

Die Öffnung war unter anderem politisch kompliziert, weil vier Bundesländer beteiligt sind. In der Pressemitteilung dazu heißt es: „Auf der Grundlage eines Staatsvertrags zur Flutung der Havelpolder hat die zuständige Koordinierungsstelle, bestehend aus Vertretern der Elbanrainer Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und des Bundes empfohlen, den Scheitel der Elbe an der Wehranlage Quitzöbel zu kappen. Dies geschieht nun unter Inanspruchnahme des Havelschlauches sowie der für diesen Zweck geschaffenen Flutungspolder entlang der unteren Havel."

13.14 Uhr: Häuser in Bälow und Breese unter Wasser

Besonders kritisch ist die Lage für die Bewohner einiger Dörfer bei Wittenberge, deren Häuser nicht ausreichend vor dem Wasser der Elbe und auch des Nebenflusses Stepenitz geschützt werden konnten.

Drei Häuser in Bälow und sieben in Breese mussten geräumt werden und stehen unter Wasser. Für die Bewohner ist es schon das zweite Mal nach dem Hochwasser 2011. Immerhin seien sie rechtzeitig auf die Gefahr hingewiesen worden und seien in ihren Ortschaften bei Nachbarn aufgenommen worden, so der Krisenstab.

Mehrere Straßen aus Wittenberge sind inzwischen gesperrt; die Bundesstraße B189 ist jedoch noch befahrbar. Auch die Züge rollen noch.

13.05 Uhr: Drei Schulen in Wittenberge bleiben geschlossen

Drei Schulen in der Wittenberger Altstadt werden Montag und Dienstag geschlossen bleiben ebenso eine kleine Kita.

Hilfsbedürftige Personen werden momentan angesprochen, ob sie den Bereich verlassen möchten. Ein Pflegeheim steht als Ausweichquartier zur Verfügung. Es werde aber niemand gezwungen, betonen die Zuständigen. Die Evakuierung sei freiwillig.

12.45 Uhr: Wittenberge sucht Helfer und Kleintransporter

In Wittenberge werden weiterhin Helfer gesucht, um der Elbflut Herr zu werden. Sowohl zu Sandsackschippen seien Freiwillige weiterhin gefragt, sagt Bürgermeister Oliver Hermann.

Außerdem werden Kleintransporter gesucht, mit denen Sandsäcke zu den Deichen transportiert werden können. "Mit großen Lkw können wir dort nicht mehr hinfahren", so Bernd Lindow vom Krisenstab des Landkreises Prignitz. Gefragt seien Kleintransporter, Multicars und ähnliches - und auch deren Besitzer. "Wir brauchen sie als Fahrer. Sie sollten bereit sein, über drei bis vier Tage Tag und Nacht zur Verfügung zu stehen."

Freiwillige können sich melden unter Tel. 03876/ 713656.

12.30 Uhr: Innenstadt von Wittenberge weiträumig gesperrt

Die Innenstadt von Wittenberge ist jetzt weiträumiger gesperrt. Selbst Journalisten dürfen nur noch über Pressetouren in die Stadt. Innenminister Dietmar Woidke ruft die Medien zur Zurückhaltung auf. „Wir bitten Sie, keine zusätzliche Unruhe in die Bevölkerung zu tragen.“

12.20 Uhr: Wehr bei Quitzhöbel muss abgesichert werden

Mitten in der Nacht mussten zahlreiche Feuerwehrleuten Polizei und auch Taucher ausrücken, um ein Wehr bei Quitzhöbel abzusichern, bei dem eine Böschung abgerutscht war. Besonders kompliziert gestaltete sich die Angelegenheit, weil der Ort selbst zu Sachen-Anhalt gehört, die Folgen jedoch vor allem Brandenburg betroffen hätten. „Es ist uns gelungen, dieses Problem länderübergreifend und schnell zu lösen“, so Bernd Lindow vom Krisenstab.

12 Uhr: Pegel steigt bei Wittenberge auf 7,77 Meter

Um 11.30 Uhr wurde in der nordbrandenburgischen Stadt Wittenberge eine Rekord-Wasserhöhe von 7,77 Meter gemessen.

Zur Entlastung dieser Elbe-Hochwasserregion werden am Sonntagnachmittag die Havelpolder geflutet. Polder sind von Deichen umgebene Gebiete, die bei Hochwasser absichtlich geflutet werden. Die Rückhalteräume sollen Wohn- und Industriegebiete schützen.

„Um 14.30 Uhr startet die Flutung“, teilte Innenminister Dietmar Woidke (SPD) nach einer Krisensitzung in Perleberg mit. Umweltministerin Anita Tack (Linke) sprach von einer bundesweit einmaligen Möglichkeit, den Hochwasserstand der Elbe zu senken.

Mit der Öffnung der Wehre soll auch ein Rückstau in die Havel verhindert werden, die in die Elbe mündet.

Die zehn Polder können bis zu 140 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Die Flächen reichen von der südwestlichen Prignitz über Havelberg bis ins havelländische Rathenow. Laut Bodo Schwiegk vom Landesumweltamt könnten die Polder in zwei bis drei Tagen voll sein.

Auf Grundlage eines Staatsvertrags zwischen Elb-Anrainern hat die zuständige Koordinierungsstelle in Magdeburg die Flutung empfohlen. Damit solle der Scheitel der Elbe an der Wehranlage Quitzöbel gekappt werden.

11.38 Uhr: Schnelle Hilfe für Lokalbesitzer

Knut Diete steht in Wittenberge hinter einem Wall aus braunen Sandsäcken und hält einen prall gefüllten Feuerwehrschlauch in der Hand. Eine Pumpe am Boden lässt Wasser ab.

Die schweren Jutebeutel liegen etwa 1,60 Meter hoch gestapelt in einem Halbkreis um den Eingang des Klinkersteingebäudes hinter ihm.

In der Nacht ist das Wasser der Elbe in sein Restaurant gelaufen, das „Kranhaus“ in Wittenberge. „Wir stehen nun mal an der falschen Seite des Deiches und sind jetzt die Ersten, die vollgelaufen sind“, sagt Diete. Und tatsächlich steht das eindrucksvolle Haus mittlerweile komplett in der Elbe, der Deich läuft landseitig an der Straße vorbei.

Wirt Knut Diete im Interview:

„Es ist grotesk: Wir haben hier eines der schönsten Restaurants des Landes Brandenburg, wir haben blauen Himmel und Sonnenschein, einen idyllischen Blick auf die Elbe - und der Tod steht vor der Tür“, sagt Diete und man sieht ihm die Verzweiflung an.

Mit Dämmplatten aus Styropor hat er sein Restaurant von innen abgedichtet, so ist das Wasser wenigstens leicht gefiltert eingedrungen, der Schlamm ist in der Elbe geblieben.

Am Sonntagmorgen gegen 9.30 Uhr sei es zu einer dramatischen Situation gekommen, berichtet Diete. Er sei wie jetzt dabei gewesen, das Wasser aus seinem Restaurant auf die Straße zu pumpen, als er an der Seite plötzlich Wasser durch das Pflaster habe quellen sehen. „Das kam raus wie im Strahl, ich hab sofort die Polizei gerufen, dass wir da ran müssen.“

Innerhalb von wenigen Minuten seien 40-50 Leute vor Ort gewesen, „und dann ging die Post ab“, so Diete. „Qualmwasser' nennt man das, wenn der Deich durch den starken Druck des Flusspegels von Grundwasser unterströmt wird und brodelnd an die Oberfläche kommt“, erklärt der Chefkoch.

Der Einsatz sei „unvorstellbar“ gewesen, alle hätten mit angepackt und innerhalb kürzester Zeit mindestens 1000 Sandsäcke an die Fassade und Straßenseite des „Kranhauses“ geschichtet. „Das ist wirklich sehr gut gelaufen, die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei haben alle mit angepackt, Freiwillige haben sie unterstützt.“ Ein Deichbruch an dieser Stelle, da ist sich Diete sicher, konnte damit verhindert werden.

11.14 Uhr: Neugierige behindern Schutzarbeiten

Die freiwillige Evakuierung der Altstadt von Wittenberge sei auch eine Maßnahme zur Sensibilisierung der Bevölkerung gewesen, sagt Landrat Hans Lange.

Eine Zwangsevakuierung sei zunächst nicht geplant. Man habe den Menschen den Ernst der Lage veranschaulichen wollen.

Vor allem den Neugierigen, für die es auch angesichts des schönen Wetters vielleicht schwierig sei, den Ernst der Lage zu begreifen. Schaulustige hatten die eilige Aufstockung des Deiches am Sonnabend teilweise behindert.

Aber auch die Anwohner sollten in Bereitschaft versetzt werden, ihre Häuser möglichst schnell zu verlassen. Wie viele das bereits getan haben, konnte man beim Krisenstab nicht sagen. Viele seien wohl schon bei Freunden oder anderweitig untergekommen. Andere hätten schon gepackt. „Sie haben die Nachricht aber sehr gefasst aufgenommen.“ Neun Personen seien in der Notunterkunft in Perleberg untergekommen.

10.48 Uhr: Havel-Polder werden ab 14.30 Uhr geflutet

Die Polder der Havel werden ab an diesem Sonntag ab 14.30 Uhr geflutet, um die Elbe zu entlasten. Damit soll die Situation in Wittenberge entlastet werden.

Geflutet werden unbewohnte Gebiete, jedoch werden in Rathenow Keller volllaufen werden, so die Behörden. Die Rathenower müssten sich auf „eine Situation einstellen wie beim Hochwasser 2011“, sagte Landrat Hans Lange. Innenminister Dietmar Woidke (SPD): „Die Landwirte sind seit Tagen informiert.“

10.40 Uhr: Rentnerpaar will vorerst in seiner Wohnung bleiben

„Bis jetzt haben die Deiche hier noch immer gehalten“, sagt ein Rentner trotzig, als er mit seiner Frau die Elbstraße in Wittenberge entlang geht. Das Ehepaar wohnt im Altstadtbereich, der seit Sonnabend auf freiwilliger Basis evakuiert wird.

Die Senioren wollen bleiben, „drei oder vier Tage halten wir es hier schon noch aus“, sagt er, aber wenn das Wasser dann noch immer stehe und an die Deiche drücke, könne man ja nicht anders, als in die Notunterkünfte zu ziehen. „Und dabei haben wir unsere Wohnung gerade erst komplett neu gemacht“, wirft seine Frau ein. „Das lässt man ja nun auch nicht mal so eben im Stich.“

10.20 Uhr: Anwohner dürfen nur ohne Autos in abgesperrte Stadt

Etwa 200 Meter vor dem Deich steht in Wittenberge eine Polizeisperre. Ein Wagen wartet dort mit laufendem Motor, drei Beamte stehen breitbeinig auf dem Kopfsteinpflaster und kontrollieren die Personen.

Anwohner dürfen weiterhin in den abgesperrten Bereich, aber nur ohne Autos, „die wollen wir jetzt alle aus dem Altstadtbereich raus haben, damit sie im Notfall nicht weggespült werden“, sagt ein Beamter. Helfer habe die Feuerwehr an dieser Stelle derzeit genug.

10.15 Uhr: Wittenberger googeln den Pegelstand

Ein älterer Mann läuft mit seiner Frau am Sonntagmorgen die Bahnstraße entlang durch Wittenberge. „Ich hatte ja Schwierigkeiten, die Flutkarte im Rathaus zu entziffern, aber nach meiner Einschätzung müssten wir hier an dieser Stelle einige Meter höher liegen als vorn am Deich“, sagt der 72-Jährige.

Normalerweise habe er keine Probleme mit dem Lesen von Kartenmaterial, aber diese sei so verschlungen und kompliziert, dass er sich anschließend lieber an den PC gesetzt habe. „Da hab ich das mal gegoogelt“, sagt er, und als er das Erstaunen in den Augen des Reporters sieht, fügt er hinzu: „Viele verstehen das ja nicht, aber ich spiele sogar Ego-Shooter an meinem Rechner, Counterstrike zum Beispiel. Mir geht es da nichts ums Töten, aber das schult die Aufmerksamkeit.“

10.05 Uhr: Elbe steht in Wittenberge bei 7,73 Meter

Besonders dramatisch entwickelt sich die Lage nach Angaben der Behörden an den Elbe-Pegeln in der Prignitz, die in den zurückliegenden Stunden rasch anstiegen.

In Wittenberge wurde am Sonntagmorgen um 9 Uhr ein Wasserstand von 7,73 Metern gemessen. Das waren rund 60 Zentimeter mehr als noch am Tag zuvor. Zahlreiche Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

Verantwortlich für die Rekordstände ist das Zusammenfließen der hohen Elbe-Pegelstände aus Sachsen und Sachsen-Anhalt und der Saale aus Thüringen und Sachsen-Anhalt. Beide hochwasserführenden Flüsse fließen bei Barby südlich von Magdeburg ineinander.

Zur Entlastung der Situation in der Prignitz hatte Umweltministerin Anita Tack (Linke) am Samstagnachmittag angekündigt, dass eventuell die Havelpolder gezogen werden sollen. Ein genauer Zeitpunkt dafür stand aber zunächst nicht fest.

9.50 Uhr: Geschäftsleute bringen ihre Waren in Sicherheit

An der Bahnstraße von Wittenberge herrscht beim Augenoptiker-Geschäft von Birgit und Detlef Runge trotz Sonntag reger Betrieb. Sandsäcke stehen vor der geöffneten Tür bereit, um den Laden gegen das Wasser zu sichern.

Detlef Runge ist gerade dabei, die Holzschubladen in Bodennähe abzuschrauben und die Brillen herauszunehmen. „Wir bereiten uns seit Sonnabend auf die Flut vor. Die Holzverkleidungen unten haben wir abgenommen, heute räumen wir das Geschäft ein wenig aus und bringen die Ware in Sicherheit“, sagt er.

Geschlossene und gesicherte Geschäfte in Wittenberge:

Am Montag will das Ehepaar seinen Laden noch einmal mit einem Notdienst geöffnet lassen, „wenn einem der Helfer die Brille kaputt geht, müssen wir ihm ja helfen“, sagt Birgit Runge. Dienstag wird der Laden „wie viele andere hier in der Straße wohl geschlossen werden“, bis kommendes Wochenende planen die Runges ohne Kunden.

Die Flutkarte der Stadt im Rathaus habe gezeigt, dass das Wasser der Elbe zwar maximal bis einige Meter vor das Optikergeschäft die leicht ansteigende Bahnstraße hinauf reichen könnte. Aber darauf verlassen wollen sich die beiden nicht.

„Wir sind ja jetzt schon bei 7,73 Meter! Ich prüfe die Pegelstände mittlerweile selbst mitten in der Nacht auf meinem Smartphone", erzählt Runge. Er sei Angler und liebe das Wasser - nur in den kommenden Tagen kann er in seinem Geschäft gerne darauf verzichten.

Alle Informationen zur Hochwasser-Lage in Brandenburg finden Sie HIER.

9.10 Uhr: Landstraße L10/11 ist gesperrt

Die Landstraße L10/11 zwischen Wittenberge und Breese ist dicht. Die Stepenitz ist am Sonntagmorgen durch die Sandsäcke gebrochen. Der Fluss kann wegen des Elbhochwassers nicht abfließen. Die Züge nach Wittenberge fahren noch, allerdings steht das Wasser schon am Bahndamm.

8.17 Uhr: In Pension ziehen andere Gäste ein

Das Hochwasser spült eine neue Sorte Gäste nach Wittenberge. In einer Pension in der Altstadt reisen die letzten Radtouristen ab. Das Radeln auf den umspülten Deichen ist kaum noch möglich und an der nahen Elbstraße sickert das Wasser durch die provisorischen Dämme.

In der Pension frühstücken jetzt Journalisten, ein paar Jungen mit Rucksäcken, die beim Sandsack-Schippen helfen und übermüdete Deichbauleute vom Landesumweltamt.

Der Wirt will die Pension auf jeden Fall offen lassen. „Ich kann es mit nicht leisten zu schließen.“ Dass die Altstadt zwangsgeräumt wird, glaubt er nicht.

7.50 Uhr: Elbe in Mühlberg noch weit über kritischer Marke

Für die Elbstadt Mühlberg kann auch am Sonntagmorgen noch lange keine Entwarnung gegeben werden. Der Pegel steht derzeit bei 9,22 Meter. Doch erst wenn er die kritische Marke von 8,50 Meter erreicht und unterschreitet, ist an Aufatmen zu denken.

Noch immer sind rund 500 Hilfskräfte im Einsatz. In der Nacht sicherten sie bis 3 Uhr morgens einen etwa 200 Meter langen Deichabschnitt.

Die Evakuierungsmaßnahmen für Mühlberg sind noch immer aktuell.

7.30 Uhr: Elbe steht in Wittenberge bei 7,70 Meter

Das Wasser sickert durch die Deiche an der Elbstraße in Wittenberge. Die Elbe steht bei 7,70 Meter.

Noch sind alle gelassen. „Das ist nur Qualmwasser, das durch die Deiche drückt, wenn es nicht schlimmer wird, kann ich damit leben“, sagt Restaurantbesitzer Knut Diete. Die Terrasse seines „Kranhauses“ steht unter Wasser. Sie liegt jenseits vom Deich.

Gegenüber treten zwei alte Damen aus einem Fachwerkhaus. Die eine geht den Hund ausführen über den nassen Weg am Deich. Die andere sagt, sie sei 90 Jahre alt und in ihrem Haus geboren. Sie werde bleiben, solange es die Polizei gestatte. „Ich habe keine Angst, ich habe schon so viele Hochwasser erlebt und musste mein Haus nie verlassen. Und es ist ja auch alles getan worden, im Deichbau und im Hochwasserschutz, was möglich war.“

6.30 Uhr: Entspannung erst in drei oder vier Tagen

Freiwillige Helfer und Bundeswehrsoldaten brachten am Sonnabend 35.000 Sandsäcke an die Deiche bei Mühlberg. „Bis zum frühen Sonntagmorgen haben die Helfer weiter unermüdlich an den Brennpunkten gearbeitet“, betonte ein Sprecher des Katastrophenstabs.

Erst in drei bis vier Tagen rechnete er mit spürbarer Entspannung. Bis dahin müssten die Dämme halten. Und natürlich auch noch länger – denn auch das abfließende Wasser drücke noch mit einer gewaltigen Wucht gegen die Deiche, hieß es.

Alle Informationen zur Hochwasser-Lage in Brandenburg finden Sie HIER.

6.10 Uhr: Fazit der Nacht in Brandenburg

In Wittenberge in der Prignitz hat sich die Hochwassersituation in der Nacht zu Sonntag nicht weiter verschärft. „Die letzten Stunden sind zum Glück ruhig verlaufen“, sagte ein Sprecher des Krisenstabs am frühen Morgen.

Das Hochwasser der Elbe hatte bei Wittenberge am Samstagabend einen historischen Höchststand erreicht. Rund 1500 Bewohner der Altstadt wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. „Bisher wurde das Angebot aber nur sehr verhalten angenommen“, sagte der Sprecher weiter.

Einige Bewohner wurden mit Bussen in eine Notunterkunft in Perleberg gebracht. Dort verbrachten sie die Nacht in einer Schule.

Gegen 22 Uhr hatte die Elbe bei Wittenberge einen Rekordstand von 7,50 Meter erreicht. Das waren sechs Zentimeter mehr als beim Hochwasser 1880. Der Fluss stieg zunächst weiter. „Mit so einer Entwicklung konnte nicht gerechnet werden“, sagte der Landrat des Kreises Prignitz, Hans Lange.

Auch in Mühlberg (Elbe-Elster) kämpften die Helfer in der Nacht zu Sonntag weiter gegen die Fluten. Die Elbestadt war am Sonnabend fast menschenleer. Mehr als drei Viertel der 4230 Einwohner hatten den Ort nach Ausrufung des Katastrophenfalles verlassen. Wann sie in ihre Häuser zurückkehren können, war zunächst noch unklar. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter.

Einige Mühlberger blieben jedoch auch:

Brandenburg kämpft gegen das Hochwasser. Auch am heutigen Sonntag sind die Morgenpost-Reporter live vor Ort und berichten.

Hochwasser in Brandenburg - unser Liveblog von Sonnabend.

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