Zu den Zehntausenden freiwilligen Helfern, die in diesen Tagen bundesweit im Hilfseinsatz in den Katastrophengebieten sind, zählen auch viele Berliner. So ist die Johanniter-Unfall-Hilfe derzeit mit 25 Kräften und sieben Krankenwagen in Jessen (Sachsen-Anhalt) im Katastrophenschutz-Einsatz, gemeinsam mit Helfern des Malteser-Hilfsdienstes, des DRK und des Arbeitersamariterbundes.
Die Freiwilligen übernachten in einem Hotel-Saal, in dem 100 Feldbetten aufgestellt sind, oder in ihren Fahrzeugen. Für Einsatzleiter Stefan Krause, seit 2000 bei der Johanniter-Unfall-Hilfe, ist es der erste Hochwassereinsatz. Er ist dafür von seinem Arbeitgeber freigestellt worden. Der 44 Jahre alte Bankkaufmann aus Berlin berichtete der Berliner Morgenpost von seinem Einsatz.
So mussten drei ältere Bewohner in Jessen und Umgebung am Donnerstag evakuiert werden, weil die Elster über die Ufer getreten war. „Mehrere Straßen sind überschwemmt“, sagte Krause am Freitag. Die Bundesstraße 187 sei gesperrt. „Man rechnet damit, dass der Pegel steigt.“ Weitere Evakuierungen seien zu erwarten. „Viele ältere, zum Teil pflegebedürftige Menschen weigern sich, ihre Häuser zu verlassen“, sagte Krause. Deshalb seien die Kräfte der Johanniter-Unfall-Hilfe aufgefordert, auch Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und mit den Bewohnern zu sprechen.
Ein Pflegeheim mit bis zu 50 Insassen in Annaburg könnte in Gefahr sein, wenn das Hochwasser steigt. „Deshalb bleiben wir in Alarmbereitschaft, falls eine Evakuierung angeordnet werden muss.“ Die Heimbewohner sollen ins Klinikum Wittenberg gebracht werden, das als sicherer Standort eingeschätzt wird. Außerdem sei man dabei, für den örtlichen Feuerwehrstab zu erkunden, wie wieweit das Wasser die Straßen der Umgebung überschwemmt hat.
Hohes Maß an Hilfsbereitschaft
In Cottbus betreut die Johanniter-Unfall-Hilfe eine Notunterkunft für Feuerwehrleute und Bundeswehrsoldaten in der Lausitz-Arena. Am Dienstag hatte Einsatzleiter Jörn Schulz (36) gemeinsam mit 13 Helfern die 200 Feldbetten aufgestellt. Das Elb-Hochwasser in Cottbus habe etwa die gleiche Höhe wie vor drei Jahren, sagte Schulz am Freitag. Die Hilfsbereitschaft der Anwohner sei hoch. „Die Füllstation für Sandsäcke wird von Freiwilligen förmlich überrannt.“
Die DLRG hatte am Freitag zwei Bereitschaftsteams mit je 150 Helfern alarmiert. Sie wurden von Sachsen-Anhalt angefordert und sollen bei der Verteidigung der Deiche helfen. Am Sonnabend kämpften die Retter vor allem um die gefährdeten Deiche nahe Magdeburg. 350 Einsatzkräfte aus sechs Bundesländern waren in Schönebeck im Nachteinsatz, darunter auch Taucher, um den Vorort von Magdeburg zu schützen. Brechen die Deiche in Schönebeck, dann erreichen die Fluten der Elbe Magdeburg.
Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß. So liefen nach einem Hilfeaufruf in Wittenberge am Sonntag die Telefone heiß. Viele Berliner wollten spontan helfen, die Elbe-Stadt gegen das drohende Hochwasser sicher zu machen. Bis Sonnabendabend sollten alle Deiche so verstärkt werden, dass sie 8,50 Meter Hochwasser standhalten.
Für Dienstag sind 8,10 Meter vorhergesagt, momentan sind es 7,20 Meter. Laut Hochwasser-Krisenzentrum in Potsdam bereiten sich derzeit rund 500 Einsatzkräfte auf die Verteidigung des Deiches vor. Bürgermeister Oliver Hermann freut sich über die große Hilfsbereitschaft. Innerhalb kürzester Zeit waren fast alle Übernachtungsquartiere in den Stadt ausgebucht. Ausweichmöglichkeit ist zum Beispiel Perleberg. Zum Sandsackabfüllplatz Alte Ölmühle strömten zahlreiche junge Menschen, viele von ihnen hatten sich über das Internet organisiert. Täglich werden dort 60.000 Säcke gefüllt. Informationen zu den Sandabfüllplätzen gibt es auf www.wittenberge.de oder unter Telefon 03877 - 5669000.
Helfer verteidigen die Deiche
Durch das Hochwasser kommt es zu Einschränkungen beim Fern- und Regionalverkehr. Betroffen sind die ICE/IC-Linien von Hamburg über Berlin, Leipzig/Halle (Saale), Naumburg (Saale), Jena, Nürnberg nach München und die Gegenrichtung. Gleise seien im Bereich Pratau-Lutherstadt-Wittenberg gesperrt, teilte die Deutsche Bahn mit. Die Züge fahren deshalb auf einer Ausweichstrecke über Dessau und halten nicht in Wittenberg, dafür aber zusätzlich in Bitterfeld. Die Fahrt dauert eine Stunde länger. Wegen Gleisüberspülungen bei Magdeburg verlängert sich die Fahrzeit im Fernverkehr zwischen Magdeburg und Leipzig. Züge halten nicht in Köthen, Halle-Hauptbahnhof und Leipzig-Flughafen. Sie fahren ebenfalls über Dessau. Der Regionalverkehr zwischen Magdeburg und Schönebeck wurde vorerst eingestellt.
Unter der kostenlosen Telefonnummer 08000 - 99 66 33 bekommen Reisende rund um die Uhr aktuelle Informationen zur den Auswirkungen des Hochwassers auf den Bahnverkehr, außerdem unter www.bahn.de/aktuell. Wegen des Hochwassers lässt die Deutsche Bahn Kulanzregeln gelten. Fahrkarten für Züge in die betroffenen Gebiete werden auf Wunsch erstattet.
Die Helfer aus Berlin im Porträt
Die Berliner Morgenpost stellt vier freiwillige Katastrophenhelfer aus Berlin vor.
Susann Grothe
Schon seit acht Jahren arbeitet die Reinickendorferin Susann Grothe (49) ehrenamtlich bei der Johanniter-Unfall-Hilfe. Doch am Sonnabend startete sie zu ihrem ersten Einsatz in einem Hochwassergebiet. Zusammen mit 14 weiteren Berlinern fuhr sie mit einer Feldküche, zwei Lkw und einem Mannschaftstransportwagen von Berlin nach Magdeburg. Dort spitzte sich die Lage am Sonnabend besonders zu. Schon am Morgen stieg der Pegel der Elbe in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt auf 7,30 Meter – und in der Stadt bereitete man sich auf die größte Flut in der Geschichte Magdeburgs vor. „Nervös bin ich nicht, weil wir uns als Team gut vorbereitet haben“, sagte die Museumsangestellte Grothe, die als Feldköchin die Helfer in Magdeburg unterstützen soll. „Alles, was wir für den Einsatz benötigen, ist in unserer Feldküche.“ Am ersten Abend im Krisengebiet wird es Bohneneintopf und Nudelsuppe geben. Laut Einsatzplan soll ihr Team Montagmorgen zurück nach Berlin fahren. Insgesamt müssen im Gebiet rund um Magdeburg 1200 Einsatzkräfte von Verpflegungsteams und Einheiten mehrerer Hilfsorganisationen versorgt werden.
Steffen Andres
Steffen Andres ist ein waschechter Reinickendorfer. Seit November 1989 ist der 41 Jahre alte Berliner beim technischen Hilfswerk. Seine Lebensgefährtin ist zu Hause geblieben wie auch die neun Jahre alte Tochter. „Sementa war traurig. Doch wenn ich zurück bin werde ich ihr Bilder vom Einsatz hier in Mühlberg zeigen und erklären, wie wir hier gearbeitet haben“, sagt der gelernte E-Monteur.
Erschöpft vom nächtlichen Einsatz am Deich sitzt er am Sonnabendvormittag auf eine Bank des Einsatzstützpunktes in Weinberge nahe Mühlberg und genießt die kurze Pause bis es am Nachmittag wieder heißt, Sandsäcke per Boot an die aufgeweichten Deichabschnitte zu transportieren. Indes sind seine Gedanken immer wider zu Hause. Denn seine Lebensgefährtin ist beim Deutschen Roten Kreuz und besucht an diesem Wochenende einen Lehrgang. „Ich bin wie die anderen hier im Trupp ein echter Technikfreak und insofern sind wir eine verrückte Truppe“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Wie lange er hier in Mühlberg sein wird, kann er noch nicht sagen. „Wir bleiben so lange, wie wir zur Sicherung der Deiche gebraucht werden.“
Daniel Busse
Er stammt aus Lichtenberg und ist seit Freitag im Auftrag des THW Berlin im Katastrophengebiet in Mühlberg. „Um 3.30 Uhr klingelte das Telefon und hat mich aus dem Schlaf gerissen“, sagt der 34-Jährige. Insgeheim habe er schon damit gerechnet, dass er an die Elbe beordert werden könnte. Dennoch kam der „Marschbefehl“ etwas überraschend für ihn.
„In den Nachrichten habe ich die Berichterstattung verfolgt und mir Sorgen um die Menschen in den Hochwassergebieten gemacht.“ Gemeinsam mit drei Kameraden ist er mit dem Lkw und einem Boot auf dem Anhänger nach Mühlberg gefahren. „Was mich und meine Kameraden hier erwartet habe wir zwar schon geahnt, doch dass das Wasser der Elbe so hoch steht, habe ich nicht gedacht“, sagt der Mitarbeiter der Agentur für Arbeit in Berlin Mitte. Seine Kollegen in Berlin haben Verständnis für sein Engagement im THW. „Die werden mich bestimmt mit Fragen löchern, wenn ich in ein paar Tagen von dem Einsatz zurück bin und wieder hinter dem Schreibtisch sitze.“ Bei dem schönen Wetter wäre er gern auch mit seinem Motorrad auf Brandenburgs Straßen unterwegs gewesen. „Doch der Einsatz hier geht vor.“
Stephan Senftleben
Eigentlich würde sich Stephan Senftleben in diesen Tagen um seine einjährige Tochter kümmern, aber wegen des Hochwassers musste er eine Pause in seiner Elternzeit einlegen. Mit 70 Kollegen aus mehreren Freiwilligen Feuerwehren ist der 42-Jährige am Sonnabend von Berlin nach Magdeburg gefahren. In den nächsten 72 Stunden werden sie Sandsäcke auf einen Deich stapeln. „Das ist harte körperliche Arbeit“, sagt Senftleben. „Aber das mache ich gern.“
Senftleben ist schon viele Jahre als Feuerwehrmann tätig. Er arbeitet bei der Werkfeuerwehr der Bayer HealthCare Pharmaceuticals AG. Und er engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Wedding, leitet eine von vier Katastrophenschutzeinheiten in Berlin. Nun leitet er auch den Einsatz in Magdeburg. „Die Lage ist recht kritisch“, sagt er. „Ich werde aufpassen, dass meine Leute gesund nach Hause kommen.“ Unterstützung bekommt Senftleben von seiner Frau und seinen Schwiegereltern. Sie kümmern sich in den nächsten Tagen um die Tochter. Stephan Senftleben: „Mit meiner Hilfe will ich einen kleinen Beitrag leisten, dass es den Menschen hier in dieser schwierigen Situation besser geht.“




