Jetzt, da Bayern und die Junge Union Berlin am liebsten enteignen wollen und die Alltagssorgen der Menschen darin bestehen, ihrer 10.000 Eigentumswohnungen beraubt zu werden, jetzt ist es an der Zeit, noch einmal ein Vorurteil auszuräumen, bevor alles zu Ende ist. 

Berlin ist nicht Athen. 

Dieses Vorurteil hält sich seit ungefähr 300 Jahren – und war damals schon falsch. Ein gewisser Erdmann Wircker gilt als Urheber dieser Wortschöpfung. Sie gehört zu den Berlin-Umschreibungen, die zwar jedermann kennt, aber niemand in seiner Alltagssprache benutzt, wie auch „Tele-Spargel“ für den Fernsehturm oder „Schwangere Auster“ für die alte Kongresshalle. 

Wircker erfindet "Spree-Athen" und gerät in Vergessenheit

Schon der Anlass für Wirckers Sprachschöpfung ist ein kleiner Irrtum, denn sie entstand anlässlich einer Festschrift zum 200-jährigen Gründungsjubiläum der Viadrina in Frankfurt an der Oder. Wircker wollte damit wohl König Friedrich I. schmeicheln, als er schrieb: „Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehen, Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet.“ 

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Der Dichter hat ansonsten kaum literarische Spuren hinterlassen. In einem 100 Jahre später entstandenen Musen-Almanach schiebt ihn ein unter dem Pseudonym Winfried schreibender Autor endgültig in die Vergessenheit. Wircker gehöre zu den Namen der deutschen Dichtkunst, die man in der Geschichte vergeblich sucht. 

Preußen und die Antike: Deutsche Städte entdecken ihr „Athen“

Aber „Spree-Athen“ blieb. Der heute vergessene Dichter wollte mit seiner Lobhudelei des Königs auf dessen Engagement für die Wissenschaft verweisen. Der schiefe Fritz, wie er auch genannt wurde, hatte den Aufstieg Preußens ermöglicht, unter anderem indem er die verfolgten Hugenotten ins Land einlud und die Akademie der Wissenschaften gründete. Das Zeitalter der Aufklärung hatte gerade begonnen, und die Antike erlebte ein Comeback. 

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Berlin war nicht die einzige Stadt, die sich die alten Griechen zum Vorbild nahm. Auch Marburg (Lahnathen), Weimar (Ilmathen), Göttingen (Leinathen), Jena und Halle (Saalathen) und Wittenberg (Elbathen) sahen sich in der Tradition der Antike. Dresden machte da nicht mit. Es ist ja mit Elbflorenz als Beiname ganz gut bedient. Irgendwann wollte auch Bayern bei den Großen mitspielen. Ludwig I. versuchte, München als Isarathen zu etablieren. Daraus wurde aber nichts. 

Städtemarketing setzt auf eigene Begriffe statt Vergleiche mit Metropolen

Ende des 19. Jahrhunderts verlor die Faszination für das antike Griechenland an Strahlkraft und wurde von der Vorliebe für Asien und das alte Ägypten abgelöst. Auch in Berlin. Hier sah der amerikanische Schriftsteller Mark Twain in dem wilden Treiben der rasant wachsenden Stadt vielmehr „Chicago“ als den neuen passenden Beinamen. Der spätere Kurzzeit-Außenminister Walter Rathenau fasste in seinem Aufsatz über Berlin als schönste Stadt der Welt zusammen: „Spree-Athen ist tot und Spree-Chicago wächst heran.“ „Chicago“ setzte sich allerdings nicht durch, wogegen sich „Spree-Athen“ weiter hielt.  

Insgesamt verzichtete das Städtemarketing in der Folge auf Vergleiche mit anderen Städten, Ländern oder Kulturen. Stattdessen setzten die Eigenwerber auf Begriffe wie „Metropole“ und „Perle“. Hannover sieht sich als Leine-Metropole, Cottbus als Lausitz-Metropole. Spremberg gilt dagegen als Perle der Lausitz, Lindau, Meersburg und Konstanz ringen um den Ruf als Perle am Bodensee. Bad Harzburg sieht sich als Wildpark-Perle. Paris und Kobe gelten als Perlen-Metropolen, allerdings nicht wegen ihres Perlendaseins, sondern weil dort viele Perlen gehandelt werden. 

Mythos „Spree-Athen“ verliert an Bedeutung

Aber zurück zu Athen. Dort liegt bekanntlich die Wiege der Demokratie und steht die Akropolis. Bei genauer Betrachtung muss eingeräumt werden, dass Berlin und Athen nicht ganz so viel gemeinsam haben. Es ist an der Zeit, das von Erdmann Wircker in die Welt gesetzte Missverständnis – wie den Autor selbst – zu vergessen. Auch mit der Konsequenz, dass Liedzeilen wie Hanns Eislers „Oh Spree-Athen, oh Spree-Athen, oh wie viel Blut hast du geseh’n“ oder Willi Kollos „Lieber Leierkastenmann, fang noch mal von vorne an, von dem schönen Spree-Athen, wo sojar de Blinden seh’n“ für immer verloren sind. Der Verlust hält sich allerdings in Grenzen.