Eine Ära geht zu Ende – und Griechenland versucht, daraus den Beginn einer neuen zu machen. Noch in den 1990er-Jahren stammten rund 80 Prozent des griechischen Stroms aus Braunkohle. In diesem Jahr werden die letzten Kohlekraftwerke vom Netz genommen. In der früheren Braunkohleregion Westmakedonien soll auf den alten Tagebauflächen nun ein Energie- und Technologiezentrum entstehen.

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Der staatlich kontrollierte Stromkonzern Public Power Corporation (PPC) will Milliarden in die Region investieren. Geplant sind riesige Solarparks, Batterien und Pumpspeicher – und ein Rechenzentrum, das zu den größten Europas gehören könnte. Beteiligt ist auch der deutsche Energiekonzern RWE.

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Griechenland: Vom Kohlerevier zum Solarzentrum

Zu den Vorhaben gehört ein Photovoltaik-Cluster mit einer geplanten Leistung von 3,15 Gigawatt (GW). Im ehemaligen Braunkohletagebau Amyntaio haben PPC und RWE bereits neun Solarparks mit zusammen 940 Megawatt (MW) Leistung fertiggestellt. Weitere Projekte sollen folgen.

Rund 940 Millionen Euro investiert PPC zudem in Speicher. Geplant sind Batterien mit einer Gesamtleistung von 1160 Megawatt sowie Pumpspeicherwerke in ehemaligen Kohlegruben. Sie sollen die Schwankungen bei der Produktion von Wind- und Solarstrom ausgleichen.

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Griechenland erzeugt die Hälfte seines Stroms aus Erneuerbaren

Der Anteil erneuerbarer Energien an der griechischen Stromerzeugung liegt inzwischen bei rund 50 Prozent. 2019, als Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis den Kohleausstieg zur Chefsache machte, stammte noch etwa ein Drittel des Stroms aus Braunkohle.

Nun geht es um die letzten Kraftwerke. Die Anlage Agios Dimitrios bei Kozani, einst Griechenlands größtes Braunkohlekraftwerk und einer der schlimmsten Umweltverschmutzer Südosteuropas, wurde am 15. Mai dieses Jahres stillgelegt. Bis Ende 2026 soll auch der 660-Megawatt-Block Ptolemaida V vom Netz gehen. Er wird umgebaut, ab 2028 mit Erdgas betrieben und später für grünen Wasserstoff vorbereitet werden.

Milliarden-Investition in Griechenland: Amazon plant riesiges Rechenzentrum

Das spektakulärste Projekt entsteht auf dem Gelände von Agios Dimitrios: ein Rechenzentrum für Amazon Web Services (AWS). Die erste Ausbaustufe soll eine Leistung von 300 Megawatt haben und bis Ende 2028 fertiggestellt werden. Eine Erweiterung auf bis zu ein Gigawatt ist möglich. Damit würde die Anlage zu den größten Rechenzentren Europas zählen.

Für die erste Ausbaustufe rechnen die Planer mit einer Investition von 2,3 Milliarden Euro. Für den Ausbau auf ein Gigawatt wären weitere 5,4 Milliarden Euro nötig, hinzu kommen 1,2 Milliarden für die Energieinfrastruktur. PPC stellt Grundstücke und Gebäude bereit und liefert den benötigten Ökostrom. Der Konzern garantiert eine unterbrechungsfreie Versorgung, während AWS die IT-Infrastruktur und Rechentechnik bereitstellt.

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Für PPC ist die Kooperation Teil einer umfassenden Neuausrichtung. Der Konzern soll sich vom klassischen Energieversorger zum Technologiekonzern entwickeln. Neben Stromerzeugung investiert PPC in Glasfasernetze, internationale Datenverbindungen und Rechenzentren. Für diese neue Unternehmensstrategie hat der Konzern das Kunstwort „Powertech“ erfunden.

Energiewende: Alte Kohleregion wird zum Digitalstandort

Für Griechenland ist das Projekt ein technologischer Sprung. Rechenzentren benötigen enorme Strommengen und müssen rund um die Uhr zuverlässig versorgt werden. Genau hier sieht PPC Vorteile der alten Kohleregion: Leistungsfähige Stromnetze, große Industrieflächen, Wasserressourcen für die Kühlung der Computer und erfahrenes Personal sind bereits vorhanden.

PPC-Chef Georgios Stassis spricht deshalb von einer Region, die sich „mithilfe von Technologie neu erfinden“ werde. Mitsotakis bezeichnet das Projekt als Vorhaben von globaler Bedeutung.

Strukturwandel: Für Kozani geht es um mehr als Strom

In Kozani ist die Euphorie allerdings nicht ungeteilt. Die Braunkohle war über Jahrzehnte der wirtschaftliche Lebensnerv der Region. Auf dem Höhepunkt beschäftigte PPC in Westmakedonien rund 5500 Menschen, heute sind es noch etwa 1250.

Die Folgen des Strukturwandels sind sichtbar. Rund 650 von 1500 Geschäften in Kozani haben inzwischen geschlossen. Viele junge Menschen verlassen die Region, weil sie dort keine berufliche Perspektive sehen. „Das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist, ihnen das Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu vermitteln“, sagt der Vorsitzende der örtlichen Handelskammer.

Auch Bürgermeister Yiannis Kokkaliaris begrüßt die Investitionen, stellt aber die entscheidende Frage: Reichen sie aus, um die verlorenen Arbeitsplätze zu ersetzen? Während der Bauphase sollen nach PPC-Angaben etwa 7500 Menschen beschäftigt werden. Später sollen mindestens 2200 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.

Modell für andere Kohleregionen?

Viele europäische Kohleregionen stehen vor derselben Aufgabe: Der Kohleausstieg vernichtet Arbeitsplätze. Umso wichtiger ist es, für die betroffenen Regionen eine neue wirtschaftliche Basis zu schaffen.

Genau das versucht Griechenland in Westmakedonien. Wo früher Kohle gefördert und Strom erzeugt wurde, entstehen Solarparks und Stromspeicher. Der erneuerbare Strom soll wiederum eine der energieintensivsten Technologien der digitalen Wirtschaft antreiben: Rechenzentren für Cloud-Dienste und künstliche Intelligenz.

Ob diese Strategie aufgeht, wird sich nicht allein an der Zahl der Solarparks oder der Größe des AWS-Rechenzentrums entscheiden – sondern daran, ob Westmakedonien jungen Menschen wieder eine Zukunft bieten kann.