Versetzen wir uns ins Jahr 1904. Zum ersten Mal fährt eine Pferde-Eisenbahn von Pankow-Heinersdorf nach Französisch Buchholz, einem kleinen Ort im Norden Berlins, den man mit Fug und Recht als Obst- und Gemüsegarten der Millionenstadt bezeichnen kann. Auch wir starten unseren Ausflug an der Tram-Haltestelle der Linie 50 unterhalb des S-Bahnhofs Pankow-Heinersdorf in Richtung Guyotstraße. Der Straßenname und der Zusatz "Französisch" im Ortsnamen deuten darauf hin, daß wir uns auf die Spuren der Hugenotten begeben, jener Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die im 17. Jahrhundert im kargen Brandenburger Land siedelten. Heute müssen wir die Phantasie spielen lassen, uns während der Tram-Fahrt die Autobahn, die Häuser und Gewerbehöfe wegdenken, statt dessen Felder, Wälder, Plantagen sowie Fischteiche vorstellen. Die hugenottischen Familien, die ab 1688 in Buchholz, nahe der Residenzstadt Berlin heimisch wurden, betrieben vornehmlich Gemüse- und Blumenanbau, und das prägt noch heute den Charakter des Ortes, der mit seinen Traditionen noch viel mehr touristisch wuchern könnte. Wir verlassen die Tram an der Haltestelle "Buchholz Kirche" und stehen vor dem imposanten Gotteshaus auf dem Pfarrer-Hurtienne-Platz. Der Name erinnert an den Geistlichen, der von 1910 bis 1935 der Französischen Gemeinde Buchholz vorstand und der sie mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde vereinte. Erst 1886 bekam die Feldsteinkirche ein Querschiff aus Klinkersteinen und einen massiven Turm. Auf dem Kirchplatz erinnert eine Plastik aus gelblichem Sandstein an den Einzug der Hugenotten, ihr segensreiches Wirken als Bauern und Gärtner sowie die freundliche Aufnahme durch die Einheimischen. Hinter der Kirche befindet sich der Fachwerkstall des Küsterhofes und das 1857/58 erbaute gemeinsame Schulhaus für Kinder der deutschen und französischen Gemeinde. Rechts sticht das rosafarbene Gasthaus "Zum eisernen Gustav" ins Auge, das bis 1960 von der Hugenottenfamilie Matthieu bewirtschaftet wurde.
Das Dorf, das 1242 erstmals Erwähnung als "Buckholtz" fand, war als Angerdorf angelegt worden, was noch gut zu erkennen ist. Am Ende des Platzes duckt sich, gelb angestrichen, das älteste Bauerngehöft, der Kossätenhof. An dieser Stelle machen wir kehrt, überqueren die viel befahrene Hauptstraße und laufen an den mehr oder weniger restaurierten Bauerngehöften zurück, die hugenottischen Familien gehörten. Nummer 19 (Familie Guyot), Nummer 18 (Familie Matthieu) Nummer 17 (Familie Tiriot), im Hof der Nummer 15 war eine Hugenottenschule. In Nummer 64 gegenüber auf der anderen Straßenseite wurde 1730 das erste französische Café eröffnet. Neben dem Pfarrgrundstück Nummer 13 mit dem klinkerroten Pfarrhaus erstreckt sich der Hugenottenhof. Er entstand Mitte der 1990er Jahre. Davor die Friedensfigur, ein Buchholzer Wahrzeichen. An der großen Kreuzung biegen wir rechts in die Mühlenstraße ein. Nach wenigen Metern passieren wir rechts die Kelterei Breitenbach (Fabrikverkauf frischer Obstsäfte, Mo-Fr 8-16, Sa 8-13 Uhr, Tel.: 47 47 17 60) und stehen vor dem Friedhof. Früher befand sich der Begräbnisplatz vor der Dorfkirche, 1871 erwarb die Gemeinde vom Bauern Guyot am Mühlenberg Land und legte dort einen neuen an. An der Friedhofsmauer längs der Mühlenstraße befinden sich die ältesten noch erkennbaren Grabstellen, darunter die von Emma König, der Frau eines Arztes, die ab 1875 fünfzehn Jahre lang eine Pflegeanstalt für geisteskranke Frauen in der Hauptstraße 22 führte. Zahlreiche Pflege- und Altenheime gibt es heute noch.
Den Friedhof verlassend, tauchen wir nun in das neue Buchholz ein. Links die Gärtnerei Müller, ein Familienunternehmen seit 1922. Wo noch vor wenigen Jahren Spargel- und Salatfelder waren, erstreckt sich heute eine Wohnsiedlung mit Geschäften, Lokalen und einem modernen Dorfanger, dem Hugenottenplatz. Dort steigen wir in die Tram 50 Richtung Wedding und fahren zum S-Bahnhof zurück.
Dauer:
2 Stunden
Start/Ziel:
S-Bhf. Pankow-Heinersdorf
Parken:
P+R am S-Bhf. Pankow-Heinersdorf
Ausstellung:
"Zuwanderungsland Deutschland - die Hugenotten", Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Hinter dem Gießhaus 3, Mitte, tägl. 10-18 Uhr, Tel.: 20 30 40. Bis 12. Februar

