Eine Straßenecke weiter steht eine etwa zehn Meter lange Hecke. Hier herrschte stets wilder Trubel. Eine Spatzenkolonie hatte sich die Hecke angeeignet. Die Truppe wuselte durchs Gebüsch, alle zwitscherten wild durcheinander, ein paar Exemplare suhlten sich in einer Pfütze, andere in einem kleinen Sandbad. Doch das ist jetzt vorbei. Es herrscht Stille. Das Verschwinden geschah zunächst unbemerkt und ohne Ankündigung. Als es bemerkt wurde, war es zu spät.

Berlins Spatzen sind verschwunden

Die Hecke nebenan ist symptomatisch für eine beängstigende Entwicklung. Die Spatzen sind fast überall verschwunden. Dabei ist Berlin doch die Spatzenhauptstadt, nicht nur des Landes, sondern auch international! Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem sich so viele der kleinen wuseligen Vögel an einem Fleck befinden. Vor fünf Jahren zählten die Vogelkundler in der Stadt noch 190.000 Spatzen-Brutpaare, die korrekt Haussperlinge heißen, oder noch korrekter: Passer domesticus.

Spatz
Ein Spatz bei der Futtersuche. Der lateinische Name der kleinen Vogelart lautet Passer domesticus.© picture alliance / Hinrich Bäsemann | Hinrich Bäsemann

Doch in den vergangenen fünf Jahren setzte ein rätselhaftes Verschwinden ein. 70 Prozent des Bestandes sind futsch. Wenn das so weitergeht, ist Berlins Status als Hauptstadt des Haussperlings in Gefahr.

Dabei ist das Phänomen des Spatzensterbens nicht neu. In anderen Städten wie Köln, Hamburg, München und auch London trat das Verschwinden schon vor vielen Jahren auf. Aber nicht so rasant wie im Berlin der letzten Jahre.

Ursache für Spatzensterben unklar

Die Forscher rätseln über die Ursache dafür und haben bislang keine befriedigende Antwort gefunden. In Hamburg wurden zum Beispiel Umweltfaktoren herangezogen, die dazu führten, dass für den Nachwuchs nicht genug Futter vorhanden ist. In Köln fehlt schlicht das Stadtgrün, um geeignete Nistplätze zu finden. Beides trifft für Berlin eher nicht zu.

Auch interessant

Hier verfolgen Fachleute um den Sperlingsexperten Jörg Böhner von der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft eine andere Spur. Es könnte sich um die Vogel-Malaria handeln. Dabei handelt es sich um einen Parasitenbefall, der nicht alle, aber einige Vogelarten dahinrafft. Böhner will die Gründe in den kommenden Monaten zusammen mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung genauer ergründen.

Geht das Verschwinden weiter, dann wäre die lange Partnerschaft zwischen Mensch und Vogel vorbei. Spatzen begleiten die Menschheit seit mindestens 10.000 Jahren. Sie sind sogenannte Kulturfolger und fühlen sich in unserer Nähe wohl. Auch, weil sie unseren Müll mögen.

Spatzen-Population wird sich wohl nicht erholen

Seine zahlreichen Spitznamen bezeugen ebenfalls die lange Beziehung. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen „Buch der Vögel“ beschreibt der britische Schriftsteller Robert MacFarlane das so: „Korndieb, Mistfink, Lüning, Lünk, Leps und Mösche – Spatz‘ zahlreiche Spitznamen zeugen von unserer Zuneigung zu rastlosem, rundem, rotzfrechem, rabaukigem, heiterem kleinen Spatz voller Sturheit und Kampfgeist.“

Auch interessant

Weil sie in der Vergangenheit in unserer Nähe so selbstverständlich waren, sind Haussperlinge unterschätzt. Schon allein ihr Körper ist ein kleines Wunder. Seine rund 30 Gramm Körpergewicht verteilen sich auf bis zu 15 Zentimeter Länge und bis zu sieben bis acht Zentimeter Breite. Sein Gefieder besteht aus rund 3200 Federn.

Als gesellige Vögel verfügen Haussperlinge über viele Rufe. So unterscheidet sich der Warnruf vor Raubvögeln von dem vor Bodenfeinden wie Katzen oder Füchsen. Der Gesang der Männchen kennt viele individuelle Klänge und kann sich je nach Stimmung ändern. Außerdem fanden Sperlingsforscher heraus, dass Spatzenkolonien ein ausgeprägtes Sozialverhalten zeigen. Sterben während der Aufzucht beide Eltern, helfen andere Tiere mit der Fütterung aus, bis der Nachwuchs selbstständig ist. Wer also missliebigen Menschen ein Spatzenhirn als Ausweis großer Blödheit bescheinigt, beleidigt nicht nur sein Gegenüber, sondern auch die Spatzen.

Doch möglicherweise gibt es bald keine Sperlinge mehr, bei denen man sich dafür entschuldigen kann. Die schlechte Nachricht: An keinem Ort, an dem die Spatzen verschwunden sind, hat sich die Population bislang wieder erholt. Das wäre außerordentlich bedauerlich.

Weitere Beiträge aus der Kolumne „Anker Berlin“ lesen Sie hier.