Es gibt einen Punkt in einem Zehn-Kilometer-Rennen, auf den ich mich immer freue. Es ist der Moment, an dem ich das 9-Kilometer-Schild erreiche und weiß: Es ist nicht mehr weit. Ab jetzt kann ich alles raushauen, was noch im Körper steckt. Umso schwerer traf es mich am Sonntag, beim Berliner Morgenpost Great 10K, als ich dieses Schild nirgendwo entdecken konnte. Kurz kam ein Hauch Verzweiflung auf, dann entschied ich, einfach darauf zu hoffen, dass ich das Zeichen übersehen hatte. Denn zur Wahrheit gehört: Auch wenn man diese Läufe zum Spaß macht, sehnt man ab einem gewissen Zeitpunkt das Ziel herbei. Zumindest, wenn man gerade alles gibt, um eine Bestzeit zu erreichen.
Genau das habe ich am vergangenen Sonntag versucht. Immerhin gilt der Berliner Morgenpost Great 10K als schnellster Citylauf Deutschlands. Eine Strecke zu finden, die sich besser für persönliche Rekorde eignet, dürfte also schwer sein. Der Rundkurs ist weitgehend flach und hat wenige Kurven. Einerseits heißt das: Es gibt nichts, was einen ausbremst. Es bedeutet aber auch: Es kann mental fordernd werden, eben weil man nur stur geradeaus läuft und die Richtungswechsel fehlen.
Die besten Bilder des 10k-Laufes
Great 10K Berlin: Alle Teilnehmer teilen die Anstrengung
Ich habe deshalb probiert, selbst für Abwechslung zu sorgen – so gut das inmitten der Belastung noch möglich war. Ich habe mich auf die Trommler konzentriert, die der Kälte trotzten. Auf den Löwen im Zoo, der die vor seinem Gehege vorbeirennenden Menschen scheinbar mit großem Interesse beobachtet hat. Auf die Menschen um mich herum, die laut atmend signalisierten, dass sie das Ganze als mindestens genauso anstrengend empfanden wie ich.
Und ich habe versucht, mir gut zuzureden, indem ich mich an das Vorjahr zurückerinnert habe. Damals fiel mir die zweite Hälfte des Rennens so schwer, dass ich mit mir ringen musste, überhaupt noch weiterzulaufen und nicht einfach zu gehen. Mein Gedanke war deshalb: Ja, es ist hart. Aber im vergangenen Jahr habe ich mich an demselben Punkt des Laufs deutlich schlechter gefühlt. 2025 geriet das Ziel einer Bestzeit mit jedem Kilometer mehr außer Reichweite. Dieses Mal aber blieb es das ganze Rennen über greifbar.
Auf den letzten Metern alles gegeben, um die Bestzeit zu erreichen
Als schließlich der Zielbogen in einigen Hundert Metern Entfernung erkennbar wurde, verriet mir der Blick auf die Uhr aber auch: Es wird eng. Um das Ziel nicht doch noch zu verpassen, muss ich das Tempo anziehen – und ignorieren, dass sich mein Puls zu diesem Zeitpunkt bereits unaufhaltsam der 200er-Marke annäherte. Also habe ich mich an die Fersen des Läufers vor mir geheftet und Gas gegeben. Auf den letzten Metern war ich so fokussiert, dass ich nicht einmal die mich anfeuernden Kollegen am Rand wahrgenommen habe. Aber es hat sich gelohnt. Verglichen mit dem vergangenen Jahr war ich rund anderthalb Minuten schneller.

Während ich mich also über die Bestzeit freute, hatte eine andere Läuferin noch etwas mehr Grund zum Feiern. Peruth Chemutai siegte nicht nur, sondern tat das auch noch mit Strecken- und ugandischem Landesrekord. Ihre Zeit: 29 Minuten und 57 Sekunden. Während die 27-Jährige also bereits das Zielband in die Höhe halten konnte, war ich gerade bei Kilometer sechs und hatte noch fast 20 Minuten Laufzeit vor mir. Zehn Kilometer mit einem Tempo von etwa 20 km/h zu absolvieren? Ich kann mir nicht vorstellen, wie das möglich sein soll.
Mehr zum Thema Laufen in Berlin
- Neue Zahlen: Überall nur schlechte Nachrichten? Der Laufsport liefert fünf gute
- Laufen in Berlin: Warum es besonders ist – aber manches auch richtig nervt
- Trainer: Laufcoach über Fehler vor dem Rennen – „Sensible Phase“
- Berlins schönste Laufstrecken: Sieben Tipps für besondere Routen
Aber das Schöne an solchen Events ist ja: Egal, ob die Laufzeit bei unter 30 Minuten oder bei anderthalb Stunden liegt, am Ende erreichen doch alle dasselbe Ziel und bekommen dieselbe Medaille. Und so sehr man auch zu Vergleichen neigt, so wenig bringen sie einen weiter. Es wird immer Läuferinnen geben, die schneller sind als ich. Viele sogar. Trotzdem darf und sollte ich stolz auf meinen eigenen Fortschritt sein. Peruth Chemutai hat sich vorgenommen, im nächsten Jahr unter 29 Minuten zu laufen. Vielleicht kann ich den Abstand erneut auf knapp 20 Minuten begrenzen. Dann können wir auch 2027 wieder beide jubeln. Wenn auch etwas zeitversetzt.



























