Vor wenigen Tagen stand ich wieder einmal unentschlossen vor dem Kleiderschrank. Das Thermometer zeigte neun Grad an, die Sonne schien, dazu wehte eine frische Brise. Ich war zum Laufen verabredet und versuchte, das richtige Outfit zu wählen. Und ich weiß nicht, woran es liegt, aber jedes Jahr zu dieser Zeit, wenn sich der Beginn der dunklen Jahreshälfte nicht mehr leugnen lässt und die Temperaturen plötzlich nur noch einstellig sind, stellt mich diese Aufgabe wieder vor große Herausforderungen.

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Im Sommer ist die Outfitwahl meist schnell abgeschlossen und besteht in 95 Prozent aller Fälle aus kurzer Hose und T-Shirt. Zwar gibt es auch bei Temperaturen um die 10 Grad noch Läufer, denen diese Kleidung ausreicht, ich gehöre aber definitiv nicht dazu. Vielmehr beginnt für mich jetzt die Zeit der Zwiebellooks. Die Auswahl an Kleidung, die mir dafür zur Verfügung steht, ist dabei nicht das Problem – über die Jahre hat sich eine stetig wachsende Auswahl an Shirts, Longsleeves, kurz- und langärmligen Baselayern, Westen und Jacken unterschiedlicher Dicke angesammelt. Die Frage ist nur: Wie viele und welche Schichten brauche ich?

Laufen in Berlin: Merksätze sollen bei der Outfitwahl helfen

Um die Entscheidungsfindung zu erleichtern, gibt es verschiedene Merksätze, die helfen sollen. Etwa: Zu der aktuellen Temperatur (in dem Fall neun Grad) zehn Grad addieren (sodass man also bei 19 Grad landet) und dann ein Outfit wählen, das zum Spazierengehen angemessen wäre. Oder: Sich so anziehen, dass man beim Loslaufen leicht fröstelt. Im weiteren Verlauf des Trainings wird einem dann wärmer, aber nicht zu warm, so die Theorie.

Wirklich hilfreich finde ich diese Regeln in der Praxis allerdings nicht. Woher soll ich beim Umziehen in meiner warmen Wohnung wissen, womit ich auf den ersten paar Hundert Metern beim Laufen leicht frieren werde? Und müsste ich, bei der ersten Rechnung, nicht noch Punkte wie Luftfeuchtigkeit, Bewölkung oder Sonnenschein berücksichtigen? Oder den sogenannten Windchill-Faktor, der angibt, wie sich die gefühlte Temperatur in Abhängigkeit von der Windstärke verändert?

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Laufen im Herbst: Das Grübeln vorm Kleiderschrank lohnt sich

Am Ende ist es eigentlich auch egal, ob ich die Regeln berücksichtige oder nicht. Die ersten Male, nachdem das Wetter gewechselt hat, entscheide ich mich zuverlässig für die falsche Kleidung. Auch am vergangenen Wochenende. Stirnband und Halstuch waren überflüssig und mein Thermo-Funktionsshirt hätte wohl ebenfalls noch im Schrank bleiben können. Aber immerhin bieten meine Herbst-Winter-Klamotten ausreichend Taschen, um sämtliche unnötige Kleidungsstücke während des Laufens zu verstauen.

Abgesehen von der komplizierteren Outfitwahl gibt es aber auch Dinge, die ich an den niedrigeren Temperaturen beim Laufen mag. Im Sommer bin ich teilweise mit bis zu einem Liter Wasser im Gepäck unterwegs, die Menge kann ich jetzt deutlich reduzieren. Und mit Blick auf die sportliche Leistung sind 10 Grad beim Laufen deutlich besser als 30. Der Körper muss im Sommer einen Teil der Energie für die Kühlung aufwenden, das fällt jetzt weg. Für einen Marathon gelten Temperaturen um die acht Grad daher als ideal – davon war Berlin in diesem Jahr ziemlich weit entfernt.

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Auch ich merke, dass mir Trainings oft leichter fallen, wenn die Temperaturen zwischen fünf und 15 Grad liegen. Die Herzfrequenz bleibt niedriger, ich kann mich entspannter unterhalten. Und während im Fitnessstudio der Andrang bei der Laufbändern langsam wieder größer wird, wird es in den Berliner Parks wieder leerer. Irgendwie ist auch das Gefühl nach dem Laufen ein bisschen anders. Bei 18 Grad und Sonne joggen zu gehen, ist deutlich leichter, als sich bei acht Grad und Dunkelheit fürs Training zu motivieren. Umso besser ist es, wenn man danach wieder zu Hause ist und merkt, wie gut es getan hat, nach einem Tag in Räumen voll trockener Heizungsluft nochmal nach draußen gegangen zu sein. Dafür lohnen sich selbst die fünf Minuten unentschlossenes Grübeln vorm Kleiderschrank.