Es war einer dieser Tage, an denen man nicht weiß: lachen oder weinen? Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als ich an einer Installation vorbeikam, die mir sehr symbolisch schien für unsere Stadt. Mitten auf dem Bürgersteig in Kreuzberg stand mal wieder ein E-Scooter herum (es gibt mehrere Abstellflächen direkt in der Nähe, aber niemand nutzt sie). An den Scooter lehnte sich in diesem Fall ein kleiner Baum. Das Bäumchen wirkte erschöpft, als drohte es, ohne den Scooter umzufallen. Ein bisschen wacklig wirkten die beiden. Wie übermüdete Partygäste am Morgen danach, fand ich. Oder ein schräges Liebespaar, wir sind schließlich in Berlin.

Das Bild, fand ich, erzählte auch von der bedrohten Stadtnatur. Die ja in Innenstadtvierteln wie Neukölln und Kreuzberg von besorgten Bürgern gern behandelt wird wie ein sterbender Patient. Seit einigen Monaten mahnt zum Beispiel vor unserer Haustür ein Schild an einer Kastanie auf dem Gehweg: „Bitte zollt mir mehr Respekt!“ Das Schild haben Anwohner aufgehängt. Es ist sorgfältig in Plastik laminiert und, was bemerkenswert ist, seit Monaten weder zerstört noch beschmiert worden. Selbst die allgegenwärtigen „Free Gaza“-Schmierer haben sich bisher zurückgehalten. Darunter hat jemand eine Art Beet angelegt, samt Zäunchen.

Amtslyrik in Neukölln: „Unser aller Grünflächen werden und bleiben grün“

Die Elbestraße in  Neukölln soll umgestaltet werden
An der Elbestraße in Neukölln hat sich das Grünflächenamt lyrisch ausgelebt – gegen Müll. © BM | Uta Keseling / Reto Klar

In der Neuköllner Elbestraße hat das Straßen- und Grünflächenamt sogar persönlich in einem lyrischen Anfall ein Schild selbst gestaltet: „Ansaat – unser aller Grünflächen werden und bleiben grün, sofern Übernutzung ausbleibt“ stand dort im Sommer in quasi biblischem Ton neben Bezirkswappen und stilisiertem Laub. Gemeint war in beiden Fällen, dass die Leute ihre Hunde nicht an Bäume pinkeln und kacken lassen sollten und die Grünflächen rund ums Wurzelwerk nicht als Müllkippe nutzen. In beiden Fällen machen sie das natürlich trotzdem.

Das Scooter-Kunstwerk blieb einen Tag lang bestehen, bevor es jemand abräumte. Vielleicht braucht jemand den Roller, oder der Baum fand einen neuen Besitzer. Er war ja auch pflegeleicht, stand schon im Blumentopf – und war aus Plastik. Es fiel mir wieder ein, als ich jetzt einige Zeit nicht in Berlin war.

Je weiter und länger man sich aus der Hauptstadt entfernt, desto schriller erscheinen einem ja die Nachrichten. Wohnt man in Berlin, weiß man: Irgendjemand regt sich immer auf, motzt herum, behauptet absurde Dinge. Um das zu erleben, reicht eine simple Fahrt mit der U-Bahn. Und ja, auch gestritten wird immerzu, und das gern grundsätzlich. So gesehen schaute ich mir zunächst amüsiert das Video von Franziska Giffeys Wutrede in Warschau gegen die Berlin-Meckerer an. Ich fand, die Wirtschaftssenatorin und SPD-Politikerin hatte recht. Und sie ist eben niemand, der um den heißen Brei herumredet. Außerdem gefiel mir die Dialektik: Eine Wutrede gegen das Meckern! Mehr Berlin geht eigentlich nicht.

Das Gift, das verquaste Politiker-Sätze wie der vom „Stadtbild“ verbreiten

Die Schlagzeilen um Giffeys Rede verblassten, als Kanzler Merz sich zum deutschen „Stadtbild“ und „Rückführungen“ äußerte. Er hatte nicht explizit Berlin gemeint, das man aber natürlich sofort vor Augen hatte. Vielleicht sogar Neukölln, wo Giffey lange Stadträtin und Bürgermeisterin war, aber das nur nebenbei. Selbst am Gartenzaun unter der Kastanie in Kreuzberg ging es wieder mal darum, wer dazu gehört und wer nicht, wer sich rassistisch beleidigt oder zu Recht ausgegrenzt fühlt.

Vergeblich durchforstete ich nach dem Merz-Satz die Medien nach einem Wort der Erklärung, wer oder was nun wirklich gemeint war und was dieser Satz bezwecken sollte. Ging es überhaupt um ein Stadtbild, wenn ja, welches und wo? Oder doch eher nur um Umfrageergebnisse, Stichwort AfD? Vergeblich wartete ich aber auch auf einen Wutanfall über das Gift, das solche verquasten Politiker-Sätze verbreiten. Wer Angst vor dem „Fremden“ sät, löst kein einziges Problem, weder auf der Sonnenallee noch vor meiner Haustür. Wo das reale Stadtbild – Stichwort Müll und E-Scooter –, tatsächlich oft zu wünschen übrig lässt. Aber das hat der Kanzler wohl nicht gemeint.

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