Wie wird der diesjährige Tag der Deutschen Einheit in Berlin eigentlich begangen? Auf Berlins „offiziellem Hauptstadtportal“ berlin.de steht zum 3. Oktober der lapidare Satz: „Das beliebte Fest zum Tag der Deutschen Einheit findet seit 2020 nicht mehr statt.“

Sucht man weiter, stößt man auf ein buntes Allerlei am 3. Oktober: Ein Gauklerfest, einen angeblichen Tag der offenen Ministergärten, den tag der offenen Moscheen, es gibt ein Chortreffen und den Berliner „Tag der Clubkultur“ (welcher Tag wäre das nicht?) und den „Berliner Herbstrummel“. Der jedoch nicht am Alex gefeiert wird, sondern auf dem „Zentralen“ Festplatz in Reinickendorf. Für das offizielle Wiedervereinigungsfest der Bundesregierung muss man noch weiter weg fahren: nach Saarbrücken.

Berlin, Mauer, Potsdamer Platz / Foto - Berlin Wall / Potsdamer Platz / Photo - Mur de Berlin / Potsdamer Platz / Photo
Berlin, 1990, Potsdamer Platz: Abtransport von Mauersegmenten. Im Hintergrund (rechts) das Weinhaus Huth, eines der wenigen erhaltenen Gebäude, das heute integriert ist in die Neubauten an der Alten Potsdamer Straße. © picture alliance / akg-images | Henning Langenheim / akg-images

Dass Berlin das Jubiläum diesmal gar nicht feiert, wundert mich

Die deutsche Einheit rotierend in jeweils anderen Bundesländern zu feiern, finde ich an sich gut. Aber dass ausgerechnet Berlin zum Jubiläum gar nicht feiert, wundert mich doch. Bis 2020 gab es am Brandenburger Tor eine Festmeile mit Ausstellungen, Aktionen und Bühne. Manches war oberflächlich, manches habe ich in guter Erinnerung. Etwa eine Ausstellung zu Alltagsdingen aus DDR-Zeiten und den damit verbundenen Erinnerungen der Menschen.

Woran erinnern Sie sich aus jener Zeit? Ich selbst habe Berlin vor der Wiedervereinigung tatsächlich als fast ebenso nüchtern – oder ernüchtert – in Erinnerung, wie es sich aktuell wieder anfühlt. Für mich selbst war auf das Wunder des Mauerfalls am 9. November 1989 jedoch ein unfassbar spannendes Jahr in einer Welt gefolgt, die ich bis dahin nicht kannte.

Plötzlich hatte ich Freunde, die dieselbe Sprache sprachen wie ich, aber komplett andere Lebensläufe hatten. Ich lernte Musikstudenten kennen, die schon zu Schulzeiten gut gefördert wurden und nun bereits Mitglieder in Orchestern waren. Im Westen war eine solche Förderung ein Luxus für wenige. Sie freuten sich, endlich im Westen auftreten zu dürfen, aber sorgten sich um Konkurrenzdruck und die Bezahlung. Eine Freundin, Mitte 20, hatte drei Kinder, war alleinerziehend und arbeitete Vollzeit als Journalistin bei der damaligen DDR-Agentur adn. Ich selbst war mitten im Studium, jobbte nebenbei, an Kinder war nicht zu denken. Sie verstand es nicht, als ich versuchte zu erklären: Meine Mutter war schwer krank, wohnte weit weg, Kindergärten und Schulen schlossen mittags. Meine Ost-Berliner Freundin war voller Sorge, wie ihr Leben weitergehen sollte

Berlin vor 35 Jahren: Schreiben Sie mir Ihre Erinnerungen

Geschockt war wiederum ich von den Berichten über die Stasi, aus Jugendwerkhöfen, von Freunden, die in der DDR nicht studieren durften oder gar im Gefängnis waren, weil sie gesagt oder geschrieben hatten, was sie dachten. Wie konnte es sein, dass ich all das nicht gewusst hatte?

Ein italienischer Fotoreporter bat mich, bei mehreren Reportagen in den Betrieben der DDR für ihn zu übersetzen. Er war Kommunist und sah das Ende des sozialistischen Systems als Ende einer besseren Welt. Wir erlebten etwas komplett anderes. Einerseits, ja: In der DDR waren Frauen wie Männer Ingenieure, Vorarbeiter (alles ohne weibliche Endung), sie fuhren Bergbaukräne und schufteten in Fabriken. Das erschien mir modern, auch wenn die obersten Chefs allerdings trotzdem meist Männer waren.

Andererseits fuhren wir durch Städte, die grau und zerschossen dalagen wie kurz nach dem Krieg. Wir sahen zerstörte Landschaften wie bei Bitterfeld. Und wir hörten von westlichen Firmen, die sich damals schon über Produktionsorte der DDR hermachten. Auch der Exodus der Jungen, der Arbeit hinterher, hatte längst begonnen.

Das Schwierige an der Freiheit ist, dass man sie nicht sieh

Am 1. Juli verschwanden die DDR-Waren aus den Geschäften. Mit der D-Mark kamen die Westwaren, viele konnten sich vieles nun nicht mehr leisten. Im Westen hörte ich wiederum wenig Begeisterung fürs Zusammenwachsen mit den „Ossis“. Die Euphorie des Mauerfalls war am 3. Oktober verschwunden.

Was, also, sollen wir feiern? Das Schwierige an der Freiheit ist, dass man sie nicht sieht. Man spürt sie erst, wenn sie einem genommen wird. Also gut: keine Party. Aber schreiben Sie mir gern Ihre Erinnerungen.an Berlin vor 35 Jahren. Die spannendsten veröffentlichen wir zum 3. Oktober. E-Mail: stadtflucht@funkemedien.de

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