Es gibt einen sichereren Weg, zum zu erkennen, ob man sich in Berlin in der Innenstadt oder doch eher am Stadtrand befindet: Schauen Sie mal an den Straßenrand. Sehen Sie Kartons, Bücherstapel und an Zäunen aufgehängte Kleider, können Sie ziemlich sicher sein: Sie sind irgendwo zwischen Nord-Neukölln, Kreuzberg und Prenzlauer Berg.
Die (Un-)Sitte, seine abgelegte Dinge einfach den Nachbarn vor die Füße zu werfen, in der Hoffnung, dass jemand tatsächlich zugreift, gibt es ja schon seit Jahren. Und so lustig ich manchmal finde, aus den weggeworfenen sinnlosen Haushaltshelfern, Schmalzromanen oder Häkelpullovern auf die großzügigen Spender zu schließen (schließlich muss irgendjemand ja mal all das angeschafft haben): Nein, ich bin kein Freund der „Zu-Verschenken-Kiste“. Nur auf den ersten Blick hat sie etwas vom Flohmarkt, wo ja oft ebenso Überflüssiges, Unnützes und Kaputtes angeboten wird.

Klar, man kann es als moralische Großtat ansehen, Dinge zu „verschenken“, die man nicht mehr haben will. Ich sehe es eher als rücksichtsloses Verhalten von Menschen, deren Konsumverhalten in Konflikt mit den eigenen moralischen Ansprüchen gerät. Und als Faulheit. Das meiste sind es ja doch meist andere, Hausmeister, BSR-Leute, Nachbarn, die Reste am Straßenrand aufkehren, wenn die „Interessenten“ mit den Gaben-Kartons fertig sind.
Manchmal mit einer Preisliste, die durchaus gesalzen sein kann, oft aber ohne
Verlässt man die angesagten Viertel der Innenstadt, ändert sich auch das „Angebot“ am Straßenrand. Grundsätzlich ist es ja so, dass Berliner gern teilen - zumindest Dinge, die sie nicht brauche. Je weiter man aus der Innenstadt herausfährt, desto häufiger sieht man statt Kleiderhaufen und Kartons auf den Gehwegen kleine Tische vor Einfahrten und Häusern.
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Darauf sind aktuell oft Zucchini und Gurken dekoriert oder Birnen, Äpfel, Pflaumen und die ersten Walnüsse. Manchmal ist selbstgemachter Saft dabei, manchmal sogar Honig. Teils schützt ein Schirm das Angebot vor Sonne und Regen. Und immer steht eine Dose oder Kassette daneben: die „Kasse des Vertrauens“. Manchmal mit einer Preisliste, die durchaus gesalzen sein kann, oft aber ohne.
Ich glaube, dies ist der wahre Unterschied zwischen Innenstadt- und Stadtrandberlinern. Hier wird Weggeworfenes scheinbar moralisch geadelt (und dann doch weggeworfen), dort muss der Käufer den Wert von Monsterzucchini oder auch seltenen Apfelsorten selbst festlegen. Was am Ende, finde ich, ehrlicher ist. Beschenkt wird der Käufer mit dem Vertrauen, einen angemessenen Gegenwert zu entrichten. Und, logisch, nicht einfach die Kasse mitgehen zu lassen.
Fahrräder, Gartenmöbel, Blumentöpfe, selbst Mülltonnen werden in Kreuzberg angekettet
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Wer in der Großstadt lebt, weiß, dass man eigentlich nichts irgendwo hinstellen kann, ohne dass es sofort „verschwindet“. Fahrräder, Gartenmöbel, Einkaufswagen, Blumentöpfe, selbst Mülltonnen werden in Kreuzberg angekettet. Nur der Müll auf der Straße bleibt liegen. Ich glaube, das „Vertrauen“ ist das eigentliche Geschenk der kleinen Tische. Eine Gabe, die einen als „Kunden“ mindestens ebenso glücklich macht wie frisches Gemüse und Obst - das garantiert „regional“ angebaut wurde und einem für einen Moment das Gefühl gibt, die Welt sei vielleicht doch noch nicht ganz verloren.
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Auf dem Land sind diese Tische aktuell übrigens prall gefüllt. So sehr im Frühjahr gejammert wurde über späten Frost, ausgebliebene Insekten, zu wenig Kirschen, Äpfel und Quitten (an meinem Baum hängen immerhin drei): Die Kartoffelernte war rekordverdächtig, ebenso sieht es bei uns mit Pflaumen und Birnen aus, mit Gurken, Tomaten und Kürbissen.
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Und, Geheimtipp: Die Pilze sind auch wieder da. Nicht nur im Wald, wo sie hingehören. Sogar bei uns im Garten stehen allerlei seltsame Gewächse in großen Ringen. Allerdings wage ich weder, die Dinger zu ernten, noch sie ins Essen zu tun. Erst recht würde ich sie niemals von einem Gabentisch nehmen. Selbst Champignons und Pfifferlinge haben, so weiß ich inzwischen, ungenießbare und giftige „Doppelgänger“.
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