Geht es Ihnen manchmal auch so? Eigentlich hat man nicht viel mehr getan, als sich durch die Stadt zu bewegen – aber zuhause angekommen, fühlt man sich ausgelaugt wie nach einem anstrengenden Ereignis. Egal ob Stau an der Elsenbrücke oder Funkturm, die Dauer-Problemstellwerke der Bahn oder einfach der tägliche Hürdenlauf auf Berlins Gehwegen: Auch Forscher stellen fest, dass Menschen in Großstädten besonderem Stress ausgesetzt sind. Das Hauptstadtleben kann psychische Erkrankungen befördern und sogar die Gehirne der Bewohner verändern, hat gerade auch Deutschlands renommiertester Stressforscher Mazda Adli festgestellt.
Kein Wunder: Berliner stehen, statistisch gesehen, allein 58 Stunden im Jahr im Stau. Wie viele Stunden ÖPNV-Nutzer an Haltestellen herumstehen, weil wieder mal kein Bus oder Zug kommt, wird leider nicht erfasst, doch selbst zu Fuß ist Berlin anstrengender als andere Städte. Nicht nur, weil immer mehr Berliner zu Fuß gehen. Und weil immer mehr Stolperfallen auf Gehwegen herumliegen wie etwa E-Scooter oder Müll. Sondern, weil der Verkehr in Berlin tatsächlich immer gefährlicher wird. In Berlin werden jährlich Tausende Menschen im Verkehr verletzt, die Zahl der Verkehrstoten ist immens, es gibt immer mehr Unfallschwerpunkte. Gerade für Fußgänger wird die Stadt immer mehr zur Gefahr.
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Aber während Berlin allerlei für Radfahrer tut, aktuell etwa in einem Forschungsprojekt zu optimierten Ampelnutzungen, werden Fußgänger gern einfach übersehen. Sie werden an Baustellen einfach vergessen, warten oft ewig auf Grünphasen. Zwar gibt es am Kurfürstendamm jetzt sogenannte Countdown-Anzeigen für Fußgänger, die informieren, wie lange eine Ampelphase noch andauert. Doch viele angekündigte Verbesserungen für Fußgänger lassen auf sich warten. Selbst der lange versprochene „Fußverkehrsplan“ des Senats wurde gerade wieder auf 2026 verschoben. Dies ist sozusagen der Plan für den Plan, in dem konkrete Maßnahmen festgeschrieben werden, die „die Verkehrssicherheit des Fußverkehrs erhöhen“.
So lange leben Fußgänger auf Berlins Straßen weiterhin lebensgefährlich - und es bleibt anstrengend. Selbst, wo keine Lebensgefahr herrscht, werden Wege wie zum nächsten Bahnhof, zum Supermarkt oder durch den Park immer hinderlicher. Weil Gehwege nicht nur mit E-Scootern oder Dauerbaustellen vollgerümpelt sind, sondern neuerdings auch mit mobilen „Überfahrsperren“ gegen Anschläge. Und mit Lastenfahrrädern, die teilweise rücksichtslos und schnell auf Bürgersteigen fahren oder komplett im Weg abgestellt werden. An manche Stellen warten Fußgänger seit Jahren darauf, dass überhaupt ein Überweg angelegt wird, weil sich Behörden seit Jahren streiten, etwa am S-Bahnhof Schöneweide.
Wird Berlin in den nächsten Jahren weniger anstrengend? Ich kann es mir nicht vorstellen. Nicht nur, weil sich alle viel zu gern um Verkehrsprojekte streiten und diese in Berlin nur Vorfahrt bekommen, wenn es einer politischen Seite grade in den Kram passt – siehe die grüne Posse um die autofreie Friedrichstraße.
Deswegen habe ich einen anderen Vorschlag. Ich gebe zu, er ist radikal. Berlinerinnen und Berlinern sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich vom Stress in ihrer Stadt angemessen zu erholen. Nein, nicht durch eine „autofreie“ Innenstadt – dieses Reizwort vermeide ich, seit selbst die Initiative für den gleichnamigen Volksentscheid nur noch von einer „autoreduzierten“ Innenstadt spricht.
Ich finde: Statt auf erfolgreiche (!) politische Initiativen zu warten, könnten Hauptstädter einfach mehr freie Tage bekommen. Um, sagen wir, einfach mal zu Hause zu bleiben. Oder aufs Land zu fahren und durchzuatmen. Vielleicht sind dort auch ein wenig Schienenersatzverkehr oder vergebliches Warten auf Taxis und Busse hilfreich beim Erholungsprozess. Denn egal wie verspätet, verdreckt und lärmig Berlins U- und S-Bahnen sein mögen: In Berlin kommt man trotzdem immer irgendwie ans Ziel. Hat man das erkannt, fühlt sich die Hauptstadt fast an wie ein Kurort.
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