In dieser Woche musste die Berliner Polizei gleich mehrfach in das Ankunftszentrum Tegel einrücken. Grund waren Massenschlägereien und gewaltsame Auseinandersetzungen in der Flüchtlingsunterkunft, in der knapp 5000 Geflüchtete, teils in den Gebäuden, teils in Leichtbauhallen, Schutz gefunden haben. In der Nacht zu Montag kam es bis in die frühen Morgenstunden hinein zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen etwa 100 Personen, wie ein Polizeisprecher auf Anfrage bestätigte.
Hintergrund des Streits soll Medienberichren zufolge entweder das Vordrängeln in der Schlange bei der Ausgabe des Abendessens oder ein Vorfall mit lauter Musik in der Leichtbauhalle K gewesen sein, ehe sich die Situation hochschaukelte und in besonders aggressive Stimmung umschwenkte. Laut Zeugenaussagen waren mehrere der Beteiligten mit Messern bewaffnet. Zuvor hatte es bereits um zwei Uhr nachts eine gewaltsame Auseinandersetzung gegeben, in welcher ein 26-Jähriger und ein 36-Jähriger verletzt wurden. Inwiefern der Streit der Männer zur Massenschlägerei mitgewirkt hat, wird derzeit noch ermittelt.
Ankunftszentrum Tegel: Deshalb wurden auch Hausverbote erteilt
Ein Polizeisprecher sagte, der anschließende Streit ab vier Uhr morgens habe sich vor allem zwischen Kurden mit türkischer Staatsbürgerschaft und arabischen Syrern abgespielt. Im Laufe des Zusammenstoßes wurden drei Männer im Alter von 18, 22 und 36 Jahren verletzt. Sie alle lehnten eine ärztliche Versorgung ab. Rund 100 Einsatzkräfte der Polizei waren im Einsatz, um die Lage zu beruhigen.
Die Polizei ermittelt wegen schwerem Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung. „Allerdings haben wir bisher keine Tatverdächtigen“, so ein Sprecher. „Es ist schwer nachzuvollziehen, wer aus der Menge heraus für die Verletzungen verantwortlich ist.“ Zudem wurden zwei Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung gestellt. Laut Medienberichten entschied das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) in der Nacht, die Konfliktgruppen in verschiedenen Zelten zu trennen.
Die nächsten Vorfälle ereigneten sich am Dienstagabend und in der Nacht zu Mittwoch. Zunächst soll ein 19-Jähriger gegen 21.30 Uhr bei einer Auseinandersetzung von etwa 20 Personen verletzt worden sein. Er musste im Anschluss von Einsatzkräften vor Ort behandelt werden. Ein 36-jähriger Tatverdächtiger sei daraufhin zunächst in Polizeigewahrsam genommen worden, um seine Personalien zu überprüfen. Danach wurde er wieder entlassen. Für drei Bewohner der Notunterkunft seien am Dienstag Hausverbote ausgesprochen worden, gegen zwei weitere Bewohner seien am Mittwoch Hausverbote erteilt worden.
So ist die aktuelle Lage in Tegel nach den Gewaltvorfällen

Wenig später wurde die Polizei erneut von den Sicherheitskräften des Ankunftszentrums um Hilfe gebeten. Grund soll eine erneute Massenschlägerei, diesmal mit knapp 300 Beteiligten, gewesen sein. „Als wir eintrafen, konnten wir eine solche Situation allerdings nicht feststellen“, so ein Sprecher. Die Stimmung sei jedoch spürbar aufgeheizt gewesen. Teilweise seien die Polizisten dabei jedoch von Personen an ihrer Arbeit behindert worden.
Um 0.30 Uhr wurde außerdem ein 21-Jähriger bei einer weiteren Schlägerei verletzt. Als einziger ließ er sich im Anschluss in einem Krankenhaus behandeln. Es werde nun geprüft, ob alle Vorfälle miteinander in Verbindung stehen, hieß es vonseiten der Polizei. Seit Mittwoch war es im Ankunftszentrum Tegel ruhig geblieben.
Polzeigewerkschaft: Es benötigt besseres Sicherheitspersonal
„Wir betrachten die Lage durchaus mit Sorge“, kommentierte der Berliner Landeschef der Polizeigewerkschaft GdP, Stephan Weh, die gewaltsamen Zusammenstöße. „Es ist klar, dass es zu Auseinandersetzungen kommen kann, wenn auf engem Raum sehr viele Menschen zusammenleben“. Wenn dann noch unterschiedliche Kulturen und Religionen aufeinanderprallten, kämen weiteres Konfliktpotenzial und Solidarisierungseffekte hinzu. „So braucht es nicht viel, damit größere Gruppen aufeinander losgehen“, sagte Weh. „Um hier präventiv agieren zu können, benötigt es gut qualifiziertes und entsprechend aufgestelltes Sicherheitspersonal.“
Es könne nicht noch Aufgabe der Polizei sein, ständig mit Funkwagen oder ganzen Hundertschaften zu Flüchtlingsunterkünften herauszufahren, weil jemand bei der Essensausgabe vorgedrängelt habe, so Weh weiter. „Wenn der Markt nicht genügend Security hergibt, sind wir gern bereit, die Sicherheit staatlicher Liegenschaften wie Polizeidienststellen wieder in staatliche Hände zu geben, entsprechendes Personal einzustellen und so mehr externe Security für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung zu haben“, stellte der Polizeigwerkschafter klar.
Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) kündigte indes im rbb bereits Konsequenzen aus den Massenschlägereien an. Sie erklärte, dass sie unter anderem Fortbildungen im Bereich Deeskalation für das Sicherheitspersonal anbieten wolle.
Mehr dezentrale Wohneinheiten für Geflüchtete
Auch anderswo wurde Kritik am Sicherheitspersonal und den Zuständen in Tegel laut. „Seit vielen Monaten ist das Ankunftszentrum in Tegel komplett ausgelastet und es ist klar, dass es auf engstem Raum schnell zu Konflikten kommt“, sagte etwa der Linkenpolitiker Ferat Koçak in einer Mitteilung. „Die dauerhafte Unterbringung in Containern ist nicht menschenwürdig.“ Er brachte daher die Idee von dezentralen Wohnmöglichkeiten für Geflüchtete ins Spiel.
Beim konkreten Fall forderte Koçak zudem schnelle Aufklärung darüber, ob sich eine politische Motivation für die Gewalt und Eskalation zwischen den Gruppen finden lasse. Zudem müsse untersucht werden, welche Rolle das Sicherheitspersonal in den Auseinandersetzungen spielte. „Es wäre leider nicht der erste Fall in Tegel, bei dem das Sicherheitspersonal kritisiert wird“, so Koçak weiter. „So beschwerten sich ukrainische Geflüchtete bereits im September mit einem Brandbrief über schlechte Behandlung und teilweise Handgreiflichkeiten.“ Wenn sich hier ein weiterer Verdacht bestätige, müssten laut dem Linken-Politiker schnelle personelle Konsequenzen folgen.



