Sie ist so etwas wie die Abbey Road Studios von Berlin: Die Musikbrauerei in Prenzlauer Berg. Von außen eher unscheinbar – auch wenn ihre Ruinensilhouette durchaus vor den Gründerzeit-Bauten und Luxusneubauten der Umgebung hervorsticht – verbirgt ihr Inneres eine Welt des guten Klangs und steht ganz im Zeichen der Musik. Das war nicht immer so. Früher wurde in dem Industriebau Bier gebraut, im Krieg ein Schutzbunker angelegt und später an Trabis geschraubt. Nach der Wende drohte die Brauerei zu einem vergessenen Ort zu verkommen. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zur Musikbrauerei Prenzlauer Berg im Überblick:
- Adresse: Greifswalder Straße 23a/Am Schweizer Garten 84, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg
- Geschichte: 1892/1893 nach Plänen des Architekten Friedrich Arthur Rohmer errichtet; Brauereibetrieb bis 1914; in der Weimarer Republik und NS-Zeit Veranstaltungsort; Nutzung durch Kfz-Werkstatt und Kleinbetriebe in der DDR; nach der Wende Leerstand; Sanierung und Neunutzung ab Ende der 1990er-Jahre
- Führungen: Die ehemalige Schneider Brauerei öffnet ihre Pforten regelmäßig am Tag des offenen Denkmals für Geschichtsinteressierte. Nächster Termin: 9. und 10. September 2023. Wer es nicht vor Ort schafft, kann sich hier online einen Eindruck von der Tour 2020 machen. Weitere Veranstaltungen finden sich auf dem Hauptstadtportal Berlin
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09050101
- Status: Ehemaliger Lost Place. Heute befinden sich die UFO Sound Studios in dem denkmalgerecht sanierten Gebäude

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Wo liegt die Musikbrauerei Prenzlauer Berg genau?
Die Musikbrauerei auf dem Gelände der ehemaligen Schneider-Brauerei liegt im Hinterhof der Greifswalder Straße 23a im Stadtteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow. Das Areal kann über die Zugangsstraße Am Schweizer Garten südlich der Kurt-Schwitters-Schule betreten werden. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Musikbrauerei am besten mit den Tramlinien M2 und M4 (Haltestelle Hufelandstraße) zu erreichen. Alternativ ist es vom S-Bahnhof Greifswalder Straße ein knapp 20-minütiger Fußweg entlang der Greifswalder Straße.
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Musikbrauerei Prenzlauer Berg:
Ausgangslage: Im 19. Jahrhundert wuchs Berlin um seine Brauereien herum

Um die Jahrhundertwende war Berlin nicht nur der größte Bierproduzent Deutschlands, sondern auch Europas. Mit rund 250 aktiven Brauereien im ganzen Stadtgebiet verteilt konnten auch Traditionsstandorte wie München, Köln, Prag oder Pilsen nicht mithalten.
Brauereien, Eiskeller und Biergärten schossen aus dem Boden. Bierkutscher eilten durch die Straßen und versorgten die großen Vergnügungsstätten – zum Beispiel an der Schönholzer Heide – wie die unzähligen städtischen Biergärten und Eckkneipen, das Wohnzimmer des kleinen Mannes. Schultheiss, Kindl, Bötzow und Co. hatten die Stadt fest im Griff – aber in den Kiezen Berlins gab es natürlich auch noch genügend Raum für etwas kleinere Player. Einer von diesen: die Schneider-Brauerei in Prenzlauer Berg.
Schneider-Brauerei: Zulieferer des Ausflugslokals "Schweizer Garten"

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich auf dem langgestreckten, ehemaligen Ackergrundstück mit südlichem Eingang Am Friedrichshain 29–32, direkt gegenüber dem Volkspark Friedrichshain, der "Schweizer Garten" etabliert. Das Ausflugslokal bot anfänglich Besuchern eine Trinkhalle und eine Kegelbahn; später kamen Restaurants, Kaffee- und Biergarten, ein Konzertgarten mit eigenem Orchester, offene Hallen und ein Tanz- und Konzertsaal hinzu.
1887/1888 übernahm die Familie Schneider das Areal, das heute verborgen hinter einer Häuserzeile der Greifswalder Straße liegt. Sie ergänzten den Schweizer Garten um ein Sommertheater mit Holzkonstruktion und ließen im hinteren Teil des Grundstücks 1892/1893 die Brauerei Schneider errichten. Entwurf und Bauausführung gingen auf den Berliner Architekten Friedrich Arthur Rohmer (1830–1898) zurück, der unter anderem auch an der Mälzerei der Schultheiss-Brauerei in Pankow beteiligt gewesen ist und am Bau der Patzenhofer Brauerei auf der Friedrichshöhe.
Schneider-Brauerei: Craft Beer im Herzen des Prenzlauer Berg
Wurde der Schweizer Garten zuvor vermutlich hauptsächlich von der Aktienbrauerei Friedrichshain beliefert, die sich direkt südöstlich des Grundstücks anschloss, konnte die Familie Schneider jetzt auf ihr eigenes handwerklich gebrautes Craft Beer zurückgreifen. Die Schneider-Brauerei belieferte den eigenen Biergarten, aber auch einige ausgewählte Bierstuben im Kiez.
Gebraut wurde in der Schneider-Brauerei technisch anspruchsvolles untergäriges Bier. Untergärige Hefe benötigt eine niedrige Temperatur zwischen 4 und 9 Grad für die Gärung. Deshalb war diese Braumethode klassisch eher in den Bergregionen Süddeutschlands beheimatet. Der Standort in Prenzlauer Berg hatte für die Herstellung aber Potential. Hier gab es eine ausgezeichnete Wasserqualität und die Möglichkeit, tiefe Keller für die Kühlung des Biers anzulegen. Die nach Plänen von Brauereiexperte Rohmer in Kompaktbauweise errichtete Schneider-Brauerei hatte außerdem bis zu 1,20 Meter dicke Wände mit Luftkanälen, Kaminzüge zum Ausfrieren der Lager- und Gärkeller und das in Norddeutschland heute einzig erhaltene Kühlschiff.
Schneider-Brauerei: Aus für den Braubetrieb in den 1910er-Jahren
Nur 22 Jahre nach der Eröffnung war Schluss für die Brauerei am Schweizer Garten. Im Frühjahr 1914 – wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs – wurde der Brauereibetrieb eingestellt. Da sich das Ausflugslokal Schweizer Garten aber weiter großer Beliebtheit im Kiez erfreute, wurde es auch ohne eigene Brauerei fortgeführt
1921 übernahm Willibald Paeschke als Pächter das Areal und ließ ein weiteres Restaurant mit Platz für 730 Menschen und einer sechzig Quadratmeter großen Bühne errichten. Später nutzte man das Gebäude als Kino, Ball- und Tanzhaus sowie Boxarena. Der Märchenbrunnen-Lichtspielpalast am Schweizer Garten zeigte die neuesten Kassenschlager und auf den Konzertterrassen erlebte das Publikum Musikabende.
Schneider-Brauerei: Propagandaveranstaltungen und Bunkerbau in der NS-Zeit
Von den politischen Auseinandersetzungen der 1920er- und 1930er-Jahre – den Saalschlachten und Straßenkämpfen im Prenzlauer Berg – blieb auch der Schweizer Garten nicht unberührt. Im angrenzenden Saalbau Friedrichshain lieferten sich Joseph Goebbels und der KPD-Leiter Walter Ulbricht bei einer Wahlveranstaltung 1931 ein Rededuell, welches in einem Tumult und einer Saalschlacht endete.
Ab 1938 nutzte die NSDAP auch das Areal der Schneider-Brauerei und des Schweizer Gartens für Propagandaveranstaltungen. Unter der Brauerei, in 15 Metern Tiefe, erstreckten sich vier naturbelassene Kellergewölbe. Im Zweiten Weltkrieg wurden die weiträumigen Kelleranlagen der Brauerei zu Schutzbunkern ausgebaut und dienten vermutlich in den letzten Kriegstagen Landsern als letzte Zuflucht. Die Brauerei war umkämpft: Bis heute finden sich Einschussspuren an den Gebäudemauern und Granatsplitter als Erinnerung an die Kämpfe um die "Festung Berlin".
Schneider-Brauerei: Autowerkstatt und Kindergarten in der DDR
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bebauung des Schweizer Gartens, bis auf das ehemalige Brauereigebäude, weitgehend zerstört, die Reste nach Kriegsende abgetragen. Die Brauerei blieb als Ruine auf dem Gelände erhalten – eine Wurfgranate hatte ihr Dach und weite Teile des Dachgeschosses zerstört. Ähnlich der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz wurde das Dach der Brauerei nie ersetzt. Sie ist damit eine der letzten erhaltenen Weltkriegsruinen in Prenzlauer Berg.
Nach 1945 wurden Teile der Ruine durch eine Autowerkstatt, von einer Kohlenhandlung für Lagerzwecke und als Heizzentrale genutzt. Auf dem Grundstück des ehemaligen Schweizer Gartens entstanden in den 1970er- und 1980er-Jahren Büros in Leichtbauweise und ein Kindergarten fand hier Platz. Die großen Hallen wurden während der DDR-Zeit als Pkw-Reparaturwerkstatt genutzt ,und Teile der Brauerei sollen während des Kalten Krieges als Lagerstätte für Militärausrüstung gedient haben; die Keller gar als Champignonzuchtanlage.
Schneider-Brauerei: Lost Place nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung war die Nachnutzung der ehemaligen Schneider-Brauerei zunächst unklar. Die Bausubstanz der denkmalgeschützten Brauereiruine war stark angegriffen. Ab 1997 kam es zu einer sanierungsrechtlichen Zwischennutzung für fünf Jahre. Ein Investor übernahm im Jahr 2000 das Gelände und wollte dort eine Sporthalle errichten. Zur damaligen Zeit war auch im Gespräch, die Ruine als Jugendclub und für die noch bestehende Kita zu nutzen.
Doch es kam anders: Seit den späten 1990er-Jahren betrieb der Toningenieur Jens Reule Dantas seine Ufo Sound Studios in der ehemaligen Schneider-Brauerei. 2006 hat er das alte Gebäude gekauft, um es zur Musikbrauerei auszubauen – mit Tonstudio, Live-Recording-Halle und Museum. Die denkmalgeschützte Brauerei wurde behutsam saniert: Von außen wirkt sie mit ihrem eingestürzten Giebel nach wie vor wie eine Ruine. Doch der Schein trügt, längst ist sie kein vergessener Ort mehr und schon gar kein Lost Place. In den Industriehallen befindet sich heute die "Musikbrauerei".
Musikbrauerei: Kreativwerkstatt in der alten Industrieruine

Im Erdgeschoss liegen zwei große nebeneinanderliegende Hallen mit acht Meter hohen Decken: Die rund 180 Quadratmeter große Recording-Hall mit Eichenholzboden, Bühne, Bar, Licht- und Soundsystem sowie die 270 Quadratmeter große naturbelassene Säulenhalle mit unverputzten Backsteinwänden für Veranstaltungen und Livemusik.
Neben den Hallen befindet sich die zur Musikbrauerei gehörende 120 Quadratmeter große ehemalige Schwankhalle, in denen früher der An- und Abtransport der Bierfässer stattfand. Auch die Kellergewölbe, in denen sich die ehemaligen Kühllager der Schneider-Brauerei befanden und später der Schutzbunker sind heute für Veranstaltungen nutzbar gemacht worden.

Das zerstörte Dach des denkmalgeschützten Gebäudes blieb als Mahnmalsilhouette erhalten. Durch die Ruinenreste kann man den Fernsehturm sehen. Die Musikbrauerei wird dank ihrer guten Akustik und einem modern ausgestatteten Tonstudio gerne für Konzerte und Musikvideos genutzt und auch als Filmset hat sie bereits gedient. Unter anderem entstanden hier Teile des Films "Ich und Kaminsky" (2015) mit Daniel Brühl.
Schweizer Garten: Geschlossene Gesellschaft in Prenzlauer Berg

Im südlichen Teil der ehemaligen Schneider-Brauerei entstanden fünf Luxus-Apartments. Die Eismaschine wurde dort zum vertikalen Garten mit mehr als sieben Meter Höhe; das Sudhaus zum Galerie-Loft. Die Fläche des ehemaligen Schweizer Gartens gegenüber dem Volkspark Friedrichshain wurde mit Townhouses und Stadtvillen bebaut.
2008 wurde das exklusive Neubauquartier "Prenzlauer Gärten" mit 60 schneeweißen Reihenhäusern im englischen Stil und 40 Etagenwohnungen als einer der ersten "Gated Communities" in Berlin fertiggestellt. Das Gebiet liegt hinter einem Zaun. An der Einfahrt steht ein Wachhäuschen. Eine weitere Verdichtung des Geländes durch einen Neubau wurde 2012 durch Jens Reule Dantas 2012 durch Jens Reule Dantas vor Gericht gestoppt – für das 20 Meter hohe Gebäude hätte der historische Eiskeller der Brauerei weichen müssen.
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