Bötzowviertel

Anwohner kämpfen für Brauerei statt Penthouse

Rund um eine Brauerei in Berlin-Prenzlauer Berg sollenTownhouses entstehen. Nachbarn wehren sich gegen die Neubauten, verbaute Ausblicke und schattige Höfe – und bekommen vorerst Recht.

Foto: Marion Hunger

Es ist ein außergewöhnlicher Vorgang: In Berlin-Prenzlauer Berg hat das Verwaltungsgericht einen Wohnungsneubau gestoppt – obwohl das Vorhaben bereits vom Bezirksamt genehmigt worden war. Nachbarn hatten jedoch Widerspruch gegen das Bauvorhaben eingelegt und einen Baustopp erwirkt. Vorerst. Ihrem Eilantrag gaben die Richter am vergangenen Freitag statt, vorausgegangen war ein Vor-Ort-Termin im Bötzowviertel. Der Gerichtsbeschluss in der Hauptsache steht noch aus.

Es geht um das Gelände der ehemaligen Schneider-Brauerei und des einstigen Vergnügungsgeländes Schweizer Garten mit Kaffee- und Biergarten und Kegelbahn. Beide wurden im 19. Jahrhundert angelegt. Dort, auf einem Hang zwischen Greifswalder Straße und Am Friedrichshain, ist in den vergangenen Jahren die Townhouse-Siedlung Prenzlauer Gärten entstanden. Die Siedlung besteht aus rund 60 mehrgeschossigen, weißen Reihenhäusern, die dicht an das alte Brauerei-Gebäude heran gerückt sind. Außerdem wurden in dem in Prenzlauer Berg beliebten Wohnviertel 40 Apartments und neun Penthouse-Wohnungen gebaut. Auf einer übrig gebliebenen Freifläche ist nun ein weiterer Neubau geplant. Dagegen wehren sich zwei Nachbarn.

Der Hof wird schattig

Manfred Symmat wohnt in einem Haus an der Greifswalder Straße. Jens Reule besitzt ein Brauerei-Grundstück auf dem historischen Areal. Symmat fürchtet, dass der mehr als 20 Meter hohe Neubau sein vergleichsweise niedriges Wohnhaus und den dazugehörigen Hof verschatten wird. Der Neubau würde auch den Blick auf die Brauereigebäude verstellen – und genau dagegen wehrt sich Jens Reule. Er will, dass die historischen Sichtachsen in diesem Ensemble erhalten bleiben. Denn noch sind die alten Gebäude von Weitem zu sehen, wenn man beispielsweise den Weg von der Greifswalder Straße den Hang hinauf geht. Die Backsteinfassaden, die markanten Türme und Giebel fallen aus der Ferne schon auf.

Mit dem Gerichtsbeschluss vom Freitag erreichten die beiden Nachbarn nun einen Teilerfolg – auch gegen die weitere Verdichtung des Wohnraums in Prenzlauer Berg. In den vergangenen Jahren hatten sich Bauherren zunehmend leer stehender Grundstücke angenommen, weil der Bau von Wohnungen deutlich profitabler geworden ist. Eigentumswohnungen in Prenzlauer Berg sind attraktiv, die Mieten deutlich angestiegen.

Der ehemalige Vergnügungspark Schweizer Garten mit der Schneider-Brauerei sei charakteristisch für das Bötzowviertel – so schreibt es die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf ihrer Internetseite. Das Gelände stehe seit 1990 unter Ensembleschutz, sagt Jens Reule. Dieser Schutz gelte auch für die Freiflächen. „Sie dürfen nicht zugebaut werden“, fordert er. Das Haus, in dem Manfred Symmat wohnt, stammt aus dem 19. Jahrhundert. „Es war eines der ersten Häuser, die in der Greifswalder Straße gebaut wurden“, erzählt er. „Es ist seit 1923 im Besitz meiner Familie.“ Den Hof hat Symmat denkmalgerecht saniert, in Absprache mit den Behörden. Noch kann er von seinem Fenster aus den Himmel sehen. „Aber wenn der Neubau steht, ist es wie in einer Schlucht.“ Seinen Mietern an der Greifswalder Straße, die momentan noch in die Weite schauen können, werde völlig die Sicht genommen. „Sie gucken dann auf eine Steinwand“, sagt er.

Nur wenige Meter von Symmats Haus entfernt steht das Brauereigebäude, das Jens Reule gehört. Er hat es vor rund sechs Jahren gekauft. Einst beherbergte das Gebäude den Hopfenboden, die Berieselungsanlage, die Schwankhalle und den großen Gärkeller. Seit dem Jahr 1997 betreibt Reule dort die Ufo Sound Studios. Klassik, Jazz, Rock und Popmusik werden dort aufgezeichnet – und auch Hörbücher entstehen in den Studios. Prominente Künstler kommen zu Aufnahmen in die Brauerei-Räume. Jürgen von der Lippe, Hape Kerkeling und Kurt Krömer, die Band „Element of Crime“ und Romy Haag waren schon da. In dem Kiez wohnen auch Stars wie Tatort-Kommissar Axel Prahl und Musiker der Fantastischen Vier.

Jens Reule möchte das alte Gemäuer zu einem Musik- und Medienzentrum mit Café und Museum entwickeln. Er plant eine Life-Recording-Halle, in der Künstler ihre Aufnahmen in hoher Klangqualität vor Publikum realisieren können. Das gebe es in Berlin noch nicht, sagt Reule.

Konflikte sind programmiert

2009 hat Reule einen Bauantrag eingereicht. Anfang Januar 2012 sei ein Teil des Vorhabens genehmigt worden, sagt er. Ihn faszinieren die Keller der Brauerei. „Sie sind größtenteils im Originalzustand erhalten.“ Die Räume seien während des Zweiten Weltkrieges als Bunker benutzt worden, erzählt er. Er plant eine Ausstellung in den Kellern.

Der Hof hat noch das alte Pflaster aus Feldsteinen. Eine Besonderheit am Gebäude sei der sogenannte Kühlschiff-Giebel, sagt Jens Reule. Diese Konstruktion sei einzigartig in Berlin. Dieser Giebel würde durch den geplanten Neubau verdeckt und wäre nicht mehr von der Greifswalder Straße aus zu sehen. „Dann geht die ursprüngliche Sichtachse verloren“, sagt Reule. Denn in dieser Richtung lag die alte Zufahrt zum Gelände.

„Die Backsteinbauten stammen aus der großen Zeit der Brauereien in Prenzlauer Berg“, erzählt Jens Reule. „Viele Touristen und Berliner sind fasziniert vom Gelände.“ Er erlebt es oft, wenn Reiseführer ihren Gästen das Areal zeigen. Reule sieht auch einen Nutzungskonflikt für die Zukunft. Denn die Besucher seines Musik- und Medienzentrums müssten am neuen Wohngebäude vorbei gehen. Außerdem sollen auf dem Gelände zwei Schulturnhallen gebaut werden, auch sie würden nur wenige Meter neben dem alten Backsteingebäude stehen. „Es wäre dann wie zugebaut“, befürchtet Jens Reule. Gewölbe, die sich unterirdisch bis ins Nachbargrundstück erstrecken, müssten wegen der Turnhallen abgerissen werden.

Der Beschluss des Verwaltungsgerichts vom Freitag und die Begründung liegen noch nicht schriftlich vor. Wenn das Bezirksamt Pankow die Unterlagen bekommt, kann es juristisch gegen den Beschluss vorgehen. Doch noch ist nicht entschieden, wie die Behörde damit umgeht. Der neue Pankower Stadtentwicklungsstadtrat, Jens-Holger Kirchner (Grüne), will sich in der kommenden Woche mit seinen Mitarbeitern zusammensetzen.