06:30
Auf der Indira-Ghandi-Straße in Lichtenberg hat der morgendliche Berufsverkehr eingesetzt. Es ist Sommer, und wer mit geöffnetem Fenster in seinem Auto unterwegs ist, kann sie schon riechen: die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei. Der Geruch kommt vom Würzekochen, dabei wird die Würze mit dem Hopfen gekocht. Auf dem Gelände wird rund um die Uhr in drei Schichten Bier gebraut. Im 19. Jahrhundert wurde an der damaligen Lichtenberger Straße erstmalig eine Brauerei eröffnet, die spätere Kindl-Brauerei. Heute arbeiten ungefähr 500 Mitarbeiter in der Brauerei in Weißensee und produzieren unter anderem Biere der Marken Berliner Pilsner, Berliner Kindl, Schultheiss und Berliner Bürgerbräu. Im Jahr werden rund 1,5 Millionen Hektoliter produziert und in Flaschen und Fässer abgefüllt.

07:20
Kaum 20 Minuten im Dienst, hat Pförtner Maik Lewy schon alle Hände voll zu tun. Vor seiner Pförtnerloge steht ein Lkw mit einer Lieferung. „Wenn ich weiß, was die Lkw geladen haben, schicke ich sie auf dem Gelände zu den richtigen Stellen“, sagt der 42-Jährige. In einem Computer kündigt er die Ladung im System an, damit die Gabelstaplerfahrer informiert werden. „Verbrauchsmaterial, Rohstoffe wie Malz und Hopfen, Etiketten, Getränke, Fässer oder Kisten, jeder Lkw wird direkt zum entsprechenden Ort geschickt.“ An der Schranke treffen sich auch die Gruppen für die Brauereiführungen oder Gäste werden von dort abgeholt.

08:30
Nur wenige Gehminuten von der Brauerei entfernt ist das Fest- und Eventgeschäft der Brauerei untergebracht. Mobile Theken, Kühlschränke und mehr als 60 Ausschankwagen werden von dort aus verliehen, gewartet und gereinigt. „Wir sind auf ungefähr 2000 Veranstaltungen im Jahr dabei“, sagt Bernd Kunst, Leiter des Fest- und Eventgeschäfts. „Silvester auf der Straße des 17. Juni, Baumblütenfest in Werder und Tag der Deutschen Einheit“, nennt er als einige Beispiele. „Auf der Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft hatten wir 20 Ausschankwagen auf dem 17. Juni.“
09:00
Im Fanshop der Brauerei steht Sylvia Christoph und zeigt Kunden T-Shirts und Polohemden. Von allen Biermarken gibt es Gläser, Kleidung, Regenschirme und andere Souvenirs zu kaufen.
10:15
Von der ersten Idee bis zum fertig abgefüllten Produkt, das in die Läden kommt, kann es bis zu zwei Jahre dauern. Geschmackstests, Marktforschung, Werbekampagnen. In der Marketingabteilung werden Verkaufsstrategien und Werbekampagnen entwickelt. „Bis ein fertiges Plakat hängt, muss viel Vorarbeit geleistet werden“, sagt Brandmanager Tobias Teubner. Mit seiner Kollegin bespricht er die neuen Werbeplakate für die Berliner Weisse.

11:00
„Der Berliner Chemiker Ludwig Schollvien hat seinem Sohn 1907 eine Brause entwickelt, die in seiner Farbe dem Bier ähnelt“, sagt Erika Rudloff. So sei die Fassbrause entstanden. „Ihm kam die Idee, als er mit seinem Sohn in einem Biergarten saß und ein Bier getrunken hat.“ In Berlin ist die Fassbrause auch als Sportmolle bekannt. Erika Rudloff arbeitet seit 24 Jahren in der Brauerei, hat Führungen und Bierausschank für Besuchergruppen gemacht. „Ich verabschiede mich in den kommenden Tagen in den Vorruhestand. Dann werde ich mich um das Brauereiarchiv kümmern.“
11:45
Einmal in der Woche treffen sich sechs bis acht Mitarbeiter aus allen Bereichen der Brauerei zur Verkostung. In einem schmucklosen Raum sitzen sie vor Bechern, gefüllt mit Produkten der Brauerei. Berliner Weisse mit Holunderblütensirup wird verkostet. Die Probanden bewerten den Geschmack. Hin und wieder würden auch Biere aus anderen Brauereien auf ihren Geschmack verkostet werden, heißt es.

13:30
„Wenn ein Naturprodukt wie Bier schlecht wird, dann bei hohen Temperaturen, deswegen sind eine kühle und dunkle Lagerung noch immer der beste Garant für Top-Qualität“, sagt der Qualitätsmanagementbeauftragte Jens Kemmel. „Im Haltbarkeitsraum werden bei 27 Grad Bierproben bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum aufbewahrt.“ In schweren Regalen, die sich nur mit Kurbeln hin und her bewegen lassen, stehen unzählige durchsichtige Glasflaschen beschriftet und mit Bier gefüllt. „Jede Stunde wird ein Rückstellmuster der Produktion genommen, bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum aufbewahrt und mehrmals am Tag überprüft. „Wir kontrollieren, ob das Bier trübe wird.“ Neben den Sichtkontrollen finden auch noch zahlreichen Laboruntersuchungen statt.
14:10
„Hopfen und Malz - Gott erhalt’s“ – Über dem High-Tech-Arbeitsplatz von Henry Engelbrecher hängt ein Schild mit der einfachen Bitte der Brauer. Auf mehreren Monitoren hat der Vorarbeiter im Sudhaus den Brauvorgang im Blick. Temperaturen, Mengen und Kochzeiten. Nach exakt abgestimmten Rezepten gibt er per Mausklick die Zutaten in die Tanks. „In den Würzpfannen werden alle zwei Stunden 750 bis 800 Hektoliter Wasser mit Würze und Hopfen gekocht.“ Nur für Sicht- und Kostproben verlässt er seinen Platz.

16:20
Ohrenbetäubender Lärm. Alle Mitarbeiter in der Halle, in der das Bier in Flaschen abgefüllt wird, tragen Ohrenstöpsel. Tausende Flaschen stoßen im lauten Stakkato aneinander. Leere Flaschen werden sortiert, gesäubert, gewaschen, gespült, getrocknet und wieder neu befüllt. „Bis zu 50.000 Flaschen in der Stunden werden hier abgefüllt“, sagt Vorarbeiterin Bärbel Grund. Sie zieht einzelne volle Flaschen aus der Produktion und kontrolliert die Etikettierung. „Das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Etikett muss stimmen.“

19:30
„Gutes Wetter ist für uns der beste Bierverkäufer“, sagt Brauerei-Geschäftsführer Wolfhard Buß. „Bier ist ein Saisongeschäft mit Spitzen nach oben an warmen Tagen und bei großen Veranstaltungen.“ Daher sei es so wichtig vorausschauend die Kapazitäten zu planen. Unzählige Meetings, Telefonate und Kundengespräche hat der Geschäftsführer an diesem Tag hinter sich. Im Brauereiausschank warten Gäste auf ihn. In regelmäßigen Abständen treffen sich dort Wirte, Bürgermeister und Vertreter von Interessenverbänden. An diesem Abend steht Buß auch mal hinter dem Tresen und zapft eines der jüngsten Produkte. „Kindl Zwickel, ein naturbelassenes, unfiltriertes Bier“, sagt er.




