Kulturbrauerei

Wegen Israel: Bands boykottieren Berliner Popkultur-Festival

Die wegen Antisemitismus-Vorwürfen in der Kritik stehende "BDS"-Kampagne ruft Künstler dazu auf, ihre Teilnahme abzusagen.

Israel-Gegner in Kreuzberg (Archivbild)

Israel-Gegner in Kreuzberg (Archivbild)

Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

Dem Berliner Pop-Kultur Festival springen die Künstler ab. Mehrere Acts haben ihre Teilnahme zurückgezogen: Mazzaj Rap Band-Syria, Hello Psychaleppo aus Syrien, die Tunesierin Emel Mathlouthi und Islam Gipsy und EEK aus Ägypten. Nun wird die Veranstaltung am 23. August in der Kulturbrauerei wohl ohne sie stattfinden.

Auslöser für die Entscheidung ist ein Online-Aufruf der Israel-Boykott-Kampagne "BDS" ("Boycott, Divestment, Sanctions"), die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will. Weil sich die israelische Botschaft in Berlin an den Reisekosten für die Bands beteiligt, wirft der BDS ihr vor, damit ein "weißgewaschenes, falsches Bild des Staates 'Israel'" zu zeichnen. Der jüdische Staat, der von den Verfassern konsequent in Anführungszeichen geschrieben wird, unterdrücke die Palästinenser.

Die Veranstalter berichten in einem Statement, dass die "BDS"-Kampagne "immensen Druck" auf alle arabischen Künstlerinnen in ihrem Line-up ausgeübt habe. Künstler und Künstlerinnen aus europäischen Ländern, der USA und aus Deutschland hätten E-Mails, Kommentare auf Facebook oder Twitter-Nachrichten von BDS-Aktivisten und Aktivistinnen erhalten. Sie würden davon ausgehen, das alle Künstler oder deren Vertreter kontaktiert wurden oder noch werden. Den Vorwurf, dass das Festival vom Israelischen Staat "co-organisiert" oder "co-finanziert" sei, weisen die Veranstalter als "unwahr" zurück. "Wir glauben daran, dass Diskurs und Dialog der einzige Weg sind, mit den Konflikten dieser Welt umzugehen", heißt es in der offiziellen Mitteilung. "Gerade wir als Künstler und Kulturarbeiter haben die Aufgabe, Netzwerke zu bauen, über Grenzen hinweg, auch wenn wir verschiedener Meinung sind," hieß es darin weiter.

Kultursenator Klaus Lederer: "Boykott ist widerlich und entsetzt mich"

Am Dienstagnachmittag hat sich Berlins Kultursenator Klaus Lederer zu der Angelegenheit geäußert. In einer Mitteilung, die der Morgenpost exklusiv vorliegt, teilt der Linken-Politiker mit: "Ich bin maßlos enttäuscht, wenn nun Boykottaufrufe, Unwahrheiten und – anders kann ich es nicht nennen – Hass die Vorbereitungen auf das Festival beeinträchtigen." Mit der Übernahme der Reisekosten für die Künstler trage die israelische Botschaft zum Gelingen des Festivals bei.

"Wenn Künstlerinnen und Künstler aus dem arabischen Raum beschließen, aus diesem Grund nicht am Festival teilzunehmen, ist das enttäuschend für all jene, die wie ich dachten, wir seien weiter – wären klüger." Das Ganze "kampagnenhaft aufzublasen", zum Boykott des Festivals aufzurufen "und mit Fake-News über eine angebliche Kofinanzierung des Festivals durch den Staat Israel zu operieren, ist widerlich und entsetzt mich". Er spricht von einem "völlig inakzeptablen Versuch, in die Freiheit der Kunst einzugreifen". Klaus Lederer wird am Eröffnungstag als Podiums-Diskutant selbst auf der Bühne sitzen.

Der Vorgang weckt Erinnerungen an eine BDS-Kampagne gegen ein spanisches Reggae-Festival vor zwei Jahren. Im August 2015 hatte der BDS das spanische "Rototom"-Festival dazu gedrängt, den Sänger Matisyahu auszuladen. Dieser sei ein "Zionist", der "Apartheid und ethnische Säuberungen" durch den israelischen Staat unterstütze, hieß es damals. Die Veranstalter folgten dem Ruf und verlangten von ihm, eine schriftliche Erklärung abzugeben, in der er Israel verurteilt. Nur hatte der Aufruf einen kleinen Schönheitsfehler. Matisyahu ist US-Amerikaner und hat mit Israel nichts zu tun.

Weil kein anderer Künstler des Festivals in den Fokus der Boykotteure geriet, drängte sich für viele Beobachter ein Verdacht auf, warum es ausgerechnet und ausschließlich den 38-Jährigen traf: Weil er jüdisch ist. Niemand außer dem aus Pennsylvania stammenden Sänger wurde zur Abgabe einer schriftlichen Erklärung aufgefordert. Dieser verweigerte – und wurde kurzerhand ausgeladen. Nach einem Sturm der Entrüstung zogen die Veranstalter die Ausladung wieder zurück. Die BDS-Kampagne steckte eine Niederlage ein und sah sich – nicht zum ersten Mal – mit einem Antisemitismus-Vorwurf konfrontiert.

Zurück nach Berlin. "Wir sind nicht gegen Kultur, aber für Widerstand gegen eine diskriminierende, kolonialistische Regierung", begründet die Mazzaj Rap Band-Syria ihre Absage. "Wir machen deutlich, dass wir durch unsere Musik Widerstand gegen Gewalt, Verfolgung und Diskriminierung ausüben", teilt die Islam Chipsy Band mit. Hello Psychaleppo schreiben auf ihrer Facebook-Seite, dass man von der Beteiligung der Botschaft nichts gewusst habe. Man entschuldige sich bei den Fans und hoffe, für diese bald auf einer anderen Bühne spielen zu können. Die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Experten: "Der BDS hat antisemitische Motive"

In der Hauptstadt tritt der BDS regelmäßig durch verschiedene Aktionen in Erscheinung. Im Juni störten BDS-Unterstützer eine Veranstaltung mit einer Holocaust-Überlebenden in der Humboldt-Universität mit Rufen wie: "Das Blut des Gaza-Streifens klebt an ihrer Hand" und "Kindermörder".

Im März 2016 wurde im Rahmen der vom BDS ausgerufenen "Israel Apartheid Week" im Kreuzberger Kino Moviemento ein israelkritischer Film gezeigt, wogegen Israel-Sympathisanten demonstrierten. Diese wurden wiederum von den Israel-Gegner angegangen. Nach Angaben von Augenzeugen sollen Sätze gefallen sein wie "Ihr sollt alle vergast werden". Auf Fotos ist zu sehen, wie einige Männer den Hitlergruß zeigten.

Der israelisch-arabische Psychologe und Islam-Experte Ahmad Mansour findet deutliche Worte über die Boykott-Kampagne. "Dem BDS und ihren Unterstützern geht es nicht um die Lösung des Nahostkonflikts oder das Wohl der Palästinenser", sagt Mansour der Morgenpost. "Sie haben antisemitische Motive. Sie wollen Israel als Staat unabhängig von der Politik der Regierung dämonisieren und diskreditieren."

Auch bei anderen Aktivisten sorgt der BDS für Kopfschütteln. "Das Ziel der BDS-Kampagne ist theoretisch Desinvestitionen in Israel und im Westjordanland zu erreichen" sagt Armin Langer, Mitbegründer der Berliner "Salaam-Schalom-Initiative", die sich für das friedliche Zusammenleben von Juden und Muslimen einsetzt. Mit einem Boykottaufruf gegen Künstler und Akademiker erreiche man dies nicht. "Ich persönlich unterstütze die BDS-Bewegung nicht, weil sie auch eine Plattform für Antisemiten bietet. In der Vergangenheit wurde von BDS-Seite zum Boykott gegen nicht-israelische jüdische Künstler aufgerufen, was ein klares Zeichen für antisemitische Tendenzen der BDS-Bewegung ist", fährt Langer fort.

Er halte aber nicht alle Kampagnen der BDS für automatisch antisemitisch. "Man muss immer genau von Fall zu Fall hinschauen, wer was organisiert und wie es eingerahmt wird." Als Gegenbeispiel nennt er den Berliner Verein "Jüdische Stimme", der sich laut Satzung für eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzt.

"Geldgeber haben keinerlei Einfluss auf das Programm des Festivals"

Die israelische Botschaft sagt auf Anfrage: "Israel setzt sich gerne für die Kultur in Deutschland, für Kooperationen und für den Dialog generell ein – etwas, das die Befürworter dieses Boykotts nicht anstreben. Diese Menschen fordern, dass sich Künstler in Deutschland gegen Israel stellen." Dies schade zuallererst und vor allem der Berliner Kulturszene. "Wir bedauern Versuche, die Menschen mundtot machen sollen und dass dadurch kulturelle Beiträge der deutschen Gesellschaft vorenthalten werden."

Das Berliner Pop-Kultur-Festival findet vom 23. August bis zum 25. August mit über 70 Konzerten, DJ-Sets, Talks, Ausstellungen und Filmen in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg statt. Neben der israelischen Botschaft wird das Event unter anderem von der Europäischen Union, der Bundesregierung und der Berliner Senatsverwaltung mitfinanziert. "Partner und Geldgeber von Pop-Kultur haben keinerlei Einfluss auf die programmatische Ausgestaltung des Festivals", heißt es in einer kurzen Stellungnahme der Veranstalter. "Wir bedauern die Absagen der oben erwähnten Künstler." Die BDS-Kampagne hat auf eine Anfrage der Morgenpost bislang nicht reagiert.

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