Antisemitismus

Wie ein Jude versucht, Religionen in Neukölln zu versöhnen

Der ehemalige Rabbinerstudent Armin Langer erzählt über das Leben als Jude im muslimisch geprägten Migrantenkiez.

Armin Langer möchte die Religionen miteinander versöhnen

Armin Langer möchte die Religionen miteinander versöhnen

Foto: Maximilian Neudert

Armin Langer ist in seinem Element. Der Mitbegründer der interreligiösen „Salaam-Shalom“-Initiative sitzt in einer typischen Neuköllner Kiezkneipe in der Weichselstraße und lächelt schüchtern in die Runde. Eingeladen hat ihn der SPD-Jugendverband („Jusos“) Neukölln, der Ort könnte passender nicht sein.

Das Hinterzimmer des „Broschek“, in dem er an diesem Mittwoch mit rund 25 politisch interessierten, meist jungen Leuten über das Leben als Jude in dem Bezirk diskutieren wird, liegt an einer Nebenstraße der Sonnenallee.

So läuft ein Tag auf dem Planeten Sonnenallee

Auf diesem Abschnitt der wohl sagenumwobensten Straße Berlins gibt es kaum ein Ladenlokal, das nicht von arabischstämmigen Besitzern betrieben wird. Hier gibt es das Schawarma-Sandwich für 1,50 Euro, Brautkleider für 100 Euro und allerlei Palästina-Kitsch vom Grabbeltisch.

Juden und Israelis sind hier kaum sichtbar, aber es gibt sie. Der unschlagbar gute Hummus zieht viele von ihnen an. Der Nahost-Konflikt ist hier allgegenwärtig. Armin Langers Initiative versucht, etwas Ordnung in das Durcheinander zu bringen.

„Salaam-Shalom“: Eine jüdisch-muslimische Initiative gegen No-Go-Areas

Als Jude, so seine These, hat man es in Neukölln auch nicht schwerer als in Charlottenburg. Für viele andere Juden ist er ein rotes Tuch. Sie werfen ihm vor, das Problem des muslimischen Antisemitismus kleinzureden.

Langer provoziert gerne, spitzt zu. „Muslime sind die neuen Juden“, heißt einer seiner Artikel, der 2014 im „Tagesspiegel“ erschien. Dem Zentralrat der Juden warf er Rassismus vor, flog dafür aus dem Rabbinerseminar. Er sattelte um, auf jüdische Theologie. Rabbi will er weiterhin werden. Heute stellt er sein neues Buch vor: „Ein Jude in Neukölln“.

„98 Prozent aller antisemitischen Straftaten kommen von Rechts“, sagt der 26-Jährige. Deshalb verstehe er nicht, dass so häufig auf die Gefahr des muslimischen Antisemitismus verwiesen werde. „Da muss man sich schon fragen: Welche Motive stecken dahinter?“ Vielen ginge es eher darum, Muslime zu stigmatisieren, als Juden zu schützen, vermutet er.

Eine Menschenkette gegen Antisemitismus und Islamhass

Er liest eine Passage aus seinem Buch vor, die bei großen Teilen des Publikums Entzücken hervorruft. Vor zwei Jahren, die israelische Armee beantwortete gerade mit einer pompösen Militäroperation den anhaltenden Raketenhagel terroristischer Gruppen aus dem Gazastreifen, kam es überall in Deutschland zu antiisraelischen Demonstrationen von linken und arabischen Gruppen.

Teils schlugen diese in offen judenfeindliche Hetze um. „Hamas, Hamas – Juden ins Gas!“, war zu hören, und „Adolf Hitler!“-Rufe arabischer Jugendlicher.

In diese Zeit fiel ein großes muslimisches Straßenfest in Neukölln. Armin Langer und seine Mitstreiter der „Salaam-Shalom“-Initiative bestanden allen Warnungen der Behörden zum Trotz darauf, eine Menschenkette gegen Antisemitismus und Islamhass zu bilden, die genau durch dieses Straßenfest führte.

Ob sie aus Sicherheitsgründen wenigstens auf jüdische und israelische Symbole verzichten könnten, habe ein Beamter gefragt. Sie konnten nicht. Am Ende sei alles gutgegangen: Niemand wurde angegriffen, erzählt Langer. Ist also alles gut in Neukölln?

"Es vergeht keine Schulstunde ohne antisemitische Äußerung"

Im Publikum ist nicht jeder dieser Ansicht. Vereinzelt schütteln manche den Kopf, schnauben aus Protest kurz auf, werfen sich ungläubige Blicke zu. Ein Mann in seinen späten Vierzigern, Gewerkschafter, seit Jahrzehnten in Neukölln, meldet sich zu Wort. Er hebt zu einem Statement in breitem Berlinerisch an, das mit jedem Satz emotionaler wird.

Er arbeite viel mit Lehrern zusammen, sagt er, und alle berichteten ihm das gleiche: „Es vergeht keine Stunde, an der in islamisch geprägten Schulklassen keine strafrechtlich relevante, antisemitische Äußerung fällt.“

Er habe schon mehrfach Veranstaltungen zu diesem Thema auf die Beine stellen wollen. Doch niemand habe den Mut mitzumachen, aus Angst, hinterher als Rechter angeprangert zu werden.

Armin Langer wirft der Mann vor, es sich in seiner Argumentation zu einfach zu machen. Zwar habe er großen Respekt vor dessen Engagement. „Aber jedes positive Beispiel, das du anführst, ist kein Beweis dafür, dass es das Problem nicht gibt.“ Langer, so seine Kritik, passe die Realität seiner Theorie an, nicht umgekehrt.

Debatte um Kopftuch an Berliner Schulen flammt wieder auf

An Stellen wie diesen wird ein Schwachpunkt in Armin Langers Argumentation deutlich. Er ist Rabbiner, wenn auch noch nicht offiziell. Ein Geistlicher. Auf sachliche Gegenargumente reagiert er zuweilen mit theologischen Abschweifungen bis das Publikum vergessen hat, was am Anfang kritisiert wurde.

Deutschland sei ein säkulares Land, sagt einer, als es um die Kopftuchdebatte geht. „Ach ja? Was ist denn der Bundespräsident von Beruf?“, fragt Langer süffisant. „Du wirst es nicht glauben“, antwortet der Mann: „Der Bundespräsident ist von Beruf Bundespräsident.“

Aber wie ist das denn nun mit den Juden, den Muslimen und diesem Neukölln? „Es gibt hier ungefähr zwei Kippaträger“, sagt Langer, „und die sind noch am Leben“. Das Lachen bleibt manchen in Halse stecken. Jüdischer Humor ist oft auch Galgenhumor.

Warum sei es wohl so, dass sich offenbar nur zwei Juden trauten, mit religiöser Kopfbedeckung auf die Straße zu gehen, murmelt ein junger Mann im Publikum in sich hinein. Er jedenfalls sei noch nie angegriffen worden, sagt Langer, der im Alltag keine Kippa trägt.

Alltags-Neuköllner fehlten in der Debatte

Als sich der Abend dem Ende zuneigt, dominieren trotz aller Differenzen versöhnliche Töne. Und doch hatte die Diskussionsrunde ein entscheidendes Manko: Gekommen waren fast ausschließlich junge, dem Augenschein nach nicht arabischstämmige Akademiker. Die, um die es zu guten Teilen eigentlich ging, die arabisch-muslimischen Alltags-Neuköllner, fehlten völlig. Einzig eine junge Frau, „Jusos“-Mitglied, outete sich in gestochenem Hochdeutsch als Muslima.

Und so passierte das, was Armin Langers „Salaam-Shalom“-Initiative eigentlich ändern will: Es wurde hauptsächlich über die Neuköllner Muslime gesprochen, nicht mit ihnen.

Armin Langer: „Ein Jude in Neukölln: Mein Weg zum Miteinander der Religionen“, Aufbau Verlag, 19,95 Euro.