RAW-Gelände

Party, Drogen, Gewalt: So rau ist es wirklich am RAW

Bierflasche und Sektglas, Kriminelle und Kreative, Hippies und Hipster: Auf der Berliner RAW-Partymeile prallen Gegensätze aufeinander.

Das RAW-Gelände in der Friedrichshainer Revaler Straße

Das RAW-Gelände in der Friedrichshainer Revaler Straße

Foto: dpa

Heute soll's mal wieder richtig krachen. Fünf Männer in sogenannten Hotrods, offenen Mini-Autos, brettern los. Es ist ein schwüler Sonnabendabend auf dem RAW-Gelände in Berlin. Sie düsen über alte Schienen und den rissigen Betonboden auf der größten Partymeile der Hauptstadt. Die Motoren heulen auf, als die Fahrer ihre motorisierten Seifenkisten durch eine Lücke in der Mauer steuern, die das Gelände umgibt.

Direkt an dieser Lücke wohnt Carola Ludwig. Der Lärm der Hotrods, das Wummern der Musik, das unablässige Gemurmel der Menschenströme auf dem Areal im Stadtteil Friedrichshain dringen durch ihr offenes Fenster. Sie könne kaum schlafen, sagt die 55-Jährige. In einer Ecke des Wohnzimmers steht ein Schild. "Pssst! No loud tourists" - keine lauten Touristen.

Die eine Nacht in Berlin soll es bringen

Die Spaßgemeinde unten kann dieses Schild nicht sehen. Vermutlich würde es die Nachtschwärmer auch nicht interessieren. Den 25-jährigen Chris etwa. Er trägt ein pinkes Röckchen, pinkes Shirt, Plastikkrone und eine Flasche Schnaps. Er lacht. Etwa zehn Kumpels, ebenfalls in Pink, sind bei ihm. Neben einer Schlange von Wartenden vor einem Club haben sie sich aufgebaut. Der Däne heiratet bald, es ist sein Junggesellenabschied. Die Gruppe ist nur für eine Nacht nach Berlin gekommen. Die soll es bringen.

Wenige Stunden zuvor saßen Chris und seine Freunde in einer Bar woanders. Sie wollten weiterziehen, "crazy people" treffen: die Verrückten von Berlin. Die Barfrau sagte: "Dann müsst ihr auf das RAW-Gelände." Jetzt, um 1.30 Uhr, sind die Dänen hier, zwischen verwitterten, mit Graffiti besprühten früheren Bahn-Gebäuden, zwischen abgerockten Gleisen und bunten Lichtern. Die Luft riecht nach Pommes, nach dem Rauch von Zigaretten und Joints. Das RAW-Gelände in Friedrichshain: Abenteuerspielplatz für alle, die nicht an morgen denken wollen. Einmal hin, ausrasten, tschüss.

Die Stadt als bloße Kulisse für den Exzess

Schrille Reisen zum Junggesellenabschied sind das Endstadium des Massentourismus . Die Stadt wird zur bloßen Kulisse für den Exzess. Wo man trinkt, ist eigentlich egal. Dabei hat das RAW-Gelände mehr Potenzial.

Es könnte einer der letzten Orte sein, an dem Berlin anders bleibt als sonstige hochgestylte Metropolen. Rauer, improvisierter, kreativer. Orte wie das RAW sind damit auch Kampfschauplätze. Hier zeigt sich, wer eine Stadt am Ende gestalten darf.

Auf rund 70.000 Quadratmetern verteilen sich die Hallen, Mauern und Freiflächen des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks. Zehn Fußballfelder groß. Clubs, Bars und Restaurants versprechen Unterhaltung und schlaflose Nächte. Eine Kletter- und eine Skatehalle, Ateliers und Proberäume locken Bewegungsfans und Künstler. Es ist dreckig, verrückt, unfertig: Ein Berlin, wie es in den vergangenen Jahrzehnten Menschen weltweit in den Bann zog.

Die Konflikte verschärfen sich

Doch die wachsende Millionenmetropole hat sich längst gewandelt. Nicht nur durch Edel-Sanierung und Touristenmassen. Mit dem Wandel verschärfen sich bestimmte Konflikte: Touristen gegen Einwohner, Investoren gegen Kulturschaffende, Polizisten gegen Drogenhändler.

Genau das prägt auch das RAW-Gelände. Es sind die Konflikte einer Hauptstadt, die sich seit Jahren drängenden Fragen stellen müsste, es aber nur bedingt tut. Wie soll man in Zukunft leben? Wie lässt sich eine gemeinsame Vision entwickeln? Wer eine Nacht mit dem Partyvolk mittanzt, spürt, wie weit entfernt man von einer Antwort ist.

RAW als "soziokulturelles Zentrum"

16 Uhr: Berlin gleicht einem Backofen. Es ist Ende August, fast dreißig Grad. Wer kann, genießt den Nachmittag außerhalb an einem See. Trotzdem flanieren schwitzende Menschen auf der Warschauer Brücke, von wo aus das RAW-Gelände jenseits der Bahngleise bereits zu sehen ist. Sprachengewirr. Drei Punks haben sich hier aus Hölzern und Kleidung eine Höhle gebaut, davor stehen Schüsseln für Spenden - wahlweise Drogen oder Essen. Vorbei an einer Fotokabine und Imbissbuden geht es über eine Treppe auf das Party-Areal.

17 Uhr: Ein breiter Boulevard, mal Asphalt, mal Kopfsteinpflaster, führt über das Gelände. Vorbei an den alten, teils verfallenen Backsteingebäuden. Am Wegrand vor einem ehemaligen Verwaltungsbau sitzt Julia Oppenauer. "Willkommen in unserem Wohnzimmer", sagt sie. Sie trägt Bikini und Sonnenbrille, ihre Füße baumeln in einem aufblasbaren Pool, in dem eine Flasche Cola, eine Flasche Sekt und ein Quietsche-Entchen treiben. Oppenauer ist Vorsitzende des Vereins RAW//cc e.V., der die Kulturschaffenden vertritt. Sie nutzen vier denkmalgeschützte Gebäude. Maler, Musiker und Maskenbildner. Außerdem ein Kinderzirkus. Oppenauer sagt: "Wir wollen das RAW als soziokulturelles Zentrum erhalten."

2015 kamen neue Investoren

Die Kurth Gruppe aus dem niedersächsischen Göttingen hat rund drei Viertel der Fläche 2015 gekauft. Sie präsentiert sich als Familienunternehmen, das nicht auf schnellen Profit aus ist. Das RAW solle behutsam entwickelt werden. Doch manche Nutzer sind misstrauisch. Sie würden dem Investor ihre Teile gerne abkaufen - über eine Stiftung. Geschäftsführer Lauritz Kurth dagegen plant auf freien Flächen Bürogebäude . Gleichzeitig betont er, Kunst und Soziales erhalten zu wollen. "Das Gelände kann sich entwickeln und verändern, ohne jedoch seine DNA zu verlieren", sagt Kurth. Für manche Kreative besteht die Erbinformation jedoch darin, sich von keinem Investor sagen zu lassen, was die DNA des Geländes ist.

Ein Runder Tisch soll helfen, die Differenzen zu entschärfen. Am Streit ums RAW wird zu besichtigen sein, ob Profitinteressen und Subkultur einen Kompromiss finden.

Das detaillierteste Foto des RAW-Geländes

18 Uhr: Julia Oppenauer blickt auf den Pool. "Das hier ist unsere Gegenveranstaltung", sagt sie und grinst. Die andere Veranstaltung, die läuft auf der gegenüberliegenden Seite des Boulevards: im "Haubentaucher". Tatsächlich der größtmögliche Kontrast zum popeligen Plastikbecken. Hinter den Mauern einer ehemaligen Wartungshalle erstreckt sich eine elegante Badelandschaft. Das beheizbare Schwimmbecken misst 240 Quadratmeter. An sonnigen Tagen räkeln sich Menschen auf Liegestühlen und trinken Cocktails. Manchmal legt ein DJ Musik auf, es gibt Firmen-Events. Die Betreiber sagen, sie vereinen raue Urbanität mit mediterraner Leichtigkeit.

Der Haubentaucher als sichtbares Zeichen einer Wende auf dem RAW-Gelände

Viele RAW-Urgesteine mögen den "Haubentaucher" nicht. Er ist das sichtbarste Zeichen einer Zeitenwende: Das Hippie-Gelände ist zum Hipster-Treffpunkt geworden. Es wäre nicht das erste Mal in Berlin, dass Subkultur dem Mainstream weichen muss. Im "Haubentaucher" wird Abgerocktes auf Saint-Tropez getrimmt. Auf Sektglas statt Bierflasche.

19 Uhr: Victor Javier Alaluf steht auf einer Leiter und fischt einen schweren Karton aus einem Regal. Darin liegt ein vergoldeter Schädel, umrahmt von bunten Schmetterlingen. Die Nadeln, mit denen er sie befestigt hat, steckten einst in seinem Körper, als seine Leukämie behandelt wurde. Alaluf kommt aus Argentinien, großgewachsen, kahles Haupt und rosa Poloshirt. Seine Skulpturen erzählen von Zerbrechlichkeit. Er schafft sie in seinem Atelier im sogenannten Beamtenwohnhaus. Manchmal, wenn der wöchentliche Flohmarkt auf dem Gelände vorbei ist, sammelt er, was liegen blieb: Stühle, Holz, alles. So integriert Alaluf das Areal in seine Kunst. "Für die Leute ist das Müll. Für mich ist es ein Schatz", sagt er. Jeden Tag arbeiten auf dem RAW-Gelände Künstler. Das geht unter in der Debatte unter, wo gerne nur vom "Techno-Strich" die Rede ist.

Die Künstler finden, dass hier der richtige Ort für sie ist. Dass sie von der Stadt nehmen - und ihr etwas zurückgeben. Hin und wieder besuchen Schulklassen Alalufs Atelier. Er sagt: "Wir geben der Stadt ein bisschen Farbe." Nur: Wie lange noch?

Anwohnerin: "Der Lärm macht mich krank"

20 Uhr: Dietmar Winkler war einer der ersten, der Farbe auf das RAW-Gelände brachte. Er sitzt ein Stockwerk über Alaluf, auf einem Bett im Atelier und erzählt von damals, 1999, als die Kreativen mit Erlaubnis des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg Kunstprojekte ansiedelten. "Es war leer hier, grau, die Fenster waren eingeworfen", sagt Winkler. Heute nerven ihn die vielen Partygäste und deren "übertriebene Art, die Sau rauszulassen". Doch anders als so mancher glaubt er: "In den aktuellen Eigentümern haben wir Gesprächspartner."

22 Uhr: Carola Ludwig schenkt Tee ein, Sorte "Kein Stress". Als ob das so einfach für sie wäre, Tee trinken und entspannen. Sie sagt: "Der Lärm macht mich krank." Seit 20 Jahren wohnt Ludwig im dritten Stock eines Hauses an der Revaler Straße, die am RAW-Gelände entlang führt. Wie Dietmar Winkler engagierte sich auch Ludwig vom ersten Tag, sie legte den Grundstein für die Entwicklung des Areals.

Heute spürt die 55-Jährige die Bässe der Clubs sogar in der Matratze, erzählt sie. Sie ärgert sich über Menschen , die sich in ihrem Kiez so verhalten, als wäre er Disneyland. Seit Jahren ist sie in einer Anwohnerinitiative aktiv. Politiker hätten Hilfe zugesagt. Passiert sei: Nichts. Zieh doch weg, hört Ludwig hin und wieder. Das Problem: Günstiger Wohnraum ist in Berlin zum knappen Gut geworden, Mieten steigen. Und überhaupt: Warum soll sie weichen?

Bis zu 60 Drogendealer sollen manchmal um das Areal herumstehen

23 Uhr: Ludwig blickt aus dem Fenster. Zwei Männer lehnen an der Mauer ihres Hauses. Gegenüber, am Rande der Partymeile stehen weitere und schauen gelangweilt. Drogendealer. Manchmal stünden rund 60 von ihnen rund um das Areal , behauptet Ludwigs Initiative. In den vergangenen Jahren war das RAW häufig durch Kriminalität und Gewalt in den Schlagzeilen. Als "rechtsfreier Raum", mitten in Deutschlands Hauptstadt. Die Polizei hielt fest, dass sich die Zahl der Drogendelikte dort in den vergangenen Jahren etwa verdreifacht hat: auf mehr 1100 Fälle (2015). Auch die Gewalttaten nahmen zu. Eine ähnliche Zone ist der Drogenumschlagplatz Görlitzer Park, wenige Kilometer entfernt. Die Freiheit, in der sich Teile Berlins entwickeln konnten, ist zum Problem geworden.

Im August 2015 hatte die Rocksängerin Jennifer Weist (29) auf Facebook ein Foto geteilt , darauf eine genähte Schnittwunde am Hals eines Freundes. Ein Dieb hatte ihn mit dem Messer attackiert. Das passierte unweit von Ludwigs Haus. Ihr Lebensgefährte sei 2012 von Dealern mit einer Stange verprügelt worden , sagt sie. Die Anklagebehörde setzte einen Sonderstaatsanwalt für das Gelände ein.

Menschliche Exzesse auf dem RAW-Gelände

0 Uhr: Mehr als 40 000 Euro investiert die Kurth Gruppe, wie sie sagt, in bessere Beleuchtung, Videoüberwachung und einen privaten Sicherheitsdienst. Der patrouilliert seit März. Dass die Kriminalität 2016 bisher leicht zurückgegangen ist, liegt wohl auch an ihm. Heute sei wieder eine verhältnismäßig entspannte Nacht, bestätigt ein Wachmann. Mehr dürfe er nicht sagen. Der Eigentümer habe ihm untersagt, mit Journalisten zu sprechen. Man wolle Täter und Straftaten nicht zur Schau stellen, erläutert Lauritz Kurth.

1 Uhr: Immer noch strömen Menschen aufs Gelände, die Bars füllen sich. Die Schlangen vor den Clubs wachsen. Junge Frauen drängen sich in einer zur Mini-Diskothek umgebauten Telefonzelle und singen "I Wanna Dance With Somebody". Zwei junge Männer sagen, sie wollten richtig high werden. Nebenan freuen sich fünf Norweger über die günstigen Bierpreise. Eine andere Gruppe sucht einen Freund, der sich zuvor in einen Mülleimer erbrochen hatte.

"Das RAW ist eine Spielwiese"

3 Uhr: Im "Cassiopeia", einem der ältesten RAW-Clubs, drängen sich junge Menschen und tanzen zu Hip-Hop. Woanders dröhnen Techno, Drum and Bass, Reggae und mehr aus den Lokalen. Für Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission, ist das RAW-Gelände "eines der Epizentren" des Nachtlebens. Betreiber könnten sich erlauben, Musik auch abseits des Mainstreams zu spielen. "Das RAW ist eine Spielwiese", urteilt Leichsenring.

Vor dem Eingang des "Cassiopeia" steht Mick, der seinen echten Namen nicht preisgeben will. Mick ist Türsteher. Die Sicherheitsdebatte um das RAW hält er für übertrieben. "Das Gelände wird in den Medien zu negativ dargestellt." Es sei doch klar, dass die Menschen hier ausrasten wollten. "Unter der Oberfläche sind Menschen einfach Tiere." Heute musste er bislang einen Grapscher nach Hause schicken. Einige wollten ohne Eintritt über den Zaun aufs Clubgelände klettern.

5 Uhr: Partygänger wanken in Richtung S- und U-Bahn. Die Polizei wird von einer Nacht ohne Zwischenfälle sprechen. In wenigen Stunden wird hier der Flohmarkt beginnen. Künstler Victor Alaluf wird danach wieder Reste auflesen. Skater und Kletterer werden tagsüber ihren Spaß suchen. Abends werden Musik und Alkohol wieder das Kommando übernehmen. Die Ruhe ist selten zu Gast.

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