"Berliner Betten"

Friedrichshain - Berlin von seiner bunten Seite

| Lesedauer: 11 Minuten
Gerlinde Schulte
Das Hostelschiff „Eastern Comfort“ nahe der Oberbaumbrücke in Friedrichshain

Das Hostelschiff „Eastern Comfort“ nahe der Oberbaumbrücke in Friedrichshain

Foto: Amin Akhtar

Im „Eastern Comfort“-Hostelschiff an der Oberbaumbrücke übernachtet man in Friedrichshain ganz dicht an den Partyhotspots der Stadt.

Käpt’n Edgar trägt keine Uniform. Eine Mütze schon, aber eher die lässige und leichte Art, überhaupt ist der Kapitän der „Eastern Comfort“, der an diesem heißen Tag in Blümchenhemd und Bermudas auf seinem Hostelboat nach dem Rechten sieht, ein ziemlich entspannter Typ, wie seine ganze Crew und die meisten Gäste an Bord.

Durch schwierige Gewässer muss Edgar Schmidt von Groeling auch nicht navigieren, sein Schiff liegt fest verankert auf der Spree, direkt an der East Side Gallery und dort, wo die Oberbaumbrücke die Partyhotspots von Friedrichshain und Kreuzberg verbindet. Hier zeigt sich Berlin von seiner bunten Seite, aber auch das Unfertige, Rohe der wachsenden Stadt kann man von hier aus besichtigen. Es gibt Kunst und Geschichte, Aufbau und Vernachlässigung. Party und Absturz. Die Berliner Mischung eben, wenn auch nicht gerade das, was man sich unter einem entspannten Urlaub an Berlins idyllischen Gewässern vorstellt. Wer hier übernachtet, bucht einen Städtetrip mit besonderem Flair.

Ein lässiges Ambiente, aber kein Partyschiff

Ein Partyschiff sei die „Eastern Comfort“ mit ihren 25 Kabinen aber nicht, stellt der Käpt’n klar. Junggesellenabschiede oder ähnlich wilde Gruppen will er nicht an Bord haben. „Wir haben hier ein sehr gemischtes Publikum, im Sommer natürlich viele junge Leute, aber auch Familien, die ihren Kindern ein Abenteuer bieten wollen, und Geschäftsreisende, deren Firmen in der Nähe liegen. Sie schätzen die familiäre Atmosphäre und sind auch im Winter Stammgäste“, sagt der 50-jährige Architekt, der seine Liebe zu Schiffen auf seinem ersten Hausboot in Tiergarten entdeckt hat.

„Es gibt Backpacker, Plattensammler, Konzertbesucher und Leute, die wegen der Tatoostudios kommen.“ Sie alle wollen auch die Stadt erkunden. Manchmal bringen auch Kinder ihre Eltern hier unter. Einige kämen einfach, weil sie eine Abwechslung zum üblichen Hotel-Einerlei suchten. Berliner schlafen hier seltener, eher im Winter, denn dann wird die Bootslounge nur für Hochzeiten oder Privatfeste geöffnet.

Die Anbindung an S- und U-Bahn ist ideal für Ausflüge in alle Richtungen. Vieles kann man auch zu Fuß erreichen: Die East Side Gallery etwa liegt gleich vor der Tür, das RAW-Gelände, der Wrangelkiez, die Klubs auf der Lohmühleninsel sowie Arena und Badeschiff sind nah.

Staubiger Spaziergang an der East Side Gallery

Ein erster Spaziergang führt dann auch entlang der East Side Gallery an der Mühlenstraße – das Teilstück der Berliner Mauer mit seinen bunten Graffiti ist ein Touristenmagnet. Für alle, die lange nicht mehr dort waren: Schön ist es hier nicht. Die Bauzäune, die die restaurierten Wandbilder schützen sollen, wirken so lieblos hingestellt wie hilflos.

Doch Scharen von Touristen aus aller Welt ziehen hier unverdrossen entlang und versuchen, dennoch möglichst gute Fotos zu machen. Die Luft ist staubig. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite reiht sich ab der Mercedes-Benz Arena Baustelle an Baustelle. Typisch Berlin eben. Der elegante weiße Wohnturm am Rummelsburger Platz schimmert mit seinen Luxusapartments am Wasser wie ein surrealer Vorbote einer Zeit, die noch nicht gekommen ist.

Typisch Berlin ist aber auch, dass sich entlang der Mühlen- bis hin zur Holzmarktstraße auch noch alternative Klubkultur wie etwa das Yaam mit seiner Afro-Karibischen Strandbar, und das Holzmarkt-Projekt mit seinem Culture Container sowie das für innovative Musik- und Tanzprojekte bekannte Radialsystem V findet.

Grünanlage am Uferstreifen könnte schöner sein

Zur Erholung könnte nun der vor wenigen Jahren neu gestaltete Uferstreifen auf der Rückseite der Gallery dienen Schlichte, in Betonmäuerchen eingefasste Rasenflächen und ein paar Bäume entlang des Uferweges. Doch hier – ausgerechnet an einer ihrer Visitenkarten – versagt die Stadt. Statt saftigem Grün gibt es nur vertrocknete Steppe. Ist es wirklich so schwer, direkt an der Spree Rasensprenger einzusetzen? fragt nicht nur Käpt’n Edgar. Vernachlässigung zieht bekanntlich Vandalismus an.

Über das ungepflegte Terrain streifen etwas ratlos Touristen, sie halten ihre Kameras lieber auf die wirklich sehenswerte Fotoausstellung „War on Wall“, die zurzeit auf der Rückseite der Mauer zu besichtigen ist. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat hier großflächig die Folgen des Krieges in Syrien dokumentiert.

In der Floating Lounge die Seele baumeln lassen

Zurück aufs Schiff. Die Loungebar ist geöffnet. Die offene Caféterrasse am Heck zieht sich weiter entlang der Reling zur Wasserseite. An den Tischchen hier sitzt man besonders gut, und der Blick auf die Spree, die Oberbaumbrücke mit ihren zwei Türmen und dem Gewölbegang für Fußgänger sowie das gegenüberliegende Kreuzberger May-Ayim-Ufer mit seinen Trauerweiden und den Restaurantterrassen des „Rio Grande“ am historischen Kaiser-Anleger entschädigt für vieles.

Hier kann man träumen, die Seele baumeln lassen, und wenn die gelbe U-Bahn über die rote denkmalgeschützte Backsteinbrücke rattert, bekommt man eines der schönsten bewegten Berlinbilder dazu. Nur ein sanftes Schaukeln ist zu spüren, von den Bugwellen der Ausflugsschiffe, Holzflöße ziehen vorbei, Motoryachten und Kajaks, eine Gruppe Stehpaddler quert todesmutig den Fluss. Badewasserqualität hat die Spree an dieser Stelle eigentlich nicht. Wer nun mal ins Wasser springen will, kann mit dem Leihfahrrad rüber zum Arena-Badeschiff fahren. Da gibts die coole Strandbar gleich dazu.

Auf dem Hostelschiff lässt es sich im schimmernden Abendlicht gut aushalten. 2005 hat es Edgar aus Wilhelmshaven nach Berlin geschafft, überarbeitet und energetisch saniert. Das schwimmende Hotel, Baujahr 91, ist etwas in die Jahre gekommen, schlicht ausgestattet, aber gemütlich. Es gibt neben dem Loungecafé auch noch einen überdachten Terrassenbereich nur für Hotelgäste, mit Biertischen und Bänken und ein paar mit Kissen belegten Holzkisten. Die Außentreppe hinab geht es zum Zwischendeck, wo auch der Hosteleingang liegt, die Rezeption mit Bar und Aufenthaltsraum mit einer langen Lederbank, allerlei maritimen Schnickschnack, einfachen Holztischen und -bänken, einem Flachbild-TV, Laptops, ein paar Büchern, viel Infomaterial über Berlin, Spielen für Familien mit Kindern und einem Bollerofen für kalte Tage.

Kajütenflair mit Bullaugen im Bauch des Schiffes

Die Erste-Klasse-Kabinen im Zwischendeck sind überraschend geräumig und sehen aus wie Hotelzimmer im Retrostil der 80er. Ein Doppelbett mit Nachtschränkchen aus hellem Holz, ein Schrank, ein Sideboard, ein kleines Tischchen zwei Stühle und zwei große mit Blick auf die Spree. Ein Bad mit Dusche gehört dazu.

Kajütenflair gibt es eher im Bauch des Schiffes, in den eine steile Treppe führt und wo die Gäste in deutlich kleineren Kabinen der 2. Klasse aus Bullaugen hinausschauen. Auch diese Kabinen haben eigene Bäder. Für Backpacker mit kleinem Budget betreibt Käpt’n Edgar im Sommer noch das benachbarte „Western Comfort“, mit Gemeinschaftsbädern und zehn Zwei-Personen-Zelten auf Deck.

Quirliges Nachtleben im Wrangelkiez

Am Abend bietet sich ein Spaziergang in den Kreuzberger Wrangelkiez am Schlesischen Tor an. Einmal über die Brücke am Club Watergate vorbei die Falckensteinstraße hinunter, und schon ist man mitten im quirligen internationalen Nachtleben. Kneipe an Bar an Restaurant. Kebabbuden, türkische Bäckereien, die „Aldemir“-Eisdiele und der Burgermeister, der unter der Hochbahn aus einem historischen Café Achteck heraus Hamburger verkauft, sind lange nicht alles. Richtung Osten geht es nach Treptow zum Arena-Gelände und zu den Open-Air-Clubs auf der Lohmühleninsel. Es ist voll hier an diesem warmen Sommerabend, die Stimmung ist gut.

Auf dem Rückweg zum Schiff spiegeln sich die Lichter der Nacht zauberhaft auf der Spree. Auf der Brücke, auf der an manchen Nächten in jedem Bogen Bands spielen, ist es ruhig . Vorbei am renovierten Mühlenspeicher mit dem rot leuchtenden Pirates-Restaurant gehts zurück an Bord. Die Floating Lounge ist noch geöffnet für einen letzten Drink mit Blick aufs Wasser und die über die Brücke ratternde U-Bahn. Der Schiffsverkehr ruht. In der Kabine ist es ruhig. Kein Schaukeln, kein Schwanken stört einen tiefen Schlaf. Ansgar, die Nachtwache, sorgt für Sicherheit und achtet darauf, dass keine zugedröhnten Nachtgestalten am Ufer vor dem Schiff stören.

Ein Morgen mit Krähen und Enten

Der Morgen beginnt mit Vogelgeschrei. Es sind Krähen, die am Müll eines heißen Sommertags und der warmen Nacht am Ufer zupfen. Bis zum Frühstück, das ab 8.30 Uhr serviert wird, ist es damit vorbei. Dann ist ein Reinigungstrupp unterwegs und sammelt das Gröbste auf. „Alles nur oberflächlich“, knurrt Edgar. Für ein bisschen Grün vor seinem Schiff hat er längst selbst gesorgt. Zwischen seinen schwimmenden Pflanzeninseln schnattern Enten. Nun wirkt auch diese Seite seines Schiffes fast ein bisschen idyllisch.

Tipps und Adressen:

Eastern Comfort hostelboat & lounge (zwei Sterne) Mühlenstraße 73, 10243 Berlin. Tel. 66 76 38 06, E-Mail: captn@eastern-comfort.com, Einzel-, Doppel- und Mehrbettkabinen mit Bad in der 1. und 2. Klasse, ab 58 Euro; Bett im Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsbad (3. Klasse) ab 16 Euro; Frühstücksbuffet 6 Euro. Anfahrt am besten mit der S-Bahn S5, S7, S75 bis Ostbahnhof oder auch mit der U-Bahn U1 bis Warschauer Straße

East Side Gallery Dauerhafte Open-Air-Galerie auf dem längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer an der Mühlenstraße zwischen dem Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke entlang der Spree

The Wall Museum Ausstellung im Mühlenspeicher, Mühlenstraße 78–80, Friedrichshain. Im März 2016 eröffnete Multimedia-Ausstellung zu Mauergeschichte und Mauerfall, tägl. 10–19 Uhr, Eintritt 12,50, erm. 6,50 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Tel. 2178 7217

Holzmarkt-Projekt Es gibt unter anderem einen Culture Container und die Strandbar „Pampa“, Holzmarktstraße 19–30, 10243 Berlin-Friedrichshain, geöffnet 11–24 Uhr, Tel. 473 616 86

Arena Badeschiff Mit Strandbar und angrenzendem Event-Areal, Eichenstr. 4, 12435 Berlin-Treptow. Geöffnet Mai bis September 8–24 Uhr, Tel. 0162-5451377