Liebe Leserin, lieber Leser,

die Monteure der Stromnetz Berlin arbeiten derzeit unter widrigsten Bedingungen – bei Bodenfrost und Schnee, eine Gasleitung liegt auch noch im Weg. Einsatzkräfte des THW sind im Dauereinsatz, mehrere Hundert Polizisten patrouillierten durch die Straßen von Zehlendorf und Wannsee. Und die Berlinerinnen und Berliner zeigen sich solidarisch: Nachbarn boten am Wochenende freie Betten an, Kirchengemeinden öffneten ihre Türen. Im Rathaus Zehlendorf gibt es seit dem Wochenende eine Pinnwand, auf der Bürger Schlafplätze und warme Mahlzeiten anbieten. Simpel, aber wirksam.

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Berlin von seiner besten Seite, als Antwort auf seine schlimmste Seite: Weil mutmaßlich Linksextremisten mit einer gezielten Aktion dieses Chaos angerichtet haben. Terroristen, die vorgeben, für Klimaschutz und eine bessere Welt zu kämpfen, legen mitten im Winter die Stromversorgung von 45.000 Haushalten lahm. Und gefährden damit Menschenleben. Das ist Menschenverachtung in linksradikaler Verkleidung.

Doch viel zu spät kam am Wochenende die Reaktion der Verantwortlichen im Land Berlin. Der Brand an der Kabelbrücke über den Teltowkanal wurde um 6.13 Uhr am Samstagmorgen gemeldet. Erst 13 Stunden später trat ein Krisenstab zusammen. Und erst am Sonntagmittag rief Innensenatorin Iris Spranger (SPD) die Großschadenslage aus. Manuel Barth, Vizechef der Berliner Feuerwehrgewerkschaft, brachte es auf den Punkt: „Es fällt mir sehr schwer, daran zu glauben, dass es eine klare Zuständigkeit gibt und eine klare Abfolge, wer im Katastrophenfall was zu tun hat.“

Das Problem ist nicht neu. Im November legte der Landesrechnungshof seinen Jahresbericht vor. Rechnungshof-Direktor Gerald Jank sagte damals: „Der Zustand des Katastrophenschutzes in Berlin ist aus unserer Sicht alarmierend.“ Von 37 mit dem Thema befassten Behörden erfüllten viele nicht einmal die Mindestanforderungen. Bereits 2022 kündigte der Senat an, ein Landesamt für Katastrophenschutz aufzubauen. Bis heute gibt es das nicht, sondern lediglich ein Referat in der Innenverwaltung.

Zum dritten Mal trifft ein Anschlag Berlins Stromversorgung empfindlich. Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, schrieb auf X, was viele dachten: Der Anschlag zeige, dass „professionell geplant, ganz leicht ganz Berlin lahmgelegt werden könnte“. Und die Täter? Noch immer nicht gefasst.

Der Regierende im Homeoffice

Kai Wegner sagte, er habe sich am Sonnabend zu Hause „eingeschlossen“ und die Lage von dort „koordiniert“. Und, so betonte er ausdrücklich, „nicht die Füße hochgelegt“. Das klingt defensiv, fast beleidigt. Er argumentiert, ein Vor-Ort-Termin wäre vor allem „symbolisch“ gewesen. Das ist der entscheidende Satz. Und er ist falsch. Die Menschen brauchen einen Bürgermeister, der bei ihnen ist. Nicht am Telefon. Es war die CDU, die nach der Ahrtal-Flut zu Recht die Grünen-Politikerin Anne Spiegel für ihre Abwesenheit kritisierte. Die damalige rheinland-pfälzische Ministerin verlor ihr Amt. Kai Wegner sollte sich daran erinnern.

Berlin braucht einen Katastrophenschutz, der den Namen verdient. Klare Zuständigkeiten, die vor der Krise feststehen. Eine Krisenkommunikation, die funktioniert, wenn Router und Mobilfunk ausfallen. Einen Katastrophenschutz, der gut organisiert ist. Und ein Stromnetz, bei dem nicht ein einziger Anschlag auf eine Kabelbrücke Zehntausende Haushalte tagelang lahmlegt.

Wegner wurde vor zwei Jahren als Mann für Recht und Ordnung gewählt. Der selbst ernannte Hausmeister Berlins war am Samstag nicht auf dem Hof, als es darauf ankam. Die Menschen dieser Stadt haben an diesem Wochenende füreinander gesorgt.

Außerdem wichtig

Wenn Sie selbst vom Stromausfall betroffen sind, halten wir Sie weiterhin mit unserem Live-Blog auf dem Laufenden. Wir haben auch einmal zusammengefasst, was es jetzt zu wissen gilt, zum Beispiel im Falle von Einbrüchen oder Arbeitsausfall.

Der Stromausfall zeigt erneut, wie angreifbar das Stromnetz ist. Kritisch sehen Experten auch, dass auch Mobilfunk und Internet betroffen waren, wie mein Kollege Julian Würzer schreibt. Immerhin, die S-Bahn soll ab Dienstag wieder regulär fahren.

Betroffen vom Stromausfall sind auch viele Tierbesitzer. Vor allem exotische Tiere sind auf bestimmte Temperaturen angewiesen. Doch auch für sie gibt es jetzt Notplätze.

Musikerin Sarah Connor war übrigens eine der Prominenten, die selbst vom Stromausfall betroffen sind. Das postete sie dann auch in den sozialen Medien. Und erntete einen völlig unerwarteten Shitstorm. Der zeigt, wie toxisch es dort inzwischen oft zugeht.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie möglichst gut durch die winterlichen Tage kommen.

Ihr Peter Schink,
Chefredakteur

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