Sechs Jahre ist es nun her, dass die damals 15-jährige Rebecca Reusch aus dem Berliner Ortsteil Britz verschwand. Am 18. Februar 2019 erschien die Schülerin nicht zum Unterricht, nachdem sie die Nacht im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers verbracht hatte. Seitdem fehlt jede Spur von ihr, ihrer Kleidung, ihrem Handy. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus, führt Rebeccas Schwager als Hauptverdächtigen. Doch die Leiche des jungen Mädchens konnte trotz intensiven Ermittlungen nie gefunden werden. Es fehlt die eine, die entscheidende Spur. Der Fall Rebecca Reusch droht nach all den Jahren zu einem von Berlins zahlreichen Cold Cases zu werden.

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Unter einem Cold Case versteht man Ermittlungsverfahren, die durch die Staatsanwaltschaft mangels erfolgversprechender Ansätze vorläufig eingestellt wurden. Nach Angaben der Polizei sind in Berlin seit 1968 insgesamt 277 Tötungsdelikte nicht aufgeklärt worden. Zudem existieren 397 ungeklärte Vermisstenfälle. Die Mindestaufbewahrungsdauer solcher Fälle beträgt 30 Jahre. Bei Mord sieht das anders aus, denn Mord verjährt nicht.

Regelmäßig nehmen sich Ermittler daher Altfälle vor und versuchen, sie mittels neuer Methoden oder nach neuen Hinweisen doch noch zu lösen. In den vergangenen zehn Jahren konnten in Berlin auf diese Weise sieben Tatverdächtige ermittelt werden. Hoffnung für die Angehörigen besteht also immer. Die Morgenpost stellt Berlins mysteriöseste Cold Cases vor.

Der schillernde Informant – Der Fall Alexander Luchterhandt

Seit dem 5. Mai 2005 ist der Polizeiinformant Alexander Luchterhandt verschwunden.
Seit dem 5. Mai 2005 ist der Polizeiinformant Alexander Luchterhandt verschwunden. © Polizei

Anfang Januar suchten Polizeibeamte im Auftrag der Staatsanwaltschaft in Wannsee großflächig nach der Leiche des Kleinkriminellen und Polizeiinformanten Alexander Luchterhandt. Erfolglos, denn die neue Spur in dem Vermisstenfall führte zu keinem Ergebnis. Bis zu seinem Verschwinden im Mai 2005 war Luchterhandt ein bunter Hund in Berlin, eine schillernde Persönlichkeit mit Verbindungen in die russische Schleusermafia und in die Halbwelt. Bekanntheit erlangte er vor allem dadurch, dass er in seiner Wohnung in Lichtenberg den Polizei- und Feuerwehrfunk abhörte und so verschiedene Berliner Medien und weitere Interessierte, mutmaßlich auch Kriminelle, mit Informationen versorgte. Pro Jahr soll er auf diese Weise eine Viertelmillion Euro verdient haben.

Außerdem soll er – ein ehemaliger Bordellbetreiber, der selbst einmal wegen Raubes im Gefängnis saß – als Polizeispitzel agiert haben. Luchterhandt wusste offensichtlich um seinen gefährlichen Lebensstil. Er lebte immer fluchtbereit und konspirativ, ohne Konten, dafür mit bündelweise Geldscheinen in der Tasche. Am Abend des 5. Mai 2005 war der damals 49-Jährige in seinem Lieblingsimbiss in Neukölln verabredet, kam dort aber nie an. Anschließend verlor sich seine Spur.

Seine Wohnung wurde durchsucht, aus ihr verschwand mutmaßlich eine große Menge Bargeld. Allerdings wurde ein Versteck mit 70.000 Euro übersehen. Zwiellichtige Geschäftspartner und damit Verdächtige in dem Fall gab es zwar genug, aus Mangel an Beweisen wurde aber keiner von ihnen je verurteilt. Eine Leiche wurde wie bei Rebecca Reusch bis heute nicht gefunden. Gerüchte, dass Luchterhandt untergetaucht ist und sich ins Ausland abgesetzt hat, hält die Polizei angesichts des zurückgelassenen Geldes für unwahrscheinlich.

Der merkwürdige Raubmord – Der Fall Ella Dörrier

Der 77-jährigen Ella Dörrier wurde wertvoller Schmuck entwendet. Dennoch gibt es Zweifel an einem Raubmord.
Der 77-jährigen Ella Dörrier wurde wertvoller Schmuck entwendet. Dennoch gibt es Zweifel an einem Raubmord.© BM | Landeskriminalamt Berlin

Als die damals 77-jährige vermögende Witwe Ella Dörrier am 20. August 1990 in ihrem Haus in Frohnau tot aufgefunden wurde, schien den Ermittlern die Sache zunächst klar. Offensichtlich war ein Einbrecher über das Kellerfenster in das Objekt eingedrungen, um es auszurauben. Dabei war er auf die wegen der Hitze ausnahmsweise im Wohnzimmer schlafende Dörrier getroffen, hatte diese niedergeschlagen und mit einem Tuch im Mund erstickt.

Bei näherer Betrachtung kamen den Polizisten aber schon vor 35 Jahren erste Zweifel. Der Einbruch wirkte inszeniert, möglicherweise war der Täter doch mittels eines Schlüssels in das Haus gelangt. Es fehlten zwar einzelne wertvolle Schmuckstücke der Witwe, das weitere Bargeld wurde jedoch nicht angetastet. Der Täter schien sich in dem Haus auszukennen, er reinigte den Tatort und entfernte Spuren.

Dörrier wurde unbekleidet aufgefunden, war aber nicht sexuell missbraucht worden. Möglicherweise war das Motiv dennoch eher privater Natur, spekulierten die Ermittler zuletzt auch in der Serie „Aktenzeichen XY“. Es habe Gerüchte über einen Gärtner gegeben, der Dörrier Avancen machte. Außerdem hatte die 77-Jährige kurz vor ihrem Tod längeren Besuch von Verwandschaft ihres verstorbenen Mannes aus der DDR. Ihr Mann war als leidenschaftlicher Sammler wertvoller Antiquitäten bekannt, eine Brosche aus Gelbgold, besetzt mit Brillanten und Perlen, wurde gestohlen.

Das Kind im Müllsackkleid – Der Fall Stefan Lamprecht

Der 15-jährige Stefan Lamprecht aus Kiel wurde während eines Berlin-Besuchs getötet.
Der 15-jährige Stefan Lamprecht aus Kiel wurde während eines Berlin-Besuchs getötet. © dpa | Polizei

Das Schicksal des 13-jährigen Stefan Lamprecht bewegte 1995 ganz Deutschland. Der Junge aus Kiel, der zu Besuch bei seinem Vater und seiner Großmutter in Prenzlauer Berg war, verschwand am 2. August 1995 auf dem Nachhauseweg von einem Freund in Pankow. Eine Woche später wurde seine Leiche per Zufall in einer brandenburgischen Mülldeponie gefunden – ohne seine Klamotten, dafür gekleidet in Müllsäcke, die ihm wie ein Kleid angezogen worden waren. Auf den 13-Jährigen war mehrfach mit voller Wucht eingestochen worden, auch in den Unterleib, sein Körper wies einen hohen Alkoholgehalt auf. Kohlereste deuteten darauf hin, dass seine Leiche zuvor in einem Keller gelagert worden war – oder er dort zu Tode kam. Ein Sexualmord ist wahrscheinlich.

Die Polizei untersucht bis heute zwei Hypothesen zu der brutalen Mordttat. Die eine ist, dass Lamprecht seinem Mörder zufällig auf dem Nachhauseweg begegnete und es sich um einen Berliner Pädophilen mit sadistischen Tendenzen handelte. Spätere Ermittlungen förderten jedoch zu Tage, dass Lamprecht, der als einsames Kind beschrieben wird, schon in Kiel Kontakt zu älteren Männern aus der Pädophilen-Szene hatte. Es ist daher auch möglich, dass ihm einer dieser Männer gezielt nach Berlin nachgereist ist.

Die Geschäftsfrau ohne Kopf – Der Fall Ilse-Maren Graalfs

Die erfolgreiche Berliner Geschäftsfrau Ilse-Maren Graalfs könnte von ihrem Mörder gestalkt worden sein.
Die erfolgreiche Berliner Geschäftsfrau Ilse-Maren Graalfs könnte von ihrem Mörder gestalkt worden sein. © Polizei | Polizei

Am 25. März 1997 fand ein Jäger eine kopflose Frauenleiche in einem Entwässerungsgraben in Mecklenburg-Vorpommern nahe der Autobahn Berlin-Hamburg. Die Ermittler tappten zunächst im Dunkeln, der Täter wollte mit der Enthauptung seines Opfers offensichtlich ihre Identifizierung erschweren. Erst acht Tage später meldeten ihre Kinder die 55-jährige Ilse-Maren Graalfs aus Wilmersdorf, wohlhabende Ex-Frau eines Berliner Baulöwen, als vermisst. Schnell ist klar: Die Kopflose ist Graalfs.

Ihr Dienstauto wurde Mitte April in Hamburg gefunden. Der Verdacht fiel daher zunächst auf ihren dort lebenden Lebensgefährten, doch entpuppte sich das als bewusst gelegte falsche Fährte des wahren Täters. In Graalfs Wohnung entdeckte die Polizei, dass Schmuck der als selbstbewusst und erfolgreich beschriebenen Frau fehlte – allerdings auch eine Sammlung kleiner wertloser Elefanten. Eingebrochen wurde nicht, ein Safe mit 100.000 Mark unangetastet gelassen. Die Ermittler rekonstruierten, dass der Täter die 55-Jährige am Abend des 21. März 1997 überfiel und sich den Schlüssel beschaffte. Wann und wie er sie tötete, ist bis heute unklar.

Er soll aber eine gewisse Zeit in der Wohnung verbracht haben. Sein Vorgehen wirkt dabei wie von langer Hand geplant, er hinterließ kaum Spuren. Profiler gehen daher von einem Stalker aus, der Graalfs bereits länger aus der Ferne beobachtete. Sie muss ihn nicht einmal gekannt haben. Ilse-Maren Graafls Kopf, von dem bis heute jede Spur fehlt, könnte der Täter indes wie die anderen Gegenstände aus ihrer Wohnung als Trophäe seiner Tat aufbewahren, so die Vermutung der Ermittler.

Der joggende Familienvater – Der Fall Jürgen Bohm

Besonders schwer fällt Ermittlern die Aufklärung einer Tat, wenn keines der häufigsten Motive erkennbar ist. So wie bei Jürgen Bohm. Der 52-jährige Familienvater und Unternehmensberater joggte am frühen Morgen des 28. Dezember 2001 wie üblich durch den Volkspark Wilmersdorf, um seiner Familie im Anschluss frische Schrippen vom Bäcker zu holen. Doch kam er nie wieder zuhause an. Laut Ermittlungen der Polizei wurde er in der Grünanlage von einem Unbekannten aus dem Hinterhalt mit 23 Messerstichen in den Kopf äußerst brutal getötet.

Warum, das ist bis heute unklar. Es gab keine direkte Zeugen des Vorfalls, außer einem Abdruck seines Schuhs hinterließ der Täter keine Spuren. Ermittlungen im Bekannten- und Freundeskreis förderten nichts zu Tage, das die Tat erklären könnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war Bohm daher ein Zufallsopfer, das von einem psychisch kranken Täter aus Mordlust getötet wurde. Doch die letzte Gewissheit fehlt auch hier.

Zur falschen Zeit am falschen Ort – Der Fall Kirsten Sahling

Die 39-jährige Kirsten Sahling konnte noch eine Beschreibung ihres Mörders abgeben.
Die 39-jährige Kirsten Sahling konnte noch eine Beschreibung ihres Mörders abgeben. © Polizei Berlin | Polizei Berlin

Auch Kirsten Sahling wurde vermutlich Opfer eines psychisch kranken Einzeltäters und war bedauerlicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur, dass es in ihrem Fall eine Beschreibung und sogar Aufnahmen ihres Mörders gibt. Die 39-jährige Charité-Psychologin vollführte am 20. Juni 2009 im Spandauer Forst nahe des Gewässers Kuhlake Übungen des chinesischen Meditationssports Qigong, war vollkommen darin vertieft, als sich ihr plötzlich ein sehr junger, blonder und ganz in Weiß gekleideter Mann näherte.

Unvermittelt stach er auf Sahling ein und floh. Herannahenden Passanten konnte die 39-Jährige noch eine Beschreibung des Täters liefern, ehe sie den ihr zugefügten schweren Verletzungen erlag. Der junge Mann entkam Videoaufnahmen zufolge über das Gelände des nahen Evangelischen Johannesstifts. Weder Raub noch sexuelle Lust noch ein vorausgegangener Streit schienen das Motiv zu sein. Im Gegenteil, der Täter hatte im Vorfeld eine ganz andere, joggende Frau auf seinem Fahrrad verfolgt, ehe seine Aufmerksamkeit auf Sahling gelenkt worden war. Obwohl die Polizei nach der Tat über 3000 Personen überprüfte, konnte sie nie ermitteln, um wen es sich bei diesem blonden jungen Mann gehandelt hatte.

Das mysteriöse Projektil – Der Fall Karin Rieck

Die Waffe, die Karin Rieck tötete, war der Polizei bekannt.
Die Waffe, die Karin Rieck tötete, war der Polizei bekannt. © Polizei Berlin | Polizei Berlin

Am 27. Oktober 1992 wurde die damals 50-jährige Karin Rieck von ihrem Lebensgefährten tot in ihrer Wohnung in Lichterfelde aufgefunden. Sie starb an einem glatten Kopfdurchschuss. Riecks Tod wirkte dabei wie eine professionelle Hinrichtung. Sie hatte ihren Mörder mutmaßlich selbst eingelassen, es gab keine Spuren eines Kampfes, es wurde nichts gestohlen. Der Täter ließ keinen Hinweis auf sich zurück – außer ein verräterisches Projektil seiner Waffe. Denn diese Waffe wurde nachweislich auch bei zwei vorausgegangenen Einbrüchen in Charlottenburg und Schöneberg verwendet.

Rieck, die eine erfolgreiche Bar in Halensee betrieb und für ihr ausschweifendes Privatleben bekannt war, hatte zuvor immer wieder über zwielichtige Gestalten geklagt, die ihre Gaststätte aufkaufen wollten. Auch Schutzgelderpresser sollen ihr auf den Fersen gewesen sein. Die Polizei geht indes nicht davon aus, dass der oder die Einbrecher auch etwas mit dem Mord zu tun haben. Vielmehr soll es sich bei der verwendeten Waffe um eine Pistole handeln, die innerhalb des Milieus weitergegeben wurde. Die Ermittler starteten daher einen Aufruf, dass sich die Einbrecher nach der Verjährung ihrer Tat bezüglich ihres Wissens über die Waffe und ihre Verwendung in der Mordnacht melden sollten. Bis jetzt, 32 Jahre nach der Tat, allerdings ohne Erfolg.