Die Berliner Kriminalpolizei hofft, doch noch Licht in ein 18 Jahre zurückliegendes, ungeklärtes Verbrechen zu bringen, dem ein Kind zum Opfer gefallen war. Deshalb veröffentlicht die Berliner Polizei viele Details aus den Ermittlungsakten, die bisher noch nie veröffentlicht wurden.

Vielleicht erinnern sich mögliche Zeugen - vor allem Erwachsene, die damals selbst noch Kinder waren - an Dinge, die sie bisher für unbedeutend gehalten haben, jetzt aber in einen Zusammenhang bringen könnten.

In den Sommerferien 1995 hielt sich der 13-jährige Stefan Lamprecht seit dem 16. Juli bei seinem Vater in Berlin auf. Er lebte seit 1989 mit seiner Mutter und seiner Schwester in Kiel, nachdem die Familie noch vor der Wende aus der DDR ausgereist war. Wie schon im Jahr zuvor besuchte er nun seinen Vater in seiner Geburtsstadt und verbrachte einen Teil der Ferien bei ihm.

Beide wohnten zu dieser Zeit an der Seelower Straße 2 in Berlin-Prenzlauer Berg in der Nähes des U- und S-Bahnhof Schönhauser Allee bei der Großmutter des Jungen.

Stefan Lamprecht verbrachte seine Ferienzeit in Berlin fast ausschließlich zusammen mit seiner Oma und seinem Vater, den er teilweise zur Arbeit begleitete oder mit dem er besonders gern zum Angeln ging, sein liebstes Hobby neben Fußball.

Darüber hinaus traf er sich einmal mit einem fast gleichaltrigen Jungen aus der Verwandtschaft, der sich zu dieser Zeit ebenfalls in Berlin bei seinen Großeltern aufhielt. Beide waren seit frühester Kindheit miteinander befreundet und hatten in Pankow unweit voneinander gewohnt.

Beide Jungen waren Ende Juli 1995 einen Tag zusammen im Freibad Pankow unterwegs. Stefan hatte eine Nacht bei seinem Freund und dessen Großeltern an der Sellinstraße 3 in Pankow übernachtet. Dort hatte Stefan seine Badesachen vergessen, die er vor seiner Rückreise nach Kiel noch abholen wollte.

Totes Kind auf Mülldeponie entdeckt

Am Mittwoch, den 2. August 1995, brach Stefan Lamprecht gegen 15 Uhr aus der Wohnung seiner Oma auf, um seine Badesachen abzuholen. Gegen 16.15 Uhr verließ er die Sellinstraße wieder, um zur Großmutter zurückzukehren. Seine Badesachen trug er in einer dünnen weißen Plastiktüte bei sich.

An diesem Nachmittag wurde Stefan Lamprecht zum letzten Mal an der Sellinstraße 3 in Pankow gesehen. Der Junge, der noch am Mittwochabend zusammen mit seinem Vater zum Nachtangeln gehen wollte, blieb seitdem verschwunden. Vater und Großmutter machten sich bereits am frühen Abend Sorgen, der Mann erstattete noch in den späten Abendstunden eine Vermisstenanzeige bei der Polizei, nachdem er vergeblich versucht hatte, seinen Sohn zu finden. Die Suche in den folgenden Tagen blieb ebenfalls erfolglos.

Am Dienstag, den 8. August 1995, wurde auf der Mülldeponie Schöneiche bei Mittenwalde beim Entladen von Waggons mit aus Berlin stammendem Hausmüll ein getöteter Junge gefunden, der schließlich als Stefan Lamprecht identifiziert wurde.

Erkenntnisse zu dem Mordfall

Stefan Lamprecht wurde Opfer eines Sexualverbrechens. Exakte Rückschlüsse auf das Tatgeschehen waren aber durch die gerichtsmedizinische Untersuchung nicht zu ziehen. Stefan wurde ohne seine Bekleidung - eine hellblaue, kurze verwaschene Jeanshose, ein grünes, ärmelloses T-Shirt und seine Sandalen - aufgefunden.

Der Junge hatte mehrere Verletzungen, die ihm der unbekannte Täter mit einem Messer zugefügt hatte. Weitere Verletzungen am Unterleib machen deutlich, dass ein sexuelles Motiv vorgelegen haben muss.

Die Fahnder konnten bisher keine konkreten Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort zwischen dem 2. August, Mittwochnachmittag, bis zum Auffinden am Dienstag, den 8. August 1995 ermitteln. Auch Lautsprecherdurchsagen in der Nähe der Sellinstraße, das Verteilen von Fahndungsplakaten, die Auslobung einer Belohnung von 10.000 DM und zahlreiche Presseveröffentlichungen führten zu keinen relevanten Ermittlungsanhalten.

Niemand hatte den 13-jährigen, blonden Stefan auf seinem 2,5 km langen Heimweg von der Sellin- zur Seelower Straße beobachtet oder auffällige Situationen bemerkt, in denen der 1,54 Meter große, schlanke Junge auf den späteren Täter gestoßen sein könnte.

Zusammentreffen mit dem Mörder

Es wird vermutet, dass Stefan auf seinem Nachhauseweg auf seinen Mörder getroffen ist. Es muss von einer zufälligen Begegnung ausgegangen werden. Andere Kontakte außerhalb der Familie hatte Stefan in Berlin nicht.

Die Mordkommission schließt absolut aus, dass Stefan freiwillig nicht nach Hause gekommen ist oder weggelaufen sein könnte. Der Junge war sehr zuverlässig und freute sich auf die Unternehmung mit seinem Vater, zu dem er ein gutes, entspanntes Verhältnis hatte.

Es ist unbekannt, wie Stefan überhaupt von der Seelower Straße zu seinen Verwandten an die Sellinstraße gekommen war. Er könnte die gut 2,5 km gelaufen sein, er könnte aber auch öffentliche Verkehrsmittel entlang der Schönhauser Allee bzw. der Berliner Straße zwischen Pankow und Prenzlauer Berg benutzt haben, am wahrscheinlichsten ist dabei die Straßenbahn.

Der kürzeste Weg verläuft hauptsächlich entlang der Schönhauser Allee und der Berliner Straße. Auf dieses Gebiet richtet sich das Hauptaugenmerk der Ermittlungen.

Kontaktaufnahme des Täters mit Stefan Lamprecht

Stefan war ein sehr freundlicher Junge. Das Ansprechen unter einem Vorwand, dass er vielleicht bei einer Tätigkeit behilflich sein könnte, ist denkbar. Weiterhin hat Stefan geraucht, vielleicht hat der Täter das als Anlass genommen, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Erwähnenswert ist, dass Stefan zwar nie Alkohol getrunken hat, bei seiner Obduktion aber ein erheblicher Alkoholwert festgestellt wurde. Der Alkohol könnte ihm aber auch gewaltsam verabreicht worden sein.

Die Suche nach dem Tatort war bisher erfolglos

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter mit Stefan an einen Ort gegangen sein muss, an dem er ihn ungestört längere Zeit in seiner Gewalt halten konnte. Offenbar konnte der Mörder sein Opfer dort aber nicht zurücklassen, weil sonst Rückschlüsse auf ihn möglich gewesen wären. Vielleicht hat der Täter deshalb das hohe Risiko entdeckt zu werden in Kauf genommen, als er die Leiche des Kindes in einem Müllcontainer in dem dichten Wohngebiet beseitigte.

Funde im Müllwaggon deuten darauf hin, dass die Kinderleiche in der Wohnumgebung Schönhauser Allee/Berliner Straße in den Hausmüll gelegt wurde. Dass der Täter die Kinderleiche - wie anfangs vermutet - direkt am Verladebahnhof an der Asgardstraße in Heinersdorf deponierte, wird inzwischen als unwahrscheinlich angenommen.

Es gibt aber Hinweise, dass der Mörder den toten Jungen zwischendurch noch an einer anderen Stelle abgelegt hatte, bevor er ihn in einer Mülltonne versteckte. An seinem Körper wurden nämlich Braunkohlerückstände festgestellt, die den gesamten Körper überzogen. Vielleicht wurde Stefan Lamprecht einige Tage in einem Kohlenkeller oder -schuppen zwischen Braunkohlebriketts verborgen.

Plastiksäcke könnten als Fetisch gedient haben

Die Polizei ist an Hinweisen interessiert, die zu diesen Schilderungen passen könnten. Auch bittet sie darum, dass sich Zeugen melden, die vom 2. bis zum 8. August 1995 auffällige Beobachtungen gemacht haben und die sich in der Nähe des vermuteten Laufweges von Stefan aufhielten.

Denkbar sind dabei auch öffentliche Gebäude, die vielleicht wegen der Sommerzeit geschlossen waren, aber für einen kleinen Personenkreis zugänglich waren. Vielleicht gibt es auch Bezirksschornsteinfeger, denen etwas Spezielles aufgefallen ist, was für sie damals keine besondere Bedeutung hatte.

Neben der am Körper gefundenen Braunkohle-Schicht gibt es einen weiteren Punkt, der relevant sein könnte: Stefan Lamprecht hatte bei seinem Auffinden lediglich blaue Müllsäcke am Körper, die eher wie "Bekleidung" als wie Verpackungsmaterial. Unter Umständen war das Material für den Mörder eine Art Fetisch.

Polizei entwirft Profil des Täters

Am wahrscheinlichsten ist, dass Stefan Lamprecht Opfer eines ihm zuvor unbekannten Täters geworden ist, der zwar tatbereit war, aber eher zufällig auf Stefan traf.

Die Art der Tat deutet auf eine sadistische Neigung des Mörders hin. Der Täter könnte schon im Vorfeld sexuelle Phantasien durchgespielt oder jemandem mitgeteilt haben. Trotzdem könnte er sozial integriert und unauffällig sein, sicher und selbstbewusst auftreten.

Da die Bekleidung des Opfers und seine mitgeführten Badesachen fehlten, ist denkbar, dass der Täter diese Gegenstände nach der Tat aufbewahrt hat.

Ermittler suchen dringend Zeugen

Wer kann Hinweise zu Personen geben, die im Bereich der Schönhauser Allee und der Berliner Straße, also zwischen Pankow und Prenzlauer Berg, Mitte der 90er-Jahre aufgefallen sind, weil sie Kontakt zu zehn- bis 13-jährigen Jungen gesucht haben und darüber hinaus eventuell über Zugang zu einer Räumlichkeit in diesem Bereich mit Braunkohlebriketts verfügten. Unter Umständen haben blaue Plastiktüten oder Tüten überhaupt eine besondere Bedeutung für den Täter.

Es wird nicht ausgeschlossen, dass der Mörder im Nachhinein über seine Tat mit jemandem gesprochen hat oder zwischenzeitlich versucht hat, seine sadistischen Neigungen erneut auszuleben.

Zeugen könnten auch Erwachsene sein, die in Ihrer Kindheit um das Jahr 1995 in diesem speziellen Bereich Beobachtungen gemacht oder Erlebnisse hatten, in denen die genannten Aspekte eine Rolle spielten und sich damals nicht trauten, sich jemandem zu offenbaren.

Unter Umständen tauchte damals Stefans Bekleidung irgendwo auf, ohne dass der Finder dem Bedeutung beimaß. Stefan hatte ein grünes ärmelloses T-Shirt und eine ausgewaschene kurze Jeans getragen. Seine Badesachen transportierte er in einer weißen, unbeschrifteten Tüte, wie es sie beim Fleischer oder an einem Imbissstand gibt. Es handelte sich dabei um eine dunkle Badehose in Form einer Radlerhose und ein dunkles Handtuch mit Blumenmotiv.

Darüber hinaus wurde Jahre später bekannt, dass ein pädophil veranlagter Mann in Kiel Kontakt zu Stefan gesucht hatte. Darüber wissen die Ermittler jedoch wenig. Sollte es dazu Zeugen geben, werden diese Personen ebenfalls gebeten, sich zu melden. Über das Kieler Umfeld von Stefan Lamprecht gibt es insgesamt nur wenige Informationen.

Hinweise nimmt das Landeskriminalamt 11 - Sonderermittlungen - an der Keithstraße 30 in Tiergarten unter der Rufnummer (030) 4664 - 911 902 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

BM