Die Allgemeinheit bezeichnet sie mittlerweile als Cold Cases, die Polizei spricht hingegen von so genannten Altfällen: Tötungsdelikte, die oft Jahrzehnte zurückliegen und bei denen der oder die Täter bis heute nicht ermittelt werden konnten. Eine äußerst seltene Form dieser Fälle wiederum sind Verbrechen, bei denen neben der Identität des Täters auch die Identität des Opfers unbekannt ist.
Am Mittwoch kündigte die Berliner Polizei 35 Jahre nach dem Mord an einer nicht identifizierten Frau auf Berliner Stadtgebiet in diesem Sinne an, herausfinden zu wollen, um wen es sich bei der 1988 entdeckten weiblichen Leiche handelt. Die Ermittler hoffen so auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Tat auf Hinweise aus der Bevölkerung.
„Identify Me“ soll weibliche Mordopfer identifizieren
Der Aufruf ist Teil einer internationalen Öffentlichkeitskampagne namens „Identify Me“ (Deutsch: „Identifiziere mich“), in welcher deutsche, belgische und niederländische Polizeistellen und Staatsanwaltschaften zur Identifizierung bisher namenloser weiblicher Mordopfer mit der internationalen Polizeiorganisation Interpol kooperieren.
In Deutschland werben unter anderem die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und die ehemalige Boxerin Regina Halmich für die Initiative, die hierzulande vom Bundeskriminalamt (BKA) geleitet wird.
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„Zu 22 Mordfällen mit unbekannten weiblichen Opfern wird nun grenzübergreifend gefahndet“, heißt es dazu vom BKA. „Sie wurden erschossen, erstickt oder niedergestochen.“ Hauptziel der Kampagne sei es, die Frauen zu identifizieren und ihnen ihre Namen zurückzugeben. Die deutschen Behörden haben hierfür speziell sechs solcher Cold Cases aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bremen und eben auch aus Berlin ausgewählt.
Weibliche Leiche wurde 1988 im Spandauer Forst entdeckt
Der Berliner Fall führt dabei zurück in den November 1988. Damals waren Waldarbeiter im Spandauer Stadtforst auf einen im Jutesack verpackten weiblichen Leichnam gestoßen, der augenscheinlich Opfer eines Tötungsdelikts geworden war. Um den Hals der toten Frau waren kurze Seile verknotet, die üblicherweise im Wassersport Verwendung finden.
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Nach bisherigem Erkenntnisstand war sie 25 bis 30 Jahre alt, hatte blondes Haar, war etwa 1,65 Meter groß und schlank. Der Polizei gelang es am Tatort unter anderem ein abgerissenes Stück Papier mit dem Stempelaufdruck der Beratungsstelle für Geschlechtskrankheiten des Gesundheitsamtes Schöneberg sicherzustellen.
Nicht identifizierte Opfer sind sehr selten
In Berlin ist eine Sonderermittlungseinheit der Mordkommission für Altfälle wie diesen zuständig, die sich gebündelt um die Aufklärung der „ausermittelten“ Straftaten kümmert. „Delikte, bei denen die Opfer unbekannt sind, sind aber sehr, sehr selten“, sagt eine Polizeisprecherin auf Anfrage. Sie würden wie die Tötungsdelikte mit unbekannten Tätern stetig weiterbearbeitet, aus ermittlungstaktischen Gründen meist jedoch ohne weitere Details an die Öffentlichkeit zu geben.
„Der Fall für die internationale Kampagne wurde ausgewählt, weil wir uns von ihm auf diese Weise die meisten Aufklärungschancen erhoffen“, so die Polizeisprecherin. „Wer Angaben zur Identität der unbekannten Toten machen oder sonstige Hinweise geben kann, soll sich bitte bei der Berliner Polizei melden.“
Gravur der Uhr half bisher nicht bei Identifizierung
Für „Identify Me“ veröffentlichte die Polizei neben Bildern und Informationen zu Kleidungs- und Schmuckstücken auch Abbildungen des rekonstruierten Gesichts der Frau. Demnach könnte ihre linke Gesichtshälfte als Folge einer teilweisen Gesichtslähmung zurücktretend gewirkt haben. Bekleidet war die Unbekannte unter anderem in einer braun-beigefarbene Herrenjacke mit Stehkragen, einer blauen Jeanshose der US-Größe 28 und einem grauen, dickeren T-Shirt.
Am rechten Ohr trug sie einen Ohrring in Blattform mit glänzender lila-türkisfarbener Beschichtung, am linken Ohr einen gitterartigen, rechteckigen Ohrring mit dunkelblauer Beschichtung. Um ihren Hals befand sich ein schwarzbraunes Lederhalsband mit Schnalle, um ihr rechtes Handgelenk zwei Haargummis in Rot und Schwarz.
In ihrem Besitz hatte die Frau außerdem eine silberfarbene digitale Damenarmbanduhr der Firma Juta aus Metall, auf deren Rückseite die Gravur „22 9 82“ eingelassen ist. Über die Bedeutung dieser Zahlenkombination sind sich die Ermittler weiterhin im Unklaren, sie konnte bisher nicht zur Identifizierung der Leiche beitragen.
2500 Euro Belohnung sind ausgelobt
Für Hinweise, die zur Identifizierung der Frau sowie zur Aufklärung der Straftat führten, hatte der Polizeipräsident in Berlin bereits Ende der 80er Jahre eine Belohnung in Höhe von 5000 DM ausgelobt. Diese hat auch heute noch Bestand und beziffert sich nunmehr auf 2500 Euro.
Hinweise, die auch vertraulich behandelt werden können, sollen an die 4. Mordkommission des Landeskriminalamts unter der Rufnummer 030-4664-911444 oder per E-Mail an lka114@polizei.berlin.de gerichtet werden.



