Mordermittlung

Das Rätsel um die erstochene Frau im Spandauer Forst

Im Sommer 2009 wurde Kirsten Sahling beim Joggen im Wald erstochen. Die Polizei kann die Tat minutiös rekonstruieren. Doch eine Spur zum Täter fehlt bis heute. Nun werden wieder Zeugen gesucht.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Vier Jahre nach der Tat schien die Lösung plötzlich greifbar nahe. Auf einmal wollte alles zusammenpassen. Das konnte kein Zufall sein. Verdammt noch mal, das durfte doch kein Zufall sein!

Das Messer.

Die Vielzahl der Stiche.

Die Willkür bei der Wahl des Opfers.

Und sein Alter. So jung.

Es ist der 21. Mai 2013, am späten Nachmittag. In der Reinickendorfer Residenzstraße sticht der 30 Jahre alte Valentin W. unvermittelt an der Wursttheke einer Kaufland-Filiale mit einem Küchenmesser auf einen Rentner ein. Acht Mal. In den Oberkörper. Der 82-Jährige stirbt noch im Supermarkt. Valentin W. wird festgenommen. Ein Geist habe ihm die Tat befohlen, sagt sein Anwalt später.

Kurz darauf erhalten die Kollegen der 7. Berliner Mordkommission, die mit dem Fall an der Wursttheke gar nicht betraut sind, einen Hinweis: Valentin W. soll einmal eine Hütte in einer Laubenkolonie am Spandauer Forst gehabt haben. Auch im Juni 2009 soll er dort gewesen sein. Zu der Zeit, als ein junger Mann ganz in der Nähe mitten im Wald unvermittelt und willkürlich die 39 Jahre alte Kirsten Sahling niederstach. Seither fehlte vom Täter jede Spur.

Auch Jahre nach der Tat suchen Kommissare die Gegend ab

„Der Hinweis hörte sich so gut an, wirklich vielversprechend“, erinnert sich Kriminaloberkommissarin Norma Neufindt heute. Die 47-Jährige und ihre Kollegen hatten im Frühsommer in jener Laubenkolonie gerade Flugblätter verteilt. „Mord im Spandauer Forst“ steht oben auf diesen blau-weißen Zetteln. Auch vier Jahre nach der Tat, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte, klappern die Kommissare immer wieder systematisch die Gegend ab, suchen Zeugen, weiten den Kreis der Ermittlungen Stück für Stück aus.

Noch am selben Tag, als sie die Flugblätter in die Briefkästen der Laubenkolonie gesteckt hatten, sei der Hinweis auf Valentin W. eingegangen, erzählt Norma Neufindt. Die Kommissare nehmen die Spur sofort auf. Doch die Ermittlungen enden in einer Sackgasse. Wieder einmal. „Die Sache war wohl doch zu schön, um wahr zu sein“, sagt Thomas Scherhant, 54, Neufindts Chef bei der Mordkommission.

Valentin W. hatte im Sommer 2009 lange dunkle Haare. Ungefähr zu der Zeit, als Kirsten Sahling erstochen wurde, hatte er sich um einen Job beworben – das Foto in seinen Bewerbungsunterlagen und Zeugenaussagen bestätigen die Sache mit den langen Haaren. Damit schied Valentin W. für die Kommissare aus. Der Mörder vom Spandauer Forst hatte kurzes, helles Haar und ein sehr jugendliches Gesicht. Dafür gibt es genügend Zeugen. Nicht zuletzt das Opfer. Kirsten Sahling konnte ihren Mörder noch beschreiben, bevor sie starb.

Rückblende zum 20. Juni 2009

Sonnabend, der 20. Juni 2009. Gegen 8.40 Uhr

Sie sieht den Mann mit dem Fahrrad schon von Weitem. Sie läuft auf eine Weggabelung zu. Der Spandauer Forst ist licht an dieser Stelle. Eine Wiese, ein paar Kiefern am Rand. Sie sieht, wie er sein Rad schiebt. Ein junger Kerl, weiße Hose, weiße Jacke. Er nähert sich von Westen der kleinen Kreuzung. Bleibt an der Gabelung stehen. Lehnt sich an eine schlanke Eiche.

Und schaut sie an.

Der Blick ist ihr unangenehm, aber die Frau läuft unbeirrt an ihm vorüber. Nun hört sie das Geräusch von Fahrradreifen auf dem Waldweg hinter sich. Er folgt ihr. Er fährt langsam hinter der joggenden Frau her. Überholen will er nicht. Mehrere Minuten lang geht das so, über gut 700 Meter. Dann biegt sie nach rechts ab und sieht eine andere Frau auf dem Weg, die ganz in sich versunken langsame Qigong-Übungen macht. Als sie an der Frau vorbei läuft, sind die Reifengeräusche plötzlich verstummt. Sie dreht sich um. Der Radfahrer ist weg.

Sie hört in der Entfernung noch ein Rufen. Dass es die Hilfeschreie von Kirsten Sahling, der Frau mit den Qigong-Übungen, sind, weiß die Joggerin nicht. Sie läuft weiter.

Das Motiv ist noch immer vollkommen unklar

Kirsten Sahling war ein Zufallsopfer, da sind sich die Kommissare Norma Neufindt und Thomas Scherhant ziemlich sicher. „Vermutlich hätte es auch die Joggerin treffen können“, sagt Scherhant. Die damals 34-Jährige hatte sich sofort bei der Polizei als Zeugin gemeldet und von der Begegnung mit dem Mann in Weiß berichtet. Auch wegen ihrer Aussagen über das Verhalten des Täters gehen die Kommissare nicht davon aus, dass Kirsten Sahling Opfer eines geplanten, zielgerichteten Mordes wurde. „Der Täter ist morgens mit einem Messer in den Wald gefahren, um irgendjemanden zu töten“, sagt der Chefermittler.

„Das Motiv ist bis heute vollkommen unklar“, sagt Scherhant. Ein Raubmord scheide aus, Hinweise auf eine sexuelle Motivation gebe es auch nicht. Der Mörder hat sich an seinem Opfer nicht vergangen. Auch ging den tödlichen Stichen keine Eskalation, kein Streit voraus. Kirsten Sahling und ihr Mörder standen offenbar in keinerlei Beziehung zueinander.

Die Aufklärungsquote bei Mord ist eine der höchsten im gesamten Ermittlungsspektrum der Polizei. Letztes Jahr lag sie bei 90,9 Prozent. In den allermeisten Fällen finden die Kommissare den Täter im Umfeld des Opfers, gab es eine „engere oder weitere Vorbeziehung“, wie die Polizei das nennt.

Fehlen die Anhaltspunkte dafür, wird es schwierig. Fehlt auch das Motiv, wird es noch schwieriger. Im Fall Kirsten Sahling fehlt auch noch die Mordwaffe.

Sofort stellt sich in solchen Fällen die Frage nach dem Ehemann. War er der Mörder oder sein Auftraggeber? Norma Neufindt schüttelt den Kopf. „Natürlich wurde anfangs auch in diese Richtung ermittelt. Aber Herrn Sahling konnten wir schnell ziemlich sicher ausschließen.“

Das Opfer Kirsten Sahling

Kirsten Sahling arbeitete an der Charité, auf dem Campus Benjamin Franklin. Als Psychologin in der Krebsabteilung. Eigentlich hatte sie einmal Krankenschwester gelernt. Dann erkrankte sie 1993 an Krebs. Sie überstand die Krankheit, als Therapie entdeckte sie neben der Schulmedizin Qigong für sich, eine chinesische Bewegungs- und Meditationsform. Sie studierte Psychologie, sie wollte anderen Krebspatienten helfen, mit der Krankheit umzugehen. Probleme mit Job, Kollegen oder Arbeitgeber gab es nicht.

Ihren Mann kannte Kirsten Sahling 2009 bereits 20 Jahre, 2001 hatten sie geheiratet. Er hatte ihr beigestanden in der Krankheit. Die Ehe war glücklich. Kinder hatten die Sahlings nicht.

Kirsten Sahling machte täglich vor der Arbeit ihre Qigong-Übungen. Unregelmäßig fuhr sie mit ihrem Mann am Wochenende zum Sport in den Spandauer Forst. Dort trennten sich stets ihre Wege. Sie machte ihre Übungen, er ging joggen.

Ihr Mann war ganz in der Nähe joggen

Auch am Morgen des 20. Juni machen die Sahlings es so. Ihr Mann ist nicht weit entfernt, als Kirsten Sahling niedergestochen wird. Ein anderer Jogger findet die Schwerverletzte auf dem Waldweg, auch er sieht kurz zuvor noch den weiß gekleideten Radfahrer, der ihm entgegenkommt. Der Zeuge ruft einen Krankenwagen, eine weitere Zeugin kümmert sich um die Sterbende.

Sehr jung sei der Mann mit dem Messer gewesen, sagt Kirsten Sahling zu der fremden Frau, die über ihr kniet und ihre Hand hält. Jung, mit weißer Kleidung und hellem, kurzen Haar. Sie habe ihn nicht gekannt. Kirsten Sahling sagt der Frau ihren Namen, auch ihre Telefonnummer. Doch die Frau hat nichts zu schreiben dabei. Sie ritzt die Nummer schließlich mit einem Ast in den Waldboden. Bevor Kirsten Sahling das Bewusstsein verliert, sagt sie den Zeugen auch, dass ihr Mann irgendwo im Wald sein muss, beim Joggen. „Sagen Sie meinem Mann, dass ich ihn liebe.“

Kirsten Sahling kommt danach nicht wieder zu sich. Sie stirbt wenig später an dem hohen Blutverlust im Krankenhaus.

An der weißen Kleidung gibt es keinen Zweifel

Die Täterbeschreibung der Polizei hat sich seither nicht verändert. 15 bis höchstens 25 Jahre alt, etwa 175 Zentimeter groß, schlank, mitteleuropäischer Typ, kurze Haare. Auffällig weiße Kleidung. Ein Mountainbike in Rot oder zumindest mit roten Bauteilen.

„Die Aussagen der Zeugen über den Täter stimmen überein“, sagt Norma Neufindt. „Sogar in ungewöhnlichen Details.“ An der weißen Kleidung gibt es demnach keinen Zweifel. Auch haben mehrere Zeugen offenbar gesagt, der junge Mann sei attraktiv gewesen oder habe nett ausgesehen.

Und es gibt das Video. Ganz in der Nähe des Tatorts, vielleicht ist es ein Kilometer Luftlinie, befindet sich das Evangelische Johannesstift, eine große soziale Stiftung mit rund 60 Häusern auf einer großen Anlage. Einer Anlage mit Pförtnerhäuschen und Videoüberwachung. Kamera 03 erfasste den Radfahrer. Kaum acht Sekunden ist der Film lang, noch dazu grobkörnig und Schwarz-Weiß. Ein Mann auf einem Rad biegt aus Richtung Forst auf das Stiftsgelände ein. Er ist ganz in Weiß gekleidet. Kamera 03 filmt ihn am Morgen des 20. Juni 2009, kurz nach der Tat, kurz nachdem ihn auf dem Weg zum Stiftsgelände eine weitere Zeugin auf dem Fahrrad gesehen hat.

Das Johannesstift rückte sofort in den Fokus der Ermittlungen

Für die Polizei ist deshalb schnell klar, dass hier Kirsten Sahlings mutmaßlicher Mörder gefilmt wurde. In den ersten Julitagen geben die Ermittler die Kamerabilder an die Öffentlichkeit, sie werden gedruckt, laufen im Fernsehen. Und führen doch zu keiner neuen Spur.

Die Qualität der Bilder ist so schlecht, dass auch heute, mit noch besserer Technik, etwa das Gesicht des Täters nicht erkennbar gemacht werden kann. „Wo keine Pixel sind, kann man keine herzaubern“, sagt Thomas Scherhant. Selbst wenn man am Computer versuchen wollte, die Gesichtszüge zu rekonstruieren, es wären doch nur Vermutungen, nichts Handfestes. Es gab auf dem Stiftsgelände auch eine Kamera, die noch näher an die Besucher heranzoomt. Auf ihr hätte das Gesicht des Radfahrers besser erkennbar sein müssen. Doch diese Kamera war am 20. Juni 2009 kaputt.

Trotzdem hat das Video den Kommissaren geholfen – etwa dabei, das Profil des Täters zu schärfen. „Der Mann fährt ohne zu schauen zügig auf das Gelände des Johannesstifts“, sagt Norma Neufindt. „Das spricht eindeutig dafür, dass er Ortskenntnisse hat.“ Der Mann kannte sich aus und war weiß gekleidet. Das Johannesstift rückte also sofort in den Fokus der Ermittlungen.

Die Fahndung

Nur wenige Stunden nach dem Mord an Kirsten Sahling wendet sich die Polizei das erste Mal an die Öffentlichkeit. Sie gibt die Täterbeschreibung heraus, bittet Zeugen, sich zu melden. Innerhalb eines Tages gehen die ersten zwei Dutzend Hinweise ein. Nach drei Tagen sind es 80. Nach vier Tagen 125, Mitte Juli knapp 400. Bis heute 945. Anteilnahme und Aufmerksamkeit für den Mord an der arglosen, auf den Bildern in den Zeitungen so sympathisch lächelnden jungen Frau sind riesig.

Jeder Hinweis muss von der Polizei erfasst werden. Wenn Zeugen Marsmännchen im Wald gesehen haben wollen, wird der Hinweis zwar als unbrauchbar eingestuft, aber dokumentiert werden muss er trotzdem. Manche Zeugen, die in den Tagen nach dem Mord in der Boulevardpresse zu Wort kommen, entpuppen sich als Hochstapler.

Den Hinweisen der Kategorie A gehen die Ermittler sofort nach, bei vielen anderen geht das erst später. Die Flut der Hinweise im Fall Sahling ist in den ersten Tagen so groß, dass sie kaum zu bewältigen ist. So gehen unzählige Meldungen zu roten Fahrrädern ein. Doch anders als bei einem Auto ist es bei Fahrrädern noch schwieriger ihre Besitzer, geschweige denn ihre Benutzer, ausfindig zu machen.

Schule, Schrebergärten, Wohngebiete werden kontrolliert

Zeitgleich werden die Zeugen vernommen. Verwandte, Freunde und Kollegen des Opfers. Ihr Ehemann. Das gesamte Umfeld von Kirsten Sahling wird nach Auffälligkeiten und einem möglichen Motiv abgeklopft. Die Tat wird rekonstruiert. Taucher suchen in den Tümpeln des Forstes, Hundertschaften auf dem Waldboden die Tatwaffe. Polizeihunde versuchen, die Fährte des Radfahrers aufzunehmen. 5000 Euro Belohnung für zielführende Hinweise werden ausgesetzt.

Das Johannesstift, seine rund 100 Mitarbeiter, die Bewohner und Patienten, sogar deren Besucher werden überprüft. Arbeitete der Weißgekleidete hier? War er wegen psychischer Probleme bei der Jugendhilfe in Behandlung? Besuchte er regelmäßig seine Oma im Altenheim? Auch andere Einrichtungen Spandaus, bei denen ein junger Mann in auffälliger Kleidung gearbeitet oder in Behandlung gewesen sein könnte, werden kontrolliert. Ebenso eine nahe gelegene Schule, Schrebergärten, Wohngebiete. Alle Männer einer bestimmten Altersstufe, die vor oder zum Tatzeitpunkt im Postleitzahlenbereich Spandauer Forst gemeldet waren.

Noch immer gehen Hinweise ein

Gut 3000 Personen haben die Ermittler in den vergangenen viereinhalb Jahren überprüft. Noch immer gehen Hinweise ein. Rund um den Jahrestag im Sommer seien es stets ein paar mehr als sonst, erzählen die Kommissare.

Ob die Polizei an der richtigen Stelle gesucht hat, kann sie natürlich nicht wissen. „Vielleicht lebte er damals schon in einer anderen Stadt“, sagt Norma Neufindt. „Vielleicht auch nur in einem anderen Bezirk. Vielleicht kannte er den Spandauer Forst nur von Besuchen dort gut.“ Es sei das Naheliegende, dem zuerst nachgegangen werden müsse, sagt Neufindt. Den wenigen Anknüpfungspunkten. „Wir gehen systematisch vor und können deshalb bestimmte Dinge ausschließen. Wenn wir von Ortskenntnis ausgehen, konzentrieren wir uns natürlich auf das Umfeld des Tatorts.“

Wieder wird eine junge Frau beim Sport im Wald erstochen

Auch vergleichen die Kommissare den Mord mit anderen Fällen. Sie suchen nach Parallelen, deutschlandweit. Als Mitte Juli in diesem Jahr in Nordwestmecklenburg wieder eine Joggerin erstochen wird, werden die Berliner Ermittler hellhörig. Wieder eine junge Frau, erst 29 Jahre alt. Wieder beim Sport im Wald. Ein Stich in den Hals tötet sie. Der Täter ist anhand von DNA-Spuren schnell gefunden. Ein polizeibekannter Sexualstraftäter aus Lübeck. Doch der Mann ist bereits 45 – und damit viel zu alt, um 2009 im Spandauer Forst in den Augen der Zeugen als Teenager durchgegangen zu sein.

Auch nach viereinhalb Jahren hoffen Norma Neufindt und Thomas Scherhant vor allem auf Zeugen. Auf jemanden, der bislang geschwiegen hat. „Vielleicht hat sich der Täter doch jemandem anvertraut“, sagt Scherhant. „Vielleicht hat er auch nur Andeutungen gemacht oder geprahlt, und man hat dem keine Bedeutung beigemessen. Wir hoffen sehr, dass sich in diesem Fall nun doch ein Zeuge ein Herz fasst und uns davon erzählt.“ Vielleicht hätten sich Zeugen bisher nicht getraut oder wollten niemanden anschwärzen. Vielleicht erscheine es auch zu banal, was man der Polizei zu sagen hat. „Auch vermeintlich Banales kann uns helfen“, sagt der Chefermittler.

Der Tatort im Spandauer Forst

Drei Birken stehen dort, wo Kirsten Sahling auf ihren Mörder traf. Im Jagen 31, wie der Abschnitt des Spandauer Forsts entlang des Tümpels namens Kuhlake heißt. Es ist ein Montagmorgen im Dezember 2013. Norma Neufindt und Thomas Scherhant waren schon lange nicht mehr hier, am Tatort. Die drei Birken habe sie sich 2009 gemerkt, um den Platz wiederzufinden, erzählt Neufindt. „Als ich damals hier eintraf, war Frau Sahling schon mit dem Rettungswagen weggebracht worden“, erinnert sich die Kommissarin. Nur das Flatterband der Polizei und Reste vom Verbandsmaterial der Rettungskräfte zeigten den Tatort an. Nicht mal Blutspuren habe es auf dem Waldweg gegeben.

„Ich war mindestens 100 Mal hier“, sagt Neufindt. „Da drüben haben wir auf der Lauer gelegen, weil wir gehofft haben, er käme noch einmal zum Tatort zurück.“ Sie zeigt auf Bäume und Gestrüpp in einiger Entfernung tiefer im Wald. In den Tagen nach der Tat sei es trotz schönen Wetters auffallend ruhig gewesen im Spandauer Forst. Den Spaziergängern und Freizeitsportlern war der Wald unheimlich geworden. An diesem nassen Herbsttag im Dezember 2013 sind sie längst wieder da. Trotz des Regens fahren Radler über die Waldwege, Senioren mit Walking-Stöcken eilen an den drei Birken vorbei.

Ein Gedenkstein im Wald für Kirsten Sahling

Über die Tat selbst wollen die Polizisten wenig sagen. Nicht, wie viele Stiche Kirsten Sahling töteten. Nicht, ob ihr Mörder frontal auf sie zugestürzt sein muss oder sie von hinten angriff. Das gehört zur Ermittlungstaktik. „Wir verraten natürlich nicht alles, was wir wissen“, sagt Thomas Scherhant. Sollten sie noch einmal einen Tatverdächtigen festnehmen und verhören können, ist es wichtig zu kontrollieren, was er aus der Zeitung wissen kann und was nicht.

Der Gedenkstein, den Kirsten Sahlings Mann im Wald aufstellen ließ, ein grob behauener Findling, hat Moos angesetzt. Er fällt im Wald zwischen Laub und Baumstämmen kaum mehr auf. Auf der Messingplatte steht wenig geschrieben. Ihr Name, Geburtsjahr, Todesjahr. Kein Absender, keine Erwähnung der Tat. Ein Kreuz, daneben die Worte: „Wer kann dich, Herr, verstehen“.