Sonniges Frühlingswetter an diesem Gründonnerstag, dem 11. April 1968. Die Berliner und die schon zahlreich angereisten Touristen freuen sich auf die bevorstehenden Ostertage. Auch der Verleger Axel Springer. Er, dessen Verlagshaus an der Kochstraße vor zwei Jahren eingeweiht worden war, kommt gerade aus Amerika zurück. Doch statt in Berlin zu landen, fliegt er auf eindringliches Anraten des Verfassungsschutzes gleich weiter in die Schweiz. In Sorge um die Sicherheit Springers.
An jenem Gründonnerstag gegen 16 Uhr treffen am Kurfürstendamm nahe der Joachim-Friedrich-Straße drei Kugeln den 28-jährigen Rudi Dutschke. Der Anführer der Berliner Außerparlamentarischen Opposition (APO) und Chefideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wird bei dem Mordanschlag an Kopf und Brust schwer verletzt. Abgefeuert hat die Kugeln der 23-jährige Bauhilfsarbeiter Josef Bachmann. Weil er sich als Leser der „Bild“-Zeitung aus dem Hause Springer bekennt, ist für die linke Protestbewegung klar: „Bild hat mitgeschossen.“

Es ist der Beginn der Osterunruhen
Das Attentat, von der Berliner Morgenpost* als „heimtückisch, niederträchtig und abscheulich“ verurteilt, führt nach einer Protestversammlung in der Technischen Universität (TU) gegen 22 Uhr zum Sturm auf das Verlagshaus an der Mauer. Parolen wie „Springer-Mörder!“ oder „Zwei-Drei Vietnam – fangen wir bei Springer an!“ werden skandiert. Nur mit Mühe können Polizei draußen und Drucker drinnen das Einbrechen der Demonstranten in Berlins größtes Zeitungshaus verhindern. Aber auf dem Parkplatz gegenüber werden Autos in Brand gesetzt, um die Auslieferung der „Springer-Zeitungen“ zu verhindern.
Es ist der Beginn der Osterunruhen, Höhepunkt der Konfrontation zwischen der vornehmlich von Studenten getragenen APO und Springer samt dessen Zeitungen. Der letztlich unversöhnliche Kampf hatte zwei Wurzeln. Da war einmal die Markt- und damit meinungsbeherrschende Macht der Springer-Zeitungen „B.Z.“, „Bild“, „Die Welt“ und Berliner Morgenpost in der Stadt. Zwei Drittel aller in West-Berlin erscheinenden Zeitungen kamen aus dem Haus Springer. Zusätzlich befeuert wurde die Protestbewegung durch die strikt anti-kommunistische Position des „Zeitungs-Zaren“. Die Kampagne gegen ihn gipfelte zunächst in der – letztlich erfolglosen – Aktion „Enteignet Springer“; mitinitiiert und mitfinanziert, wie inzwischen unstrittig belegt, durch das SED-Regime in Ost-Berlin.
Die zweite Wurzel war der sich entwickelnde Anti-Amerikanismus. Er speiste sich vor allem aus dem Vietnam-Krieg. In ihm wurden aus Sicht der APO die viel beschworenen westlichen Freiheitswerte durch die brutale Kriegsführung der US-Armee auch gegen die Zivilbevölkerung verraten. Dieser Protest weitete sich aus zur Fundamentalkritik am westlichen politischen System. Dabei stieß die APO trotz zunehmender Gewaltbereitschaft auf wachsenden Zulauf in der Studentenschaft. Das galt vor allem nach dem brutalen Polizeieinsatz gegen die Anti-Schah-Demonstrationen, an deren Ende der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 von einem Kriminalbeamten erschossen wurde. Ein traumatisches Ereignis, das Studenten und die Mächtigen in der Stadt endgültig zu unversöhnlichen Feinden machte.

Die Zeitungen haben wenig Verständnis für die Proteste
Zu den Mächtigen zählt auch Axel Springer. Seine Zeitungen haben wenig Verständnis für die Proteste. Für die von ihnen immer öfter ausgehende Gewalt schon gar nicht. Auch der Anti-Amerikanismus stößt in den Springer-Blättern auf unnachsichtige Kritik. Aus naheliegendem Grund. Sicherheit und Freiheit West-Berlins hängen mitten im Kalten Krieg zwischen West und Ost allein von der Schutzmacht Amerika und deren in der „Frontstadt“ stationierten Soldaten ab. Und für Springers unbeirrbares Festhalten an der Wiedervereinigung haben seine Feinde längst nur noch Hohn und Spott übrig. Die überwiegende Mehrheit der West-Berliner ist dagegen eins mit Springer. So werden „Bild“, „B.Z.“ und Morgenpost zu „Lautsprechern“ für die Mehrheit der Menschen in der insularen Halbstadt.
Dabei gehen beide Seiten hart zur Sache. Die eine gewaltsam, die andere verbal. Dabei langen vor allem „Bild“ und „B.Z.“ kräftig zu. So empfiehlt Erstere schon mal, „Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglichen Grips locker zu machen.“ Und die „B.Z.“ kommentiert: „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen...“ Auch die Berliner Morgenpost ist nicht zimperlich. Ihr Chefkommentator schreibt damals: „Hier geht es nicht mehr um ein gesundes Unbehagen der Jugend an unserer Gesellschaft, (....) sondern um einen eiskalten Missbrauch solcher Vorhaben zum Zwecke der kommunistischen Verschwörung gegen unsere Stadt.“ In einem anderen Meinungsbeitrag heißt es: „Die antiparlamentarische Opposition ist nicht nur kommunistisch manipuliert, sie ist stalinistisch. Sie predigt, übt und rechtfertigt Gewalt.“
All das geht an dem Verleger, dem entgegen landläufiger Meinung durchaus sensible Züge nachgesagt werden, nicht spurlos vorüber. Einer seiner engen Weggefährten, der Journalist Claus Jacobi, schreibt in seiner Springer-Biografie, nach den Osterunruhen habe sich der Verleger selbstkritisch gefragt, „ob er vielleicht wirklich als vernagelter Antikommunist die Welt verzerrt betrachtet habe.“ Doch ein paar Monate später sieht sich Axel Springer bestätigt: Im August 1968 wälzen sowjetische Panzer den „Prager Frühling“ und damit Alexander Dubceks „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in der Tschechoslowakei brutal nieder.
Und noch einmal, da war Axel Springer schon vier Jahre tot, behält er in einer seiner Glaubensfragen, die so lange für töricht gehalten wurde, recht: Deutschlands Wiedervereinigung. „Das Dumme an der Sachen ist ja, der in meinen Augen naive Axel hat Recht behalten“, zitiert Jacobi „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Auch der zählte lange zu den scharfen Springer-Kritikern.
* Die Berliner Morgenpost erscheint heute nicht mehr im Springer-Verlag, sondern in der Funke Mediengruppe.


