50 Jahre 1968

Gretchen Dutschke: Chaoten in der Rigaer machen mich sauer

Die Witwe von Studentenführer Rudi Dutschke ist 50 Jahre nach 1968 stolz auf Deutschland. Von gewaltsamem Protest hält sie wenig.

Gretchen Dutschke in ihrer Wohnung in Berlin

Gretchen Dutschke in ihrer Wohnung in Berlin

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Sie ist die Frau, die große Liebe, des großen 68ers Rudi Dutschke – des legendären Studentenführers, der Deutschland revolutionieren wollte und 1979 an den Spätfolgen eines rechtsextremistischen Attentats starb. 76 Jahre alt ist die gebürtige Amerikanerin Gretchen Dutschke mittlerweile. Sie lebt seit einigen Jahren wieder in Berlin, in einem alternativen Wohnprojekt im Ortsteil Friedrichshain – nur Frauen dürfen hier Wohnungen kaufen. „Männer können hier aber natürlich mit wohnen“, sagt die zierliche Frau und lacht. Am Klingelschild steht ihr Mädchenname: Klotz.

Vor 50 Jahren wurde sie an der Seite von Rudi Dutschke zu einem der Gesichter der 68er-Bewegung, die die Idee einer antiautoritären Gesellschaft verfolgte. Sie lernte Dutschke, Galionsfigur des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), im Sommer 1964 in einem Berliner Café kennen, 1966 heirateten sie und bekamen drei Kinder: Hosea-Che, Polly-Nicole und Rudi-Marek, erzählt Gretchen Dutschke heute.

Im Bücherregal hinter ihr stehen die „Minima Moralia“ des Philosophen und Gesellschaftskritikers Theodor W. Adorno, daneben das Buch „Der Medicus“, ein Foto ihrer drei Enkel, die in Berlin leben und einige Biografien über ihren Mann Rudi. Eine ist von ihr verfasst. Im März hat sie ein weiteres Buch veröffentlicht: „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“ (kursbuch.edition, 224 Seiten, 22 Euro), in dem sie auf die Erfolge der Bewegung zurückblickt. Man kann sagen, Gretchen Dutschke ist so etwas wie die Nachlassverwalterin ihres allzu früh verstorbenen Mannes.

In ihrer Wohnung selbst erinnert nicht mehr viel an die revolutionären Tage von damals. Doch nur einen Kilometer von ihrem Wohnort entfernt – in der Rigaer Straße – wird noch heute die Revolution geübt. Dort soll der Kapitalismus weiterhin zertrümmert werden, fliegen Steine auf Polizeiwagen. Denn ihr ausgerufenes Ziel, die kapitalistische Gesellschaftsordnung abzuschaffen, hat die 68er-Bewegung nie erreichen können. Dennoch scheint Gretchen Dutschke nicht verbittert wie andere ehemalige Köpfe der Bewegung, die in Extreme abgerutscht sind, wie etwa der RAF-Anwalt Horst Mahler, der später Rechtsextremist wurde. Oder die heute im Dschungelcamp auftreten wie das ehemalige Mitglied der Kommune I, Rainer Langhans.

Mit gefalteten Händen sitzt sie am Esstisch ihrer kleinen Friedrichshainer Wohnung. Zwei Spangen halten ihr schulterlanges Haar. Anders als in den Kommunen, in denen Rudi Dutschke und sie eine kurze Zeit lebten, sind die Schuhe heute auszuziehen. Sie trägt rote Wollsocken. Bevor sie auf Fragen antwortet, ihr amerikanischer Akzent die Wörter färbt – das „r“ rollt sie immer noch wie in ihrer Heimat Illinois –, überlegt Dutschke lange, wägt ihre Wort genau ab.

Den Kapitalismus konnten sie nicht abschaffen, Frau Dutschke. Hat die 68er-Bewegung also versagt?

„Sie haben Recht: Das System war vorher kapitalistisch und danach – wir haben die wirtschaftlichen Strukturen nicht ändern können. Auch den Sozialismus haben wir immer abgelehnt, weil wir gesehen haben, wie er die Ostblockstaaten zu Grunde richtete. Aber es war eine Kulturrevolution. Und eine Kulturrevolution ist auch eine Revolution.“

Was haben sie denn konkret erreicht?

„Wir haben einen anderen Blick auf Deutschland ermöglicht. Es war die Transformation von einem immer noch naziverseuchten Land in eine lebendige Demokratie – das ist das Verdienst der 68er. Wir haben massenhaft die Kultur des Gehorsams in Deutschland aufgebrochen.“

Die Demokratisierung der Gesellschaft, das sei der rote Faden gewesen, der die „anti-autoritäre Revolution“ zusammengehalten habe. Was die bürgerliche Revolution im Jahr 1848 begonnen hatte, das führten die 68er als demokratische Revolution zu Ende, schreibt sie. Aus der Studentenrevolution, angeführt von ihrem Mann Rudi Dutschke, entwickelten sich später unzählige Bürgerinitiativen, in ihr hatte auch die Anti-Atomkraftbewegung ihren Ursprung, und auch die Frauenbewegung erhielt durch die 68er neuen Schub.

Sie provoziert in linken Kreisen

Auf dieses dadurch entstandene „demokratische, freie, weltoffene Deutschland könne heute jeder Bürger stolz sein“, schreibt sie in ihrem Buch. Eine Provokation in linken Kreisen. Stolz auf Deutschland: das gilt als verpönt. Zu sehr ist die deutsche Geschichte geprägt von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, vom Holocaust. Gretchen Dutschke interpretiert ihren Stolz anders. „Ich sage, wir sollten auf dieses Deutschland stolz sein, das wir nach der Nazizeit aufgebaut haben“, erklärt sie. Ihr Begriff von Stolz richtet sich auch an die, die ihn ihrer Meinung nach missbrauchen: die Rechten, die Nationalisten. „Es geht nicht darum, dass jemand darauf stolz sein soll, wo er geboren wurde, niemand kann etwas dafür – wie kann man darauf stolz sein? Da ist ja absurd“, sagt sie. Ihre sonst ruhige Stimme erhebt sich.

Dass sie wieder in Deutschland lebt, stolz ist auf dieses Land, auf das Erreichte, das heißt nicht, dass sie heute zufrieden ist mit der Welt. Sie liest täglich Zeitung, verfolgt die Nachrichten über das Internet. Sie geht demonstrieren – nach wie vor. War im letzten Jahr bei einem „Women’s March“ in Berlin – einer Demonstration, die sich in der ganzen Welt gegen die Politik der Regierung von US-Präsident Donald Trump richtet. Rosa Hüte trugen dort alle, sogenannte Pussy Hats. Gretchen Dutschke hatte keinen bei sich, deshalb setzte sie kurzerhand eine rosa Perücke auf. Eine Revolutionärin steckt immer noch in ihr. Allerdings will sie selbst lieber nicht so genannt werden. Wenn sie Menschen auf der Straße erkennen, ist ihr das manchmal etwas unangenehm. Anders als ihr Mann Rudi Dutschke war sie nie eine Lautsprecherin, eine starke Meinung hat sie dennoch.

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Frau Dutschke, was sind denn die drängendsten Probleme heutzutage?

„Umweltzerstörung ist wahrscheinlich das größte Problem. Wo keine Umwelt mehr ist, kann auch kein Mensch existieren. Es muss also eine Revolution geben, in der die Wirtschaft nachhaltiger wird, die Zerstörung der Umwelt aufhört. Außerdem geht die Schere von arm und reich immer weiter auseinander. Die ganze Idee von Kapitalismus, dass immer alles wachsen muss, ist ein riesiges Problem heute. Der Platz ist einfach begrenzt.“

Was muss dafür passieren?

„Es muss eine weltweite Bewegung entstehen, die die Strukturen von Politik und Wirtschaft ändert, die die Macht der großen Konzerne bricht.Widerstand ist immer ein Teil der Idee von Demokratie.“

Wenn die Probleme aus ihrer Sicht so drängen, warum gibt es heute keine neue 68er-Bewegung?

„So etwas kann ganz schnell gehen. Anfang der 60er wurde die Jugend als völlig unpolitisch bezeichnet – wie heute. Einige Jahre später startete genau diese Generation die 68er-Bewegung , die die ganze Gesellschaft verändern sollte. Der Unterschied zu früher ist aber, dass wir in Deutschland nicht mehr in einem autoritären Staat leben. Im Gegenteil, nun haben wir mit der AfD eine Gegenbewegung, die den freiheitlichen Staat ablehnt.“

Mitglieder der Kommune I wären heute „Influencer“

Auch um die Dringlichkeit einer neuen Protestbewegung fassbar zu machen, zieht Gretchen Dutschke in ihrem Buch viele Vergleiche in die heutige Zeit. Die Bewohner der legendären Kommune I, die sich in freier Liebe und unpolitischen Guerilla-Aktionen übten, bezeichnet sie als „Influencer“: Kommunarden wie Rainer Langhans wären heute Youtube-Stars, die Millionen Zuschauer bei ihren Aktionen hätten. Von einem zitiert sie den wunderbar entlarvenden Satz: „Was geht mich Vietnam an, ich habe Orgasmusschwierigkeiten?!“

Ein Wendepunkt in der 68er-Bewegung war der Tod des Studenten Benno Ohnesorg: Der damals 26-Jährige, der seine erste Demo überhaupt besuchte, wurde am 2. Juni 1967 von einem Polizisten bei Protesten gegen den persischen Schah erschossen. Dutschke deutet das Ereignis so: Die „massive Desinformations- und Vertuschungskampagne seitens des Staates“ seien nichts anderes als „Fake News“ gewesen. Die Lügen in den Tagen nach Ohnesorgs Tod hätten – so tragisch der Anlass selbst war – der Protestbewegung neuen Antrieb gegeben.

Gretchen Dutschke distanziert sich von Gewalt

Von Gewalt seitens der Protestierenden aber distanziert sich Dutschke heute weitgehend: Während ihr Mann Rudi Dutschke anfangs noch propagierte, die „Konfrontation mit der Staatsgewalt“ sei „zu suchen und unbedingt erforderlich“, so sollte er später mehr und mehr von Gewalt als Protestmittel abrücken. Die RAF und andere militante Gruppierungen, die sich vom SDS abspalteten, beschreibt seine Frau in ihrem Buch als „sektiererhafte Absonderung von der politischen Bewegung“. Sie führten in eine politische Sackgasse.

In einer ähnlichen Sackgasse sieht sie heutige links-extremistische Protestgruppen wie die Aktivisten, die in der Rigaer Straße immer wieder für Chaos sorgen. Erst kürzlich griffen sie wieder Polizeifahrzeuge an, die in der Straße patrouillierten. Dutschke zeigt wenig Verständnis für die Extremen, die sich zumindest zu Teilen als Nachfolger der revolutionären 68er-Bewegung sehen.

„Das Problem dieser Leute ist, dass sie nicht in einen Dialog mit den Menschen treten wollen – sie diskutieren nicht, sondern stoßen andere weg“, sagt sie und überlegt einen Moment. „Das macht mich schon sauer.“

Es bleibt ein kaum auflösbarer Wiederspruch in ihren Positionen

Auch vor 50 Jahren flogen Steine und Molotowcocktails: Die Osterkrawalle, die 1968 auf das rechtsextremistische Attentat des Hilfsarbeiters Josef Erwin Bachmann auf Rudi Dutschke folgten, stellten den Höhepunkt der studentischen Protestbewegung dar. Etwa 2000 Demonstranten versuchten damals, das Springerhochhaus in Kreuzberg zu stürmen, nur ein starkes Polizeiaufgebot konnte das verhindern. Allerdings, so schreibt es Gretchen Dutschke, seien dies Reaktionen auf den repressiven Staatsapparat gewesen.

Es bleibt allerdings ein Widerspruch zu ihrer heutigen Position, der sich kaum auflösen lässt, wenn sie über die Gewalt der heutigen Protestler sagt: „Ich kann nicht verstehen, warum diese Leute das tun – das ist keine Revolution, das ist …“, sagt sie und stockt. Sucht nach Worten. „Das ist nicht mehr als Blockade – man ändert so nicht die Gesellschaft.“

Protest, so sagt es Gretchen Dutschke, muss sich erklären, muss verständlich sein. „Wofür kämpfen diese Leute? Man weiß das nicht mal!“ Die erste Aufgabe von Revolutionären sei es, Menschen zu überzeugen, dass sich etwas ändern muss. Sie hofft deshalb auf eine neue linke Sammlungsbewegung, die ähnlich dem SDS in den 60er-Jahren die verschiedenen linken Strömungen verbindet.

Dutschke: Die Kritik am Kapitalismus bleibe berechtigt

Denn bei allem Stolz auf das Erreichte, bei aller Kritik an gewaltsamem Protestformen bleibe die Kritik der 68er am Kapitalismus berechtigt. Es könne im Kapitalismus keine vollständige Demokratie geben, schreibt Dutschke.

Wie allerdings ein neues System aussehen soll, darauf fehlte schon den 68ern die letztgültige Antwort, und diese Antwort bleibt auch Gretchen Dutschke heute schuldig. Einen weithin akzeptierten Gesellschaftsentwurf abseits von Kapitalismus und den sozialistischen Systemen der ehemaligen Ostblockstaaten zu entwickeln, ist bislang schlicht nicht gelungen. „Die Kritik der 68er an dem
globalen Wirtschaftssystem bleibt gültig, auch wenn das Ziel nach all den historischen Erfahrungen nicht mehr Sozialismus heißen muss“, schreibt sie. Ein neues System zu entwickeln, schließt Gretchen Dutschke im Buch, das sei nun die Aufgabe einer neuen Generation: „Jetzt sind die Jungen dran!“

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