50 Jahre 1968

Der Tag, an dem Benno Ohnesorg starb

Mit dem Schuss auf einen Demonstranten an der Deutschen Oper am 2. Juni 1967 begann die heiße Phase der Studentenproteste.

Die Studentin Friederike Hausmann kümmert sich um den angeschossenen Benno Ohnesorg. Mehrere Fotografen hielten diese Szene fest, die zum Symbol der Studentenproteste wurde

Die Studentin Friederike Hausmann kümmert sich um den angeschossenen Benno Ohnesorg. Mehrere Fotografen hielten diese Szene fest, die zum Symbol der Studentenproteste wurde

Foto: akg-images / Henschel / akg-images

Berlin.  Am Tatort selbst erinnert nichts an ihn. Auf dem nüchternen Parkplatz in Charlottenburg, Krumme Straße 66, starb am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg durch den Schuss eines Polizisten in den Kopf. Sein Tod markiert den Beginn der „68er-Jahre“, in der aus Studentenprotesten Radikalisierung und Revolte wurden bis hin zu Terrorismus und Tod. Er markiert aber auch die Zeit, in der sich das Land, die Gesellschaft, das politische Bewusstsein massiv veränderten, weil es um Freiheit ging, um Demokratie, Bildungsreformen und die Aufarbeitung des bis dahin weithin beschwiegenen Nationalsozialismus.

Heute trennt ein massiver Stahlzaun den einstigen Tatort vom Bürgersteig, wo eine Erklärtafel steht. Der Zaun soll vielleicht Schaulustige abhalten, die nach wie vor herkommen, vermutet Uwe Dannenbaum, 76 Jahre alt, der an jenem Abend dabei war. Viele Jahre arbeitete er als Reporter für die Berliner Morgenpost. An jenem Abend war er, 25 Jahre alt, als Volontär der „B. Z.“ an den Schauplatz der Gewalt geschickt worden, als Verstärkung seiner Kollegen. An dem Tag war die Gewalt zwischen Demons­tranten und Polizei heftig eskaliert. Es wurde auch für Dannenbaum ein Datum, das vieles veränderte, „auch wenn mir das erst später klar wurde“.

Eine junge Frau hält den Kopf des angeschossenen Ohnesorg

Dannenbaums Bilderserie zeigt Ohnesorg ein letztes Mal stehend, dann tödlich verletzt am Boden, daneben ein Polizist, der fassungslos in die Kamera schaut. Nicht er hat geschossen, sondern ein Kriminalbeamter in Zivil – Karl-Heinz Kurras, von dem sich später herausstellt, dass er ein Stasi-Agent war. Es folgt das berühmte Bild einer jungen Frau, kniend auf dem Boden, sie hält den Kopf des angeschossenen Ohnesorg.

Die Geschichte um den Studenten Ohnesorg und seinen Todesschützen gehört zu den meisterzählten jener Zeit. Weil sie als Fanal der Studentenproteste gilt. Weil der darauffolgende politische Skandal zeigte, wie ungeübt das Land in Sachen Demokratie noch war, und wie viel „alte Zöpfe“ noch abgeschnitten werden mussten, nicht nur in den Universitäten, wo die Proteste begannen. Dannenbaum nennt die Ereignisse „ein Lehrstück“, für Politik, Polizei und Journalisten. Für alle, die diesen Teil der deutschen Geschichte verstehen wollen.

Wie also hat alles angefangen? Für jenen Freitag, den 2. Juni 1967, sind in Berlin Sommerwetter und 22 Grad angekündigt, schreibt die Berliner Morgenpost auf ihrer Titelseite. Darüber kündigt sie groß an: „Persiens Kaiserpaar ist 24 Stunden lang Ehrengast in Berlin.“ Schon zuvor sind Schah Reza Pahlavi und seine Frau Farah in Bonn und in München mit allen Ehren empfangen worden – und mit großen Protesten. Etwas kleiner ist der Bericht der Morgenpost über Schüsse an der Berliner Mauer – am Übergang Invalidenstraße haben DDR-Grenzer auf einen Flüchtenden geschossen. Kalter Krieg in Berlin.

Streit um Schah-Besuch

Über den Besuch des Kaiserpaars wird in Deutschland seit Tagen gestritten. Wegen des pompösen Empfangs für den umstrittenen Herrscher, wegen des massiven Polizeiaufwands. In Bonn darf wegen der Absperrungen sogar der Bundesinnenminister nicht auf die Autobahn, in Berlin sind mehr als 5000 Polizisten im Einsatz. Geplant sind Besuche im Schloss Bellevue und im Rathaus Schöneberg. Für die Kaiserin soll es eine Modenschau geben.

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Schon am Vortag sind aber auch bis zu 4000 Menschen zu einem schah-kritischen Vortrag des iranischen Schriftstellers Bahman Nirumand in die FU gekommen, der Menschenrechtsverletzungen und Folter in seiner Heimat anprangert. Unter den Besuchern ist auch Benno Ohnesorg, der an der FU studiert, um Lehrer zu werden. Er ist Pazifist, gegen die Aufrüstung und die zunehmende Polizeigewalt. Nach dem Vortrag beschließt er wie viele andere, am Folgetag gegen den Schah zu demonstrieren.

Am Freitag soll sich der Schah im Schöneberger Rathaus ins Goldene Buch eintragen. Empfangen wird er gegen zwölf Uhr von rund 2000 neugierigen Berlinern, Demonstranten mit Anti-Schah-Transparenten, aber auch von Anhängern mit dessen Porträts auf massiven Holzlatten. Einige dieser „Jubelperser“, wie sie später genannt werden, sind eigens eingeflogen und bezahlt worden. Der Radiosender Rias berichtet, wie die Perser, von der Polizei ungehindert, mit Latten auf Demonstranten losgehen. Festgenommen werden lediglich Demonstranten. Entsprechend aufgeheizt ist die Stimmung, als am Abend eine weitere Demonstration stattfindet.

Als Reza Pahlavi gegen 20 Uhr mit seiner Frau Farah und dem damaligen Regierenden Bürgermeister Berlins, Heinrich Albertz (SPD), an der Oper eintrifft, um die „Zauberflöte“ zu sehen, fliegen von der anderen Straßenseite Tomaten, Eier und Steine, es gibt eine Straßenschlacht samt Wasserwerfern.

Doch die Gäste erreichen das Haus unversehrt. Während hinter ihnen eilig die Türen verriegelt werden und die Vorstellung beginnt, startet auf der Straße ein anderes Programm. Unter dem internen Motto „Füchse jagen“ machen Zivilpolizisten Jagd auf mutmaßliche Rädelsführer unter den Demonstranten.

Etwa zu diesem Zeitpunkt, erinnert sich Uwe Dannenbaum, muss er an jenem Abend an der Oper angekommen sein. „Demonstranten und Polizisten standen sich gegenüber. Es gab Rufe, Parolen, dann flogen auch wieder einige Steine.“ Seine Bilder zeigen jedoch nicht, was man heute von solchen Demos erwartet: keine Vermummten, keine mit Schilden und Kampfmonturen bewehrten Polizisten.

Stattdessen sieht man auf einem Foto zwei Männer in hellen Anzügen, die einen weiteren Mann, ebenfalls im Anzug, ergreifen. „Der polizeiliche Staatsschutz setzte damals sogenannte Greifer ein, Beamte in Zivil“, sagt Dannenbaum. Auch die Demons­tranten tragen Anzüge und Kleider. Lange Haare und Jeans als Ausdruck des Protests kommen in Berlin erst später auf. Als die anderen Demonstranten vor den „Greifern“ auf den Parkplatz an der Krummen Straße 66 flüchten, läuft Dannenbaum, die Kamera in der Hand, einfach hinterher.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, was dann geschah. Der Hof ist damals wie heute ein harmloser Alltagsort – ein überbauter Platz unter einem Wohnhaus. Einen Hinterausgang gibt es nicht. Dannenbaums Bilder zeigen Gedrängel, Männer schauen mit besorgten Mienen ins Nichts. Es dämmert, die Sommerzeit gibt es damals noch nicht. Auf dem Hof entwickelt sich eine wüste Schlägerei, erinnert sich Dannenbaum. „Es war eng, jeder gegen jeden, es gab richtige Prügel­exzesse, Demonstranten mit Regenschirmen gegen Polizisten, Polizisten mit Schlagstock.“ Dazwischen stehen mehrere Reporter mit Kameras. Dannenbaum fotografiert mit einer Exakta Varex. Das Blitzgerät erhellt vieles, was die Beteiligten nicht sehen.

Dannenbaum ist kein Fotograf, er will Polizeireporter werden. „Ich habe einfach draufgehalten in dem Gefühl, es passiert etwas, das man dokumentieren muss.“ Den Knall, den er gegen 20.30 Uhr hört, nimmt er wahr, jedoch nicht unbedingt als Schuss. Den Schützen sieht man auf keinem der vielen Bilder, die an diesem Abend entstehen, in Aktion.

Genauer Tathergang bis heute unbekannt

Was war geschehen? Bis heute weiß man es nicht genau, trotz aller Bilder und Zeugen. Vom Abend selbst gibt es unterschiedliche Darstellungen. Ein Polizist in Uniform soll Kurras angeblafft haben: „Bist du verrückt, hier zu schießen?“ Kurras selbst habe gestammelt: „Die … die ist mir losgegangen!“ Einige Zeugen meinen, das Mündungsfeuer gesehen zu haben, doch ein Sachverständiger ermittelt beim Prozess in einem Test, dass sie dafür viel zu weit weg standen.

Ohnesorg wird gegen 20.50 Uhr im Krankenwagen abtransportiert, Reporter Dannenbaum macht davon seine letzten Bilder, sucht ein Taxi, um seine Filme schnell in die Redaktion zu schicken. Dass der Knall, den er hörte, ein Schuss war, erfährt er erst viel später. Am nächsten Morgen melden die Zeitungen zunächst, Ohnesorg sei im Krankenhaus an einer Schädelfraktur gestorben. So lautet die Information durch die Polizei. Im Krankenhaus Moabit wird dem Toten noch in der Nacht ein Stück des Schädels als Beweis entfernt, die Kugel ist von hinten eingedrungen. Doch das Beweisstück verschwindet trotz der späteren Nachsuche für immer.

Die Schuldigen stehen für die Politik und viele Medien fest. Der Tote und die zahlreichen Verletzten des Abends gingen auf das Konto „einiger Dutzend Demonstranten, darunter auch Studenten“, heißt es in einer Erklärung des Regierenden Bürgermeisters. Heinrich Albertz habe sich „durch Augenschein überzeugt, dass sich die Polizei bis an die Grenzen der Zumutbarkeit zurückgehalten“ habe – später weiß man, dass das nicht stimmen konnte. Statt aufzuklären, wird als Erstes ein Demonstrationsverbot erlassen.

Auch dies ist Teil der Geschichte: Wie Ohnesorgs Tod zum politischen Skandal wurde, in dessen Folge er Polizeichef, der Innensenator und auch der damalige Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz zurücktreten – und die Studentenproteste eskalieren. Angeheizt durch die Todesnachricht und auch durch die Boulevardpresse, die Partei nimmt gegen die „grölenden Radikalinskis“. Als am 8. Juni der Leichnam Ohnesorgs nach Hannover überführt wird, versammeln sich am Grenzübergang Dreilinden mehrere Tausend Menschen. Auf dem Kudamm wird weiter demons­triert.

Schütze Kurras wird in zwei Prozessen freigesprochen

Der Schütze Kurras wird in zwei Prozessen freigesprochen, auch deswegen, weil Polizisten falsch aussagen. Auch ein drittes Verfahren, das die Generalbundesanwaltschaft 2009 nach Kurras’ Enttarnung als Stasi-Agent einleitet, erbringt dazu kein neues Ergebnis.

Was man weiß ist, dass Kurras begeisterter Schütze war – und vor Gericht dreist log. Die Messer, die er bei Demonstranten gesehen haben wollte, die angeblichen Warnschüsse, es gab sie nicht. Dass er im Auftrag der Stasi schoss, konnte nicht bewiesen werden, weil die Akten vernichtet wurden.

Der 2. Juni 1967 wird zum Wendepunkt der Proteste, die auch Reporter Uwe Dannenbaum weiter als Polizeireporter begleitet. Er dokumentiert Steine werfende Demonstranten, aber auch Polizisten, die zurückwerfen. Er zeigt die erschreckte Berliner Bevölkerung, die nicht versteht, wieso die Demonstranten die USA angreifen, die in Vietnam Krieg führt. „Die USA war ja die Schutzmacht West-Berlins.“ Als Dannenbaum 1975 zur Berliner Morgenpost wechselt, ist sein erstes Thema die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz. Die Entführer, eine Terrorgruppe, nennt sich „Bewegung 2. Juni“.

Wie schwer die Aufarbeitung lange fiel, zeigt ein Detail: 1971 schuf der österreichische Künstler Alfred Hrdlicka ein eindrückliches Relief unter dem Eindruck des Todes von Benno Ohnesorg. Möglich, dass auch Dannenbaums Bilder dabei Modell waren. Doch erst 1990 konnte es vor der Deutschen Oper aufgehängt werden. Die Berliner Polizei legte 2007 erstmals einen Kranz zum Gedenken nieder – 40 Jahre, nachdem Benno Ohnesorg starb.

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