Vor 50 Jahren

In Berlin sind die Ereignisse von 1968 fast unsichtbar

Wo fielen die Schüsse, wo wurde gekämpft? Im Berliner Stadtbild erinnert nur noch wenig an die Geschehnisse von 1968.

Ingo Juchler, geboren 1962 in Mannheim, ist seit 2010 Professor für Politische Bildung an der Universität Potsdam

Ingo Juchler, geboren 1962 in Mannheim, ist seit 2010 Professor für Politische Bildung an der Universität Potsdam

Foto: Reto Klar

Es ist kaum noch zu sehen, aber es ist da: das Wort „DUB-ČEK“. Auf der Rückseite der Staatsbibliothek Unter den Linden kann man sie bis heute lesen, sechs Buchstaben und einen Bindestrich. In panischer Eile hingepinselt hat sie in der Nacht des 21. August 1968 der 18-jährige Frank Havemann. Sein gleichaltriger Freund Hans Uszkureit stand Schmiere. Schon am Schiffbauerdamm wurden die beiden Söhne hochrangiger DDR-Persönlichkeiten von der Polizei aufgegriffen. Nicht etwa wegen Sachbeschädigung oder konkreter Poesie an Hochschulfassaden. Wer sich mit Alexander Dubček solidarisch zeigte, der Leitfigur des Prager Frühlings, der war für die DDR ein Staatsfeind. Das hieß: Stasigefängnis.

Man kann auch noch gut erkennen, dass die Staatsmacht damals vergeblich versuchte, das Graffito mit schlammgrüner Farbe zu übertünchen. Der weiße Schriftzug kam trotzdem immer wieder durch. Vielleicht hatte der Kapitalismus nicht die besseren Argumente, so doch offenbar die besseren Pigmente, denn: „Hans Uszkureit sagte mir, er und Havemann hätten Farbe aus dem Westen verwendet, und dass das deshalb nicht wegzukriegen war“, erzählt der Potsdamer Politikprofessor Ingo Juchler. Bevor das Wissen um die Berliner Ereignisse von 1968 doch noch völlig verblasst, dachte sich Juchler, will er einen Stadtführer schreiben, der solche historischen Orte versammelt. Archivmaterial zumindest für den Ostteil Berlins sei rar, wie er sagt, deshalb traf er für seine Recherche Menschen, die damals mittendrin und ganz vorne dabei waren.

Es beginnt im Jahr 1966 vor dem Amerika Haus

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte“ versammelt 28 Orte, an denen Menschen schossen, kämpften, ohrfeigten und dichteten. Wo sie verbotene Texte verteilten und neue Formen des Zusammenlebens ausprobierten. „Berlin war ja der Mittelpunkt der westdeutschen Studentenbewegung“, sagt Juchler. „Aber die meisten Publikationen konzentrieren sich nur auf West-Berlin, wenn es um 1968 geht. Ich wollte in meinem Buch zeigen, dass es im Zuge der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der ČSSR im August 1968 dann auch zu Protesten in Ost-Berlin kam. Dass es auch ein ‘68 in Ost-Berlin gab“.

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Angenehmerweise kommt Juchler dabei ohne missionarischen Eifer aus. Jeweils auf einer historisch bebilderten Doppelseite und in chronologischer Reihenfolge informiert er kurz und sachlich über einen Schauplatz und was sich dort ereignete. Das beginnt 1966 vor dem Amerika Haus mit der ersten Demonstration von Studenten der Freien Universität gegen den Vietnamkrieg und endet 1970 mit der bewaffneten Befreiung Andreas Baaders in der Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in der Miquelstraße, der heutigen Bernadottestraße – also mit der Gründung der RAF.

Dazwischen: das Attentat auf Rudi Dutschke am Kurfürstendamm 141 am Gründonnerstag 1968. Die anschließenden Ausschreitungen am Axel-Springer-Hochhaus. Und die Ohrfeige, die die 29-jährige Beate Klarsfeld auf dem CDU-Parteitag in der Kongresshalle, dem heutigen Haus der Kulturen der Welt, dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger verpasste, mit den Worten „Nazi, Nazi, Nazi“.

Wer Ingo Juchler begegnet, hat jemanden vor sich, der Orte mit liebevoller Begeisterung durch die Geschichtsbrille sieht. Wir treffen uns an der Potsdamer Universität, Standort Griebnitzsee. Draußen stehen lebensgroße Rotkäppchen-Skulpturen, die den unbedarften Besucher schon etwas irritieren mit ihrer monströsen Niedlichkeit. Juchler erklärt freundlich, dass das Gebäude einiges mit der Farbe Rot zu tun hat: Dass nämlich dieses Haus während der Nazidiktatur als Präsidial- und Verwaltungsgebäude des Deutschen Roten Kreuzes erbaut wurde, dass später die Rote Armee einzog und dann die DDR hier ihre staatstreuen Führungskräfte an der „Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft“ ausbildete. Die Eleganz des über drei Etagen reichenden Lichthofs ist ein Traum für jeden Fotografen.

Das ist ja immer die Frage: Ändert das Wissen um die Vergangenheit die Aura eines Ortes? „Ich glaube schon an so etwas wie den Genius Loci, zumindest als Ausgangspunkt“, sagt Juchler. „Aber ich muss da natürlich eine geistige Leistung vollziehen, denn bloß wenn ich dort bin, erfahre ich ja noch nicht so viel. Das Ganze muss unterfüttert werden mit Geschichten. Und diese Geschichten werden umso intensiver wahrgenommen und bleiben auch eher im Gedächtnis, wenn sie mit so einer Örtlichkeit verbunden werden und den Personen, die dort gehandelt haben.“

Juchler sieht das ganz pädagogisch, denn er unterrichtet ja angehende Lehrerinnen und Lehrer für Politische Bildung. Er ist davon überzeugt, dass ein Ort mehr sagt als tausend Aufsätze, und arbeitet darauf hin, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrkräften „außerschulische politische Lernorte“ besuchen, wie das offiziell heißt. Laut Rahmenlehrplan sollten solche Exkursionen regelmäßig auf dem Programm stehen. Meistens seien das Landtage, der Bundestag oder das Bundesfinanzministerium. „Es ist nicht so, dass ich finde, man muss überall eine Gedenktafel anbringen“, sagt Juchler. „Aber die Frage stellt sich doch: Wo in Berlin stolpert man denn überhaupt noch über die 68er-Bewegung?“

Nun, da gibt es schon ein bisschen etwas. Seit 2012 erinnert eine Stele an die Dubček-Aktion von Havemann und Uszkureit. Seit ein paar Jahren kreuzt die Rudi-Dutschke-Straße die Axel-Springer-Straße in Kreuzberg. Es gibt auch eine Dutschke-Gedenktafel am Kurfürstendamm, wo ein Rechtsradikaler auf den Studentenführer geschossen hatte. Zu Ehren des von einem Polizisten ermordeten Studenten Benno Ohnesorg errichtete man 1990 an der Deutschen Oper Alfred Hrdlickas Bronzerelief „Der Tod des Demonstranten“. Zurzeit wird darüber diskutiert, den kleinen Shakespeare-Park in Benno-Ohnesorg-Park umzubenennen. „Ansonsten aber“, so Juchlers nüchterne Bilanz, „ist die Studentenbewegung von 1968 aus dem Stadtraum verschwunden.“

Warum eigentlich? Und warum hält er die Erinnerung an die Studentenrevolte für so wichtig? „Wir haben ja sehr viele Erinnerungsorte in Berlin. Aber was mir fehlt, ist etwas, das die eigenen Wurzeln aufzeigt, das verdeutlicht, wie wir dort hingekommen sind, wo wir heute als Staat und Gesellschaft stehen.“ Je nach politischem Lager sieht das freilich nicht jeder so, dass hier Linke geehrt werden sollen. Juchler spricht von teilweise offen gezeigter Herablassung mancher Politiker gegenüber der Studentenrevolte, als gehöre das Thema nicht zur deutschen Geschichte.

Er führt aber immerhin derzeit Gespräche mit der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung, um ein Konzept für Gedenkorte zu entwickeln, die an vier „demokratische Aufbrüche“ in Berlin erinnern: „Das sind diese Kämpfe seit der Aufklärung, mit dem Höhepunkt 1848. Oder auch 1918/19, auch das ist eine völlig vernachlässigte Revolution in der Wahrnehmung. Da wurde ja tatsächlich die Monarchie abgeschafft und durch eine Republik ersetzt. Ohne die Leiden, die da auch geschehen sind, kleinreden zu wollen: Da kommen wir her.“ Es gab dann noch die Revolte von 1968 und schließlich die Friedliche Revolution von 1989/90.

Berlin hat viele Erfahrungen mit Aufständen

Das Erbe von 1968 aber hält Juchler für besonders unterschätzt. „Daraus hat sich so vieles von dem entwickelt, das für das Selbstverständnis der heutigen Bundesrepublik grundlegend ist, von der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit über die Reflexion althergebrachter Hierarchien bis zum Umdenken im Geschlechterverhältnis.“ Auch wenn bei Letzterem angesichts der Machokultur vieler Linker erst einmal noch eine „Revolte in der Revolte“ nötig gewesen sei.

Berlin und Revolte, das gehört jedenfalls auch für den kühl forschenden Professor zusammen. Von den vier großen Aufständen seit 1848 in Berlin sei 1968 jedoch eine Ausnahme: Sie ging nicht vom proletarischen Osten, sondern hauptsächlich vom bürgerlichen Westen der Stadt aus. Juchler zitiert die Liedermacherin Bettina Wegner, die „richtig traurig und enttäuscht“ darüber gewesen sei, dass sich „von den Demonstranten in West-Berlin niemand für den Osten interessiert hat“.

Doch es existierten auch Verbindungen. Juchler zeichnet akribisch nach, wie Ideen über Schlüsselfiguren und mehr oder weniger konspirative Orte zwischen Ost und West hin und her wanderten: Wenn etwa Wolf Biermann in seiner Wohnung in der Chausseestraße seine Lieder vor Freunden sang, die diese dann auf Band aufnahmen und auf ihren Demonstrationen im Westen abspielten.

Oder, was weniger bekannt ist: Wenn sich im Haus der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger in Rahnsdorf – „die war so ein bisschen geschützt, weil sie mit einem ehemaligen Spanienkämpfer verheiratet war“ – nicht nur die junge Opposition aus dem Osten traf, darunter auch Frank Havemann und Hans Uszkureit, sondern ab Januar 1968 auch Mitglieder der Kommune I: Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann. „Da entstand die Idee, auch in Ost-Berlin eine Kommune zu gründen, in der Samariterstraße.“ Es mag Zufall sein, sagt Juchler dann noch, „aber die Samariterstraße kreuzt ein paar Meter weiter die Rigaer Straße, wo heute ja auch unkonventionelle Wohnprojekte gelebt werden“. Manche Orte Berlins scheinen selbst so etwas wie ein Gedächtnis zu haben.

Und was hat es denn nun mit dem Rotkäppchen auf sich, das vor Juchlers Arbeitsstätte, dem Uni-Campus Griebnitzsee, so enigmatisch herumsteht? 2011 hat es die Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“, inspiriert von einer Porzellanfigur aus den 30er-Jahren, als Bronzefigur aufgestellt. Warum hebt Rotkäppchen den Zeigefinger? „Für mich heißt das: Wir sollten wachsam sein auch gegenüber den Dingen, die wir nicht sehen. Die zweifellos da sind, aber ohne dass sie, wie bei George Orwell oder in der heutigen Türkei, repressiv auftreten. Die uns dazu bringen, unsere persönlichsten Daten preiszugeben. Wir leben ja in einem Rechtsstaat, in einer Demokratie, und trotzdem sollte man aufpassen.“ Wenn man näher herangeht, sieht man auf Rotkäppchens Sockel die Pfotenabdrücke, und Rotkäppchens Rock ist an einer Stelle eingedrückt. Der Wolf ist da, aber er ist unsichtbar, man sieht nur seine Spuren.

Das Buch

West-Berlin war einer der Brennpunkte der internationalen Studentenrevolte.

Ingo Juchlers Buch verfolgt die Ereignisse von der ersten Anti-Vietnamkriegs-Demo vor dem Amerika Haus in der Hardenbergstraße, über die Erschießung Benno Ohnesorgs an der Deutschen Oper bis zur Befreiung des späteren RAF-Terroristen Andreas Baader.

Aber er nimmt auch die Protestaktionen in Ost-Berlin in den Blick, die sich vor allem gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei richteten.

Ingo Juchler, 1968 in Berlin. Schauplätze der Revolte. Ein historischer Stadtführer. Be.bra Verlag Berlin, 112 S., 38 Abb., 14 Euro

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