1968 ist in vielerlei Hinsicht das Jahr, in dem die kindlich-naiven Sixties erwachsen werden. Kaufhaus-Brandstiftung, politisch motivierte Morde, Studenten- und Arbeiter-Revolte auf den Straßen von Paris und die Schrecken des Vietnamkriegs verdunkeln den Blick durch rosarote Brillen einer allgegenwärtigen Hippie-Seligkeit in Warenwerbung, Illustrierten und auf den Plattenhüllencovern zunehmend drogenorientierter Rockbands.
Wirtschaftlich hoffen die Bundesbürger auf ein gutes Jahr. Und die Zahlen stehen nicht schlecht. Die Konjunkturkrise scheint überwunden. Die Arbeitslosenquote sinkt bis Ende Februar um 30 Prozent. Zum Angstbegriff wird aber die „Automation“. 1,55 Millionen Menschen werden 1968 wegen der Umstellung auf elektronisch gesteuerte Produktion ihren Job verlieren.

Beim Pro-Kopf-Einkommen liegt die Bundesrepublik weltweit an vierter Stelle. 1206 DM verdient ein männlicher Angestellter im Schnitt. Im Geschäft zahlt er für 250 Gramm Butter 1,96 DM. Ein Liter Normalbenzin kostet ihn 62 Pfennig. Angesichts dessen steckt die Industrie immer mehr Geld in die Werbung und verbreitet auf allen Kanälen ihre Slogans: „Mitgemacht– Bargeld lacht“ fordert Shell, „Schluss mit der Fettfrisur“ verspricht Schwarzkopf und Sinalco-Kola kommt den Kids durchgeknallt-psychedelisch: „So jung war noch keine Jugend wie diese“.
Als neue Regelung wird die Mehrwertsteuer auf zehn Prozent festgesetzt. Pfiffige Händler schlagen den Satz ganz unverfroren auf den bisherigen Preis, in dem sich bereits der Prozentsatz der alten Umsatzsteuer befindet.
Während vor dem Landgericht Aachen der sogenannte Contergan-Prozess gegen sieben Manager des Pharmaunternehmens Chemie Grünenthal beginnt, werden in der DDR fünf neue Strafrechtsgesetze verabschiedet. Auf Sabotage und „landesverräterischen Treubruch“ steht demnach Tod durch Erschießen. Homosexualität unter Erwachsenen ist zukünftig straffrei. Neonazis und Mitglieder der bundesdeutschen NPD, die bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent in diesem Jahr ihr bestes Ergebnis erzielen wird, dürfen nicht mehr durch DDR-Gebiet reisen.
Weit folgenreicher ist die neueste Schikane aus Ost-Berlin: Für die Fahrt durch die DDR müssen ab Juni Visumsanträge ausgefüllt werden. Die DDR kassiert dafür je fünf DM. Lange Wartezeiten und kilometerlange Autoschlangen, etwa in Helmstedt, sind die Folge.

In West-Berlin ist seit Oktober 1967 Klaus Schütz Regierender Bürgermeister. Er folgte Heinrich Albertz, der an den Folgen der eskalierten Demonstrationen während des Schahbesuchs gescheitert war. Zudem hatte sich gezeigt, dass Albertz kein Willy Brandt war. Der hatte noch eine heillos zerstrittene lokale SPD zusammengehalten, war aber 1966 vom Schöneberger Rathaus nach Bonn ins Amt des Außenministers gewechselt.
Das zurückliegende Jahr hatte Berlin erschüttert. Erneut. Diese Stadt, in der zwei Weltkriege ihren Anfang genommen hatten, schien auf furchtbare Weise ein Ort menschenverachtender Gewalt zu bleiben. Vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961, der Tötung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967: Immer waren große politische Umwälzungen die Folge. Immer wieder galt: Schicksalsstadt Berlin.
James Bond im Kino, Karate-Emma im TV
1,1 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt der DDR, 2,2 Millionen im Westteil. Im Westen, wo am 2. Oktober 1967 zwischen Hakenfelde und Bahnhof Zoo die letzte Straßenbahn gerollt war, verdichten sich die Prestigeobjekte. Kunstbeflissene steuern seit September 1967 das Brücke Museum am Dahlemer Bussardsteig an. In Tiergarten erhält der Deutsche Widerstand am 24. Jahrestag des Hitler-Attentats, dem 20. Juli 1968, mit der Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße ein Dokumentationszentrum. Nach drei Jahren Bauzeit eröffnet im September die Neue Nationalgalerie. 1200 Gäste sind geladen. Ganzer Stolz der Stadt wird im Oktober das Klinikum der Freien Universität Berlin in Steglitz. Der 302-Millionen-Bau ist das größte Forschungs- und Behandlungszentrum Europas. In elf Teilkliniken stehen 1426 Betten, im Einsatz sind 355 Ärzte. Die Berliner nennen es bald abgekürzt das „Klinikum Steglitz“.

Was heute das Videotheken-Sterben ist, war 1968 der Publikumsschwund in den Kinos. Im Jahr, als das fünfte James Bond-Spektakel „Man lebt nur zweimal“ aus dem September 1967 noch immer Platz sieben der beliebtesten Filme belegt, Nancy Sinatra die Titelmelodie „You only live twice“ schnurrt, Uschi Glas in einem für sie raren, coolen Streifen spielt – die Schwabing-Story „Zur Sache Schätzchen“ –, und das intergalaktische Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ Cineasten und Kiffer verzückt, müssen 458 Filmtheater dichtmachen. Eine Vorstellung kostet durchschnittlich 2,90 DM.

Der freizügige Umgang mit dem Thema Sex, der die 60er-Jahre prägt, ist im Kino, wie überhaupt in den bundesdeutschen Medien, unübersehbar. Oswalt Kolles Aufklärungsfilm „Das Wunder der Liebe“ avanciert zum Publikumserfolg und bekommt umgehend einen zweiten Teil. Magazin-Cover zeigen nackte Herren- und Damen-Popos („stern“). Verführerische Hippie-Girls verheißen gewagte Titelgeschichten wie „Liebe unter LSD“ und sogar „Sex bei Axel Springer“ (beide „Konkret“). Die Show-Trophäe „Bambi“ geht in diesem Jahr an die forsche Wienerin mit dem Hollywood-Gesicht, Senta Berger. Nur die Männer dürfen noch die verschlafenen 50er-Jahre verkörpern: Als deutscher Star wird Heinz Rühmann ausgezeichnet.

Weit lieber als im Kino sitzen die West-Deutschen allerdings vor dem Fernseher. Highlights sind „Mit Schirm, Charme und Melone“ und Wolfgang Menges „Stahlnetz“-Straßenfeger. Die Sendendezeit des „Beat-Club“ im Ersten Deutschen Fernsehen wird um 30 Minuten auf eine Stunde verlängert. Moderatorin Uschi Nerke sagt dort Legenden wie The Doors, Beach Boys und The Who an. Die Tageszeitung „Die Welt“ findet die Show zwar „unerträglich für das Auge“, was aber, wie vieles in jenen Jahren, gewiss eher eine Generationsfrage ist. Bei der monatlichen Ausstrahlung schalten jedenfalls fünf Millionen westdeutsche Kids und noch einmal so viele in DDR und Ausland ein. Das Boulevardblatt „Bild“ zeigt sich trotzdem wenig beeindruckt und titelt: „Uschis Rock zu kurz?“
Für weit ernstere Aufregung sorgt der „Internationale Frühschoppen“, als dort „stern“-Chef Henri Nannen dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke „Trottelhaftigkeit“ vorwirft und inmitten einer längst nicht abgeschlossenen Aufarbeitung deutscher NS-Verbrechen die Diskussion um das Staatsoberhaupt befeuert. Lübke soll unter den Nazis am Bau von Konzentrationslagern beteiligt gewesen sein. Passenderweise ist eine Studie zu Nationalsozialismus, Führerkult und Verdrängung der Sachbuch-Hit des Jahres. Das Ehepaar Margarete und Alexander Mitscherlich steht mit „Die Unfähigkeit zu trauern“ ganz oben auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Ein anderes Buch wird verboten: Der Bundesgerichtshof untersagt die Veröffentlichung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Die fiktive Figur des Hendrik Höfgen, Karrierist in Nazi-Deutschland, erinnere allzu sehr an Schauspieler Gustaf Gründgens.

In den USA beschäftigt sich dagegen selbst die Populärkultur mit dem historischen Erbe des Landes. Die Anti-Rassismusfilme „In der Hitze der Nacht“ und „Rat mal, wer zum Essen kommt“ stehen auf der Gewinnerliste der Oscar-Nacht – drei Tage nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr. Sein Tod wird ebenso wie die Ermordung Robert Kennedys im Juni und das Massaker von US-Soldaten an 507 Einwohnern des südvietnamesischen Bauerndorfs My Lai Kern eines nationalen Traumas werden, das die USA bis heute verfolgt.
In Berlin kommt es am Jahresende neuerlich zu einem Eklat, der in der ganzen Republik wahrgenommen wird. Studentenbewegte Demonstranten unterbrechen Heiligabend in der Gedächtniskirche den Gottesdienst, eine Christus-Statue stürzt um, ein Plakat wird entrollt. „Ihr Heuchler“ ist darauf zu lesen. Jugend, Protest und ein Angriff auf bürgerliche Tradition: Es ist ein zorniger, ein treffender Abschluss des Schicksalsjahres 1968.


