Als 1961 die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kommen, nimmt Cemalettin Cetin sie in Empfang. Er fährt in Berlin zum Bahnhof Zoo, nach Tempelhof und nach Tegel, um die Menschen zu begrüßen. Cetin will ihnen helfen, sich in diesem Land zu orientieren. Er selbst lebt hier schon seit zwei Jahren und kennt sich in der Stadt gut aus.

Cemalettin Cetin nimmt für sich in Anspruch, der erste türkische Gastarbeiter in Deutschland gewesen zu sein. Überhaupt mag er gerne Superlative. 1964 gründete er den ersten türkischen Arbeitnehmerverein in Berlin. „Ich sah diese Menschen und dachte, sie haben noch nie eine Fabrik gesehen, sie haben nie ohne ihre Familie gelebt, die meisten sind Analphabeten, wie sollen sie sich hier zurechtfinden?“ Mit vielen verschiedenen Firmen habe er zusammengearbeitet, mit Borsig, mit Telefunken und mit Siemens, erzählt er. Auch als Kennedy am Nachmittag des 26. Juni 1963 seine deutlich weniger beachtete Rede im Henry-Ford-Bau der Freien Universität hält, nimmt Cetin eine Sonderrolle ein. „Ich war der einzige Türke im Raum“, behauptet er heute stolz von sich.

Triumph der Demokratie

Eigentlich war er in Ludwigshafen gelandet. Der türkische Staatschef war zum Deutschlandbesuch gekommen, Cetin begleitete ihn. Als Korrespondent für die türkische Zeitung Aksam. Was als kurzer Besuch geplant war, dauerte schließlich acht Monate. Er beschäftigt sich mit Deutschland, bewundert, wie schnell man wieder aufbaut, wie man überall das neue Deutschland spüren kann. Nur eine Sache versteht er damals nicht. „Wieso ist Berlin immer noch getrennt?“

Da Cemalettin Cetin ein Mann der Tat ist, steigt er in den Zug, um es herauszufinden. „Ich wollte diese Stadt unbedingt selbst sehen.“ Der Krieg, so sagt er, sei doch beendet worden. Die Stadt verdiene es, wieder eins zu sein.

Mit diesen Hoffnungen erlebt er auch den 26. Juni 1963. Wie für die anderen Journalisten beginnt auch für ihn der Tag im Pressezentrum in der Heidelberger Straße. Dann geht es mit dem Bus hinter der Kolonne her. Cetin beobachtet beglückt, wie die Menschen in seiner Wahlheimat sich um Kennedy reißen. „Das war ein Tag, den die Geschichte nicht vergessen kann“, sagt er heute. „Das deutsche Volk erlebte in diesem Moment den Triumph seiner Demokratie.“

jul