Zeitzeugen

Wie Flüchtlinge bei Kennedy lernten, was Freiheit bedeutet

Die Geschwister Dagmar und Norbert Giesen waren Flüchtlinge. Ihre Mutter wollte unbedingt mit ihnen zu der Rede von John F. Kennedy. Erst später fanden sie heraus, warum ihr die Rede so wichtig war.

Foto: Massimo Rodari

Den Tag des Kennedy-Besuchs wird wohl kaum ein Kind vergessen. Schon allein deswegen nicht, weil alle schulfrei bekommen hatten. Allerdings konnten Dagmar Giesen und ihr Bruder Norbert am 26. Juni 1963 trotzdem nicht ausschlafen. Ihre Mutter weckte sie schon morgens ganz früh. Kennedy war im Anflug und Frau Giesen wollte ihn sehen. Mit ihren Kindern. Warum, das wurde anscheinend nicht groß besprochen. Aber, sagt Norbert Giesen heute: „Es war vollkommen klar, da gehen wir hin.“

Zu Fuß ging es also los, ob Busse oder Bahnen nicht fuhren, das wissen die Geschwister heute nicht mehr. Sie wohnten in Wilmersdorf, der Weg war also recht weit bis zum Rathaus Schöneberg. Aber irgendwie muss ihnen die historische Dimension bewusst gewesen sein. Denn beide erinnern sich nicht mehr daran, über den langen Marsch gemeckert zu haben, obwohl sie damals sehr ungern zu Fuß gingen. Was sie noch wissen, war die Stimmung an diesem Tag. „Die ganze Stadt war im Aufbruch“, erzählt Norbert Giesen.

Eine bekannte Broschüre

Dagmar war damals 16 Jahre alt, Norbert 13. Wie jede Familie, besonders die in den Zeiten des Umbruchs, hatten auch die Giesens ihre Geheimnisse. Geschichten der Eltern, die die Kinder erst viel später erfahren. Und so wussten sie damals nicht, warum ihre Mutter unbedingt dabei sein wollte, wenn der amerikanische Präsident die eine Hälfte der geteilten Stadt besuchte. Nur, dass es eine große Bedeutung hatte, das hatten sie verstanden.

Es gibt eine Broschüre, die fast jeder besitzt, der am 26. Juni 1963 in Berlin lebte. „Ein großer Tag in der Geschichte unsere Stadt“ heißt sie. Den Namen John F. Kennedy musste man gar nicht erwähnen, bei dem Titel wusste ohnehin jeder, worum es ging. In der Mitte dieser Broschüre ist ein großes Wimmelbild mit all den Menschen, die die wohl berühmteste Rede, die je ein Politiker gehalten hat, live miterlebten. Am rechten unteren Bildrand sieht man die Giesens. Die Mutter mit dem Fotoapparat, hinter ihr die winkende Dagmar, dann Norbert. Alle schauen in die Kamera und lachen.

Großer Andrang vor dem Schöneberger Rathaus

Die Familie stand ganz vorne. Sie waren ja auch mit die Ersten, die an diesem Tag vor dem Schöneberger Rathaus Stellung bezogen. Nach und nach drängten immer mehr Menschen auf den Platz, der damals noch nach dem ersten Schöneberger Bürgermeister Rudolph Wilde benannt war. Immer wieder liefen Wellenbewegungen durch die Menge. Wie eng die Menschen standen, das kann man heute noch gut auf dem Bild sehen. Trotzdem schienen alle euphorisch. Auch auf den Balkonen standen jetzt die Leute und warteten darauf, dass John F. Kennedy erscheint und zu ihnen spricht. Je mehr kommen, desto ausgefallener werden ihre Aufenthaltsplätze. Die ersten kletterten die Straßenlaternen hoch, andere eroberten die Dächer. Rund 450.000 sollen es am Ende werden.

Zu dem Zeitpunkt hatten schon beide Kinder Englisch-Unterricht in der Schule. Dagmars Freundin war ein großer Kennedy-Fan, sie sammelte alles, was die deutschen Illustrierten über den amerikanischen Präsidenten hergaben. „Wir waren begeistert von den USA“, erzählt sie. „Vom Amerika-Haus gab es regelmäßig Rätsel, wer die löste, konnte einen Studienaufenthalt in den Staaten gewinnen. Meine Freundin und ich haben da ständig mitgemacht, hatten auch sehr viel richtig, haben aber leider nie was gewonnen. Aber dadurch waren wir mit der amerikanischen Geschichte sehr vertraut.“

„Spüre Dröhnen bis heute“

Als um kurz nach 13 Uhr der US-Präsident die eigens errichtete Tribüne betrat, setzte ein unfassbarer Jubel ein. Die Kinder konnten der Ansprache folgen, sie wurde ja übersetzt. Aber was Dagmar Giesen noch besser in Erinnerung bleiben wird, das war die Friedensglocke, deren Läuten nach der Ansprache erschallte. „Dieses Dröhnen“, sagt sie, „wie das über die Menschen hinwegging, das spüre ich heute noch.“

Und etwas anderes noch wird Dagmar Giesen an diesem Tag bewusst. Was es bedeutet, freiwillig zu jubeln. „Zu Kennedy sind wir hingegangen, vorher mussten wir zu Politikern marschieren.“ Die Giesens nämlich stammen eigentlich aus Potsdam. Dagmar Giesen wurde 1947 geboren, die ersten Jahre der DDR waren ihre ersten Jahren in der Grundschule. „Ich war ein Außenseiter in der Klasse“, erinnert sie sich, „weil ich als Einzige nicht bei den Pionieren war.“ Die Eltern wehrten sich gegen die sozialistische Erziehung des Kindes. „Wenn es ans Marschieren ging, dann haben mich meine Eltern in ein besonders schönes Kleidchen gesteckt.“ Die Giesens sind evangelisch und haben auch vor, es zu bleiben.

Widerstand gegen das Regime

Wie schwer den Eltern der Widerstand gegen das neue Regime gefallen sein musste, wussten die Kinder damals nicht. Den Sommerurlaub 1958 verbrachte die Familie an der Ostsee. Die Großmutter rief an und erzählte, dass die Staatssicherheit wieder einmal das Haus durchsucht habe. Da müssen die Eltern beschlossen haben, nicht nach Potsdam zurückzukehren. Auf der Heimfahrt hieß es auf einmal: „Kinder, steigt aus, wir sind da.“ Seitdem lebt die Familie in West-Berlin.

Erst vor zwei Jahren haben die Geschwister den eigentlichen Fluchtgrund entdeckt. Sie fanden ihn in den Kisten, die die Mutter ihnen hinterlassen hatte. Sie reimten ihn sich zusammen aus alten Zeitungsartikeln und Dokumenten. 1945, nach dem Krieg, waren die Eltern in die SPD eingetreten. Schon ein Jahr später wurde die Partei zusammen mit der kommunistischen Partei, der KPD, zwangsvereinigt und es entstand die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die SED.

Zu diesem Zeitpunkt leitete ihr Vater die Verwaltung der Potsdamer Friedhöfe. Doch es kam zu einem Parteiverfahren gegen ihn. Giesen wurde vorgeworfen, auf Traueranzeigen Kreuze zugelassen zu haben, er habe seine Beiträge nicht gezahlt und es hieß, die Mutter habe gesagt: „Wenn ich blau sehe, sehe ich rot.“ Sie habe also Kritik an der SED geübt. Aus dem Genosse Giesen wurde der Kollege Giesen. „Im Frühjahr 58 haben sie ihn dann rausgeschmissen.“ Der Druck durch die Stasi erhöhte sich danach. Deswegen flohen die Eltern 1958. Sie traten wieder in die SPD ein.

Mutter war Schülerin des Grauen Klosters

Noch eine andere Geschichte erfuhren die Giesens erst nach dem Tod der Mutter. Auch sie hat etwas damit zu tun, warum es so wichtig war, mit den Kindern den Mann zu sehen, der für die Freiheit stand. Die Mutter nämlich war bei der Machtergreifung der Nazis eine Schülerin des Grauen Klosters. 1935 noch hatte ihr Vater wegen seines Einsatzes im Ersten Weltkrieg ein Kriegsverdienstkreuz von Adolf Hitler bekommen, erzählt Norbert Giesen. Aber dann beschlossen die Nationalsozialisten, dass der Großvater ein „getaufter Jude“ war. Und dass seine Tochter, die „Halb-Jüdin“ deswegen das Berliner Elitegymnasium nicht mehr besuchen dürfe. Der Großvater starb in Ausschwitz, die Mutter versteckte sich in Caputh. Als sie selber Kinder bekam, schwieg sie über dieses Kapitel der Familiengeschichte. „Wir haben immer nur über Fragmente geredet“, sagt Norbert Giesen heute.

Aber die Mutter hat jemand anderen ihre Geschichte erzählt. Einer jungen Wissenschaftlerin, die über die Geschichte des Grauen Klosters promovierte. Als die Mutter in ein Altersheim umziehen musste, da fand die Tochter die Doktorarbeit mit zehn Seiten aus dem Leben der Mutter, anonymisiert. „Das war die Generation“, sagen die Geschwister.

Doch auch ohne diese Geschichten wäre der 26. Juni immer in ihrer Erinnerung geblieben. Wie viele Berliner, so hatte auch Dagmar Angst vor einer Verschärfung der Situation. „Das war ja auch kurz vorher das Ultimatum, da hat man den ollen Chruschtschow gesehen, wie er mit dem Schuh rumfuchtelt, wir hatten Angst, dass es zu einem neuen Weltkrieg kommt.“ Und auch wenn der die Sorge seiner Schwester nicht ganz nachvollziehen kann, so hat auch Norbert damals durch Kennedy eine Sicherheit verspürt. „Da kam jemand und hat Berlin nicht mehr alleine gelassen.“

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