Zeitzeugen

Nur eine Armlänge trennte Berlinerin von John F. Kennedy

Marietta Memmert verlor wegen der Mauer eine gute Freundin. John F. Kennedy war derjenige, der ihr wieder Hoffnung gab. Durch ihn verstand die Berlinerin damals, was Freiheit eigentlich bedeutet.

Foto: Marion / Marion Hunger

Eine Armlänge. Man kann es auf dem Foto genau erkennen. Eine einzige Armlänge eines zugegebenermaßen etwas längeren Arms trennt Marietta von der Hand des amerikanischen Präsidenten. Die Distanz ist deswegen so genau berechenbar, weil die Frau, die sich im entscheidenden Moment vor das Mädchen gedrängt hat, auch ihren Arm ausstreckt. „Wenn die reizende Dame“, sagt Marietta Memmert heute, mit deutlicher Betonung auf dem ‚reizend‘, „Wenn die reizende Dame da nicht gewesen wäre, dann hätte ich ihm auch die Hand geschüttelt.“

Aber egal. Das bisschen Geschubse kann Marietta Memmert nicht die Erinnerung an diesen Tag trüben. Und so ist sie trotz der Bemerkung sehr stolz auf dieses Bild, das deutlich dokumentiert, wie nah sie dran war am historischen Ereignis. Das Foto übrigens hat sie erst Jahre später in die Hand bekommen. 1984 war das. Ein Kollege bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Verkehr, wie es damals noch hieß, drückte ihr eines Tages ein Heftchen in die Hand. „,Guck dir die mal an’, hat der bloß gesagt, und ist wieder gegangen“, erzählt Marietta Memmert. Später kam er wieder und fragte, ob sie etwas entdeckt habe. „,Ja, sag’ ich, das eine Foto hier, da bin ich drauf.‘“

Zu Hause in Neukölln

Marietta Memmert sitzt in ihrem Wohnzimmer am Kiehlufer in Neukölln. Sie trägt ein türkisfarbenes Salwar Kameez, vermutlich aus Kirgisistan, da war ihr Mann öfter auf Geschäftsreise. Die Welt ist ihr nicht fremd, das war schon so, als sie noch ein junges Mädchen war. Direkt vor ihrem Haus nämlich hat sich Weltgeschichte abgespielt. Marietta Memmert, damals hieß sie noch Kaiser, ist hier in der Gegend aufgewachsen, gleich um die Ecke, an der Bouchéstraße.

Eines Morgens im August, als sie aus dem Fenster blickt um zu prüfen, was das Wetter bietet, da steht vor ihrer Haustür ein Panzer. Marietta erschrickt, sie weckt die Eltern, die wollen ihr erst nicht glauben. Aber dann sehen sie es selbst: Soldaten rollen Stacheldraht aus, eine Mauer wird gebaut. Die Stadt ist geteilt, ab diesem Tag unüberwindbar, für viele Jahrzehnte. Die Kaffeetafel für ihren 13. Geburtstag, drei Tage später, die deckt sie nach längerer Verhandlung mit den Volkspolizisten kurz entschlossen auf der Mauerkrone, erzählt sie. So feiert sie trotz der Teilung der Stadt mit der Freundin aus der Onkenstraße/Ecke Harzerstraße, dem Ostteil der Stadt. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Freundin sieht.

Politik war für die Familie stets wichtig

Bei Kaisers wird viel über Politik gesprochen. „Meine Familie war sehr darauf bedacht, dass ich auch wirklich alles erfahre.“ Natürlich gibt es auch Leute, die es nicht gut fanden, dass John F. Kennedy nach Berlin kommen wollte. „Die gibt es heute noch“, sagt Marietta Memmert. Aber die hat sie noch nie ernst genommen. „Zur damaligen Zeit wurde ja viel von der Stasi gelenkt“, sagt sie. Gegendemonstrationen seien geplant, so erzählten sich die Leute auf der Straße. Gesehen hat man dann aber keine. „Die wären auch gar nicht zum Zuge gekommen“, ist Marietta Memmert überzeugt. Einmal hat sie mit jemand gestritten, der sich lieber einen anderen Besuch gewünscht hätte. „Dem habe ich gesagt, wenn ein anderer gekommen wäre, dann könntest Du jetzt nicht so Deinen Mund aufmachen.“

Marietta Memmerts Schule, die Elbe Schule auf der anderen Seite des Kanals, bereitet ihre Schüler gut vor auf den großen Tag. Es werden Buttons verteilt, damit die Jugendlichen Zutritt zu den extra für sie abgeteilten Zonen erhalten, der Zugweg der Kolonne wird diskutiert, und wer sich wo hinstellen wolle, um den besten Blick auf den Besucher aus Amerika zu erhaschen.

Die 14-Jährige und ihre Freundin entscheiden sich für die Kochstraße. Früh am Morgen beziehen sie ihre Stellung. „Der mächtigste Mann der Welt kommt nach Berlin“, sagt Marietta Memmert und in ihrer Stimme kann man heute noch die Begeisterung spüren.

Die Polizei hat das Gebiet eigentlich schon abgeriegelt. Aber als Kennedy um kurz nach 12 Uhr an der Kreuzung ankommt, drücken sich die Massen ihm entgegen. „Wir waren nicht mehr zu halten“, sagt Marietta Memmert. „Die Beamten mussten uns durchlassen.“ Der Präsident besteigt in diesem Moment die Aussichtsplattform und blickt auf das andere Berlin, jenseits der Mauer. An der U-Bahn-Station bricht die Euphorie aus. Kennedy beginnt, Hände zu schütteln. Hunderte drängen sich um ihn, die Arme sind so dicht aneinander gepresst, dass der Amerikaner auch darauf hätte spazieren gehen können.

Treffen in der Schule

Dann steigt Kennedy wieder ins Auto, Marietta Memmert und ihre Freundin stürzen sich die Treppe runter zur U-Bahn. Jetzt müssen sie so schnell wie möglich zum Rathaus Schöneberg. Abends treffen sich alle in der Schule. Eltern haben Kuchen und Getränke vorbereitet. und etwas zu trinken. Ansprachen gibt es jetzt keine mehr, es hätte ohnehin kein Schüler zugehört, alle sind mit ihren Eindrücken beschäftigt.

Immer wieder hat Marietta Memmert über Kennedys Rede gesprochen. Aber mehr als das Nachdenken hat ihr der Alltag verdeutlicht, welche Tragweite seine Worte hatten. „Kennedy hat sehr viel für Berlin getan“, sagt Marietta Memmert. „Er hat zu uns gestanden, sodass der Russe nicht machen konnte, was er wollte.“ Von da ab hat sie bewusster gelebt, sagt sie und ist für einen Moment sehr bewegt. Als sie sich wieder fassen kann, sagt sie: „Ich habe besser verstanden, was Freiheit ist.“

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