Zeitzeugin

„Nach Kennedys Besuch ging es mit Berlin bergauf“

Monika Simbrey-Hamann wollte die Rede von John F. Kennedy auf keinen Fall verpassen. Dafür nahm sie auch einen Streit mit ihrem Chef in Kauf. Bis heute bewundert sie den ehemaligen US-Präsidenten.

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Sie redet nicht groß darüber. Mit wem auch? Ihre Schwester ist erst fünf Jahre alt, die kann es noch nicht verstehen. Ihre Eltern wiederum wollen es nicht verstehen. Sie zeigen ohnehin kein großes Verständnis für Monikas Interessen. Nur ihrem Chef, dem muss sie Bescheid geben. „Der wollte es mir natürlich verbieten, zu Kennedy zu gehen. Aber das war mir so was von egal“, erzählt Monika Simbrey-Hamann heute. „Es stand ja in der Zeitung, jeder musste freikriegen. Ich habe keine Ruhe gegeben“, sagt sie und lächelt stolz. „Schließlich musste er mich lassen.“

Bronzebüste im Eingang

Dass Monika Simbrey-Hamann eine große Bewunderin von John F. Kennedy ist, das kann niemanden entgehen, der ihr Haus in Frohnau betritt. Direkt neben dem Eingang, auf dem Treppenabsatz, da thront eine Bronzebüste des amerikanischen Präsidenten auf einem Sockel. Wenn der Blick, den sie damals dem Präsidenten entgegenwarf auch nur halb so begeistert war, wie der, den sie jetzt der Büste zuwirft, dürfte Kennedy entzückt gewesen sein.

„Kennedy war so jung und dynamisch“, sagt Monika Simbrey-Hamann. Und dann diese Frau und die kleinen Kinder. Als er Präsident wurde, war er erst 43 Jahre alt. So etwas kannte man in Deutschland ja nicht. „Das waren alles so ’ne alten Zausel.“ Sie hat in den 60er-Jahren zwei amerikanische Brieffreundschaften, mit denen will sie immer über Kennedy reden, aber leider interessieren die sich gar nicht für „diesen großartigen Mann“.

Durch ein liebevoll bestücktes Wohnzimmer führt Monika Simbrey-Hamann den Besuch in den Garten. Sie erzählt gerne von dem 26. Juni 1963. Überhaupt redet sie gerne über ihr Leben. Gerade hat sie ihre Erinnerungen zu Papier gebracht. Kennedy ist ein Teil davon.

„Ich war furchtbar aufgeregt“

Die Banklehre hat sie 1963 ohnehin nur widerwillig gemacht. Eigentlich wollte sie Übersetzerin, Englisch und Französisch, aber das lehnen die Eltern ab. Studieren kostet Geld, das ist nicht drin. Der Streit mit dem Chef am Morgen des 26. Juni ist es für sie also doppelt wert. Triumphierend verlässt Monika Hamann gegen 10 Uhr ihre Ausbildungsstätte. Wie sie von Reinickendorf zum Rathaus Schönberg gekommen ist, das weiß sie heute nicht mehr. „Ich bin auf jeden Fall nicht mit der S-Bahn gefahren“, sagt sie. Die nämlich wurde damals von der Deutschen Reichsbahn, der Staatsbahn der DDR, betrieben. „Ich wollte doch nicht mit meinen zwei Groschen die DDR unterstützen.“

Da sie nicht besonders groß ist, hat sie einen Freund aus der Nachbarschaft als Begleitung mobilisiert. Damit der sie auf die Schultern nehmen kann, falls die Leute vor ihr die Sicht versperren.

Vor dem Rathaus ist schon jede Menge los. „Ich war furchtbar aufgeregt.“ In West-Berlin haben viele Sorge, dass die Welt sie vergessen könnte. Als die Mauer gebaut wurde, waren die Hamanns gerade im Fichtelgebirge im Urlaub. „Da sagten die Leute aus der Pension: ,Mensch, was machen die für ein Theater um das kleine Berlin, sollen sie es doch der DDR geben.‘“

Ihr Mann Hans-Peter Simbrey kommt aus dem Garten und setzt sich zu uns. Kennedys Besuch hat das geändert, sagt er. „Jetzt wusste man, es gibt Berliner und die Amerikaner kümmern sich um sie, falls etwas passieren sollte. Er gab eine gewisse Sicherheit. Man konnte sich darauf verlassen, dass die Amerikaner sich weiter kümmern würden.“

Distanz zu West-Berlin

Denn das Unwissen über West-Berlin hört natürlich auch mit dem Bekenntnis des US-Präsidenten nicht auf. „Wir sind teilweise in Westdeutschland gefragt, ob man hier noch auch mit Westmarkt bezahlt.“ Im Nachhinein hat das Ehepaar also noch etwas anderes rausgehört. Indirekt habe Kennedy auch gesagt: „Ich bin ein West-Berliner.“ „Wir haben gemerkt, wir werden in der Welt wahrgenommen“, sagt ihr Mann. Er ist ein Jahr jünger als seine Ehefrau, er hat den Tag mit seiner Schulklasse vor dem Rathaus Schöneberg verbracht. Aber damals kannten sich die beiden noch nicht. „Eigentlich hat er auch gar nicht gesagt, er ist ein Berliner“, sagt Monika Simbrey-Hamann. „Eigentlich hat er nur gesagt, jeder Berliner kann stolz sein.“ 50 Jahre sind vergangen, aber immer noch denken die Menschen an diesem Satz rum. „Ab da ging es bergauf mit Berlin“, sagt Hans-Peter Simbrey. „Die Stadt wurde aufgewertet.“

In der Klasse von Hans-Peter Simbrey wird damals nicht über das Ereignis gesprochen. Offene Kritik gibt es nicht, wer gegen Kennedy ist, ist zu dem Zeitpunkt leise. Aber viele stecken noch in der Vergangenheit fest. „Unser Geschichtslehrer war vom alten Schrot und Korn. Da ist Russland häufiger im Geschichtsunterricht drangenommen worden“, erzählt Hans-Peter Simbrey.

Vor dem Rathaus ist schon jede Menge los, als Monika Hamann dort ankommt. Konnte sie bei der ganzen Aufregung überhaupt der Rede folgen? „Ich habe jedes Wort eingesaugt“, sagt sie. Der Chef hatte ihr befohlen, im Anschluss unverzüglich zurück zur Arbeit zu gehen. Aber sie denkt gar nicht dran. Statt dessen fährt sie nach Tegel, um Kennedy noch einmal zu sehen.

Wenige Monate später wird Kennedy ermordet. Diesmal schafft es Monika Hamann nicht, sich durchzusetzen. Sie darf nicht wie viele andere eine Kerze an die Mauer stellen, da, wo Kennedy gewesen ist. Sie muss sich mit einer Kerze im Fenster begnügen. Das taten die West-Berliner, wenn sie etwas bewegte. So drückte man Schmerzen aus, die man mit ganz Berlin, mit der ganzen Welt, teilen wollte.

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