US-Präsident

Obama in Berlin - Ein heißer Tag mit der Duzfreundin Angela

Tropische Temperaturen, große Gesten, offene Worte, Gespräche mit Gauck, Merkel und Steinbrück und ein Essen im Schloss: So verbrachte US-Präsident Barack Obama seinen Tag in Berlin.

Alles hatten die amerikanischen Sicherheitsleute für den Besuch Barack Obamas in der deutschen Hauptstadt mit eingeplant, nur eines konnten die besten Experten nicht vorhersagen: die Hitze. 33 Grad im Schatten, sofern es denn welchen gab, dazu tropische Luftfeuchtigkeit – mit der amerikanischen Präsidentenfamilie war der Sommer nach Berlin gekommen.

Und man darf davon ausgehen, dass das den beiden Hauptpersonen am Mittwoch in Berlin sehr recht gewesen ist. Der Gastgeberin und Bundeskanzlerin, die sich von Barack Obamas Besuch schöne Bilder für den Bundestagswahlkampf erhoffte – und dem Gast selbst, der ohnehin als Präsident der Bilder gilt.

Als Meister darin, ungewöhnliche Situationen spontan für sich zu nutzen. Selbst an so geschichtsbeladenen Orten wie dem Brandenburger Tor, dem Symbol für den Kalten Krieg und seine Überwindung, an dem seine Vorgänger schon so manche wichtige Rede gehalten haben. Sozusagen zur Selbstberuhigung ließ Obama seine Spindoktoren am frühen Morgen schon verbreiten, dass er am Nachmittag Wichtiges zu sagen hätte, zur atomaren Abrüstung.

Obama ist auf die realistische Größe eines Politikers geschrumpft

Während die Meldung ihren Weg in die Radios fand, absolvierte Obama ab 6.00 Uhr ein Fitnessprogramm im Hotel „Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz, in dem er mit seiner Frau Michelle, den Töchtern Sasha und Malia und der gesamten Entourage übernachtet hatte.

Viel Zeit zum Hantelnstemmen blieb Obama aber nicht, denn schon eine Stunde später empfing er amerikanische Botschaftsangehörige mit ihren Familien im Hotel zum Frühstück. Mit dabei war natürlich auch sein alter Freund, der scheidende Botschafter Philip Murphy. Er dürfte Obama bei dieser Gelegenheit noch einmal über die inzwischen etwas abgekühlte Liebe der Deutschen zu den Amerikanern informiert haben.

Die Berliner hatten Barack Obama 2008 wie einen Heilsbringer gefeiert – und dann kam er fünf Jahre nicht wieder. Barack Obama, von dem die Deutschen erwartet hatten, dass er das Gefangenenlager Guantánamo sofort schließt. Barack Obama, der als erster schwarzer Präsident auch für ein weltoffeneres Amerika stand. Inzwischen ist er auf die realistische Größe eines Politikers geschrumpft, der es mit den Mühen der Ebene zu tun hat.

Gauck und Obama hatten sich viel zu sagen

Als Erster begrüßte ihn am Morgen Bundespräsident Joachim Gauck mit militärischen Ehren. Er war derjenige gewesen, der nach Obamas Wiederwahl im November die seit Jahren bestehende Einladung, doch wieder nach Deutschland zu kommen, erneuert hatte, obwohl beide sich damals noch gar nicht persönlich kannten. Offenbar hatte man sich viel zu erzählen, denn das Gespräch im Amtszimmer des Bundespräsidenten wurde deutlich überzogen.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel schon an der Ehrenpforte des Kanzleramts auf ihn wartete, verließ Obama gerade erst das Schloss Bellevue, vor dem Berliner Zaungäste in der beginnenden Hitze auf einen Blick oder sogar Wortwechsel mit dem amerikanischen Präsidenten hofften. Es war die erste und die letzte Gelegenheit, denn weil Sicherheitsstufe 1+ herrschte, waren direkte Begegnungen zwischen Bürgern und Präsident nicht vorgesehen.

Im Gegenteil. Selbst die geladenen Gäste jener Rede, die erst Stunden später am Pariser Platz gehalten werden sollte, mussten sich teilweise schon ab 10.30 Uhr intensiven Sicherheitskontrollen unterziehen und stundenlang anstehen, um die Zuschauerränge zu erreichen. Viele kamen dort gar nicht an, sie hatten wegen der Hitze abgesagt und auch wegen Ankündigung, dass Sonnenschirme in dem Areal aus Sicherheitsgründen verboten sein würden. Schon drei Stunden vor Obamas Rede behandelte das Rote Kreuz die ersten Hitzeopfer, später musste die Berliner Feuerwehr zur Unterstützung dazukommen.

Obama erläuterte geheime Überwachungsprogramme

Im Kleinen Kabinettssaal des Kanzleramts, wo Angela Merkel mit Barack Obama ihr „bilaterales Gespräch“ führte, war es allein schon aufgrund der Klimatisierung angenehm kühl. Passend dazu die kritischen Themen, die hier hinter verschlossener Tür besprochen wurden: die Lage in Syrien, im Iran, in der Türkei. Und dann natürlich die Reizthemen Drohnenkrieg und Prism, das Spähprogramm der Amerikaner, das den Deutschen nicht geheuer ist. Sechs Demonstrationen hat es zum Obama-Besuch in Berlin gegeben, die im Vergleich zu früheren Präsidentenbesuchen aber bescheiden ausfielen.

Merkel sagte zum Thema Prism nachher vor Journalisten, dass es auf die Verhältnismäßigkeit ankommt. Zwar werde das Internet auch von „Feinden und Gegnern“ missbraucht, aber es müsse immer die Balance gewahrt werden, wenn es um Bürgerrechte gehe. Wer angenommen hatte, die Bedenken der Kanzlerin würden bei Obama auf taube Ohren stoßen, den belehrte dieser schnell eines Besseren.

Er ergriff sofort das Wort und erläuterte, weswegen aus seiner Sicht die Datensammelei des amerikanischen Geheimdienstes rechtlich abgesichert und notwendig sei. Die geheimen Überwachungsprogramme für Telefondaten und das Internet „haben weltweit rund 50 geplante Terroranschläge vereitelt“, führte er aus. Der Geheimdienst NSA habe damit „Leben gerettet“.

Bedeutung der deutsch-amerikanischen Freundschaft und der Achse Europa–Amerika

Dem widersprach auch Merkel nicht, und überhaupt ging es bei allen Meinungsverschiedenheiten ziemlich herzlich zu zwischen den beiden Politikern, denen in Deutschland nachgesagt wird, sie hätten nur ein ordentliches Arbeitsverhältnis, aber nicht mehr. Obama, das war offensichtlich, lag extrem daran, diesen Eindruck zu korrigieren, unter anderem indem er sie gleich mehrfach mit dem Vornamen ansprach.

Obama war dann in seinem Redefluss kaum zu stoppen, auch die Pressekonferenz dauerte deutlich länger, als alle erwartet hatten. Obama wollte es eben richtig gut machen, die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Freundschaft und der Achse Europa–Amerika herausstellen. Wo doch alle denken, ihn interessiere nur noch Asien und der Pazifik, wie er offenherzig selber sagte. Vielleicht hätte er auch deshalb beinahe das fest verabredete Foto mit seiner Duzfreundin vergessen.

Danach folgte ein Essen unter vier Augen. Merkel machte ihrem Gast ein besonderes Geschenk, eine alte Schallplatte mit der berühmten Rede seines Vorgängers John F. Kennedy vorm Schöneberger Rathaus („Ich bin ein Berliner“). Ein Geschenk, das zumindest seine Nervosität nicht gemildert haben dürfte.

Obama lüftet sein Jackett - Merkel bleibt unbeeindruckt

So wollte Obama, nachdem er endlich am Pariser Platz angekommen war, schon mit seiner Rede beginnen, als die vor ihm sprechende Merkel noch gar nicht fertig war. Er war schon aufgestanden, musste sich dann aber wieder setzen. Gelächter im Publikum, das trotz der inzwischen sengenden Hitze geduldig auf ihn gewartet hatte. Schwitzende Bundesminister in der ersten Reihe, die 600 Schüler der John-F.-Kennedy-Oberschule auf den Rängen, dazwischen Frauen und Männer in Stroh- oder Zeitungshüten.

„Ich fühle mich so wohl hier, dass ich mein Jackett ausziehen werde – und ich fordere alle auf, das ebenfalls zu tun“, sagte er. „Wir können unter Freunden auch informell sein“, fügte Obama grinsend hinzu. Bereits zuvor hatte sich der US-Präsident, der wegen seiner langjährigen Aufenthalte in Hawaii und Indonesien durchaus als hitzebeständig gilt, „beeindruckt“ von den Berliner Temperaturen gezeigt.

Unbeeindruckt blieb dagegen Angela Merkel: Sie behielt ihren apricotfarbenen Blazer an, als Obama in seiner Rede den damaligen Kampfgeist und die Freiheitsliebe der Deutschen im Kalten Krieg als vorbildlich bezeichnete und für weitere Abrüstungsabkommen warb.

Jubel und Fahnenschwenken auf dem Pariser Platz

Die Menschen jubelten, sie schwenkten deutsche und amerikanische Flaggen, winkten ihm zu, als er sich den Schweiß von der Stirn wischte und schnell die Bühne verließ. Obamas Terminkalender war eben eng getaktet, als nächstes stand das Höflichkeitstreffen zum Kennenlernen mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an. Es war eben bei aller Überhöhung eben doch ein Arbeitsbesuch, wenn auch ein sehr heißer.

Der entspanntere Teil sollte dann abends in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg folgen. Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer empfingen das Präsidentenpaar zum Dinner. Dort gab es nur noch eine Herausforderung für den Hauptgast – den Teleprompter, der während seiner Tischrede ausfiel. Obama musste vom Blatt ablesen. Dann endlich: Essen. Sternekoch Tim Raue hatte Beelitzer Spargel mit Kaviar zubereitet, Kabeljau, Königsberger Klopse und Bienenstich zum Nachtisch. Danach ging es in „Air Force One“ durch die Nacht zurück nach Hause.