Wenn sie das Foto anschaut, dann muss sie sich heute noch kaputt lachen. „Diese Schuhe!“, freut sich Marion Görlich. „Und schauen Sie sich mal die Handtasche an!“ Sie zeigt auf den weißen Kasten unter ihrem Arm. „Was hab’ ich mir dabei bloß gedacht?“ 50 Jahre später betrachtet man seinen eigenen Modegeschmack eben distanzierter. „Aber der enge Rock, das ist ja wohl das Schärfste“, sagt die 69-Jährige.
Das Bild begleitet sie seit 50 Jahren. Immer wieder ist sie darauf angesprochen worden. Ja, links außen, die blonde, junge Frau, die sich mit ihrer ganzen Kraft John F. Kennedy entgegenwirft, das ist sie. Konrad Adenauer und Willy Brandt, die neben Kennedy im Wagen stehen, beugen sich interessiert rüber und wundern sich. Was für eine Leidenschaft der amerikanische Präsident da bei den Berlinern auslöst? Schon die Rose, die kurz vorher auf der Windschutzscheibe gelandet war, muss die beiden irritiert haben. Aber Kanzler und Bürgermeister, die beachtet die 19-Jährige gar nicht.
„Da müssen wir hin“
Marion Görlich sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Lichterfelde, in der sie seit 45 Jahren wohnt. Vor ihr sitzt der Rauhaardackel Moritz, neben ihr liegt der Bildband über John F. Kennedy, den sie nach seinem Besuch in Berlin geschenkt bekommen hat. Dass sie auf diesem Foto dem amerikanischen Präsidenten die Hand entgegenstreckt, das liegt vor allem daran, dass Marion Görlich sich spontan für Dinge begeistern kann.
Am Morgen des 26. Juni 1963 nämlich, da hat sie sich gar keine großen Gedanken über diesen Tag und seine Bedeutung gemacht. Sie bringt ihre kleine Tochter wie immer in die Mittenwalderstraße, zur Schwiegermutter, dann geht es zur Arbeit direkt bei der Möckernbrücke. Bei der Spedition Reeder läuft das Radio. Um Viertel vor zehn ist John F. Kennedy, der amerikanische Präsident in Tegel gelandet, erzählen sie dort. Dass die Menschen ihn begeistert empfangen und jubelnd an den Straßen stehen. Nach seinem Halt am Checkpoint Charlie wird er durch Kreuzberg zum Schöneberger Rathaus fahren, heißt es. Marion Görlich schaut ihre Kollegin an: „Was? Am Anhalter Bahnhof kommt der vorbei? Du, da müssen wir hin.“
Die Kollegen lachten nur
Die anderen Kollegen lachen sie aus. ‚„Spinnt doch nicht, das schafft ihr nie.“ Aber Gisela Kyas und Marion Görlich hören jetzt genau zu, welche Strecke der Lincoln des Präsidenten nimmt. Wenn sie loslaufen, wenn er am Brandenburger Tor abfährt, dann müssten sie es schaffen. Dann könnten sie ihre Mittagspause mit dem amerikanischen Präsidenten verbringen. „Wir wussten ja nicht genau, wie schnell die fahren.“ Sie lacht. „Sturm- und Drang-Zeit, sag’ ich nur. Ich seh’ uns noch rennen, los komm, das schaffen wir.“
Atemlos erreichen sie die Kolonne. Um kurz vor zwölf ist die Gelegenheit da. Auf der Anhalter Straße können sie mit einer anderen Frau die Absperrung durchbrechen, schreiben später die Zeitungen. „Ach, durchbrechen“, winkt Marion Görlich ab, „standen doch nur zwei Mann da. Terror gab es ja damals noch nicht.“ Die dritte Frau wird abgedrängt, aber die beiden Kolleginnen schaffen es tatsächlich bis an den Wagen heran.
Den Gesichtsausdruck des Präsidenten in dem Moment, in dem er den hingerissenen Frauen die Hand drückt, kann man nicht sehen. Aber es muss ihm gefallen haben, denn als er in die USA zurückkehrt, hat Kennedy einen Tipp für den nächsten amerikanischen Präsidenten, wer auch immer er sein möge. „Ich werde meinem Nachfolger raten, wenn Sie einmal niedergeschlagen sind, dann reisen Sie nach Deutschland.“ So wird Kennedy zumindest in dem Buch zitiert, das Marion Görlich später geschenkt bekommen hat. In demselben Text, genau unter dem Foto mit Marion Görlich, ist auch überliefert, wie sich die Leibwächter nach ihrem Einsatz fühlten. „Wir waren bedient“, wird einer zitiert. Görlich lacht beglückt. „Oh, ja, gemeckert haben die, und reichlich zugepackt, aber das war uns egal.“
Anruf aus Australien
Am nächsten Tag in der Firma werden sie schon von den aufgeregten Kollegen begrüßt. „Habt ihr ihn gesehen? Seid ihr hin zum Auto?“ Aber als Gisela Kyas und Marion Görlich erzählen, dass sie dem Präsidenten sogar die Hand gegeben haben, da will es keiner glauben. „Spinnt doch nicht, haben die gesagt.“
Aber es gibt ja das Foto. Es erscheint in den Zeitungen, es wird im Fernsehen gezeigt. Marion Görlich und Gisela Kyas werden immer wieder danach gefragt. Nicht nur in Berlin. Ein paar Tage nach Kennedys Rede ruft Marions Schwester an. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt in Australien. „Schnulle, bist Du das?“, fragt sie. Und eine Freundin, die nach San Diego ausgewandert war, schickt gleich einen Bildband über Jacqueline Kennedy. Schwärmte sie denn für Kennedy? „Na ja“, sagt Marion Görlich, „der hat mir schon gefallen. Mein Mann übrigens war ein ganz ähnlicher Typ.“ Dann läuft sie zur Anrichte und holt ein Beweisfoto von ihrem Eberhard in jungen Jahren. Im „Blücher Stübchen“ hatte sie ihn kennengelernt, da war sie 15 Jahre alt. „Franz hieß der, Franz-Eberhard. Ich hab’ sofort gesagt, einen Franz muss ich nicht haben, für mich bist du Eberhard.“ Zwei Jahre später haben sie geheiratet und ihre Tochter wurde geboren.
Familie erwartete nicht viel von Kennedy Besuch
Politik fand die junge Frau zu der Zeit nicht besonders spannend. „Ich war frisch verheiratet, dann das kleine Kind, und noch der Job, da blieb nicht viel übrig“, erklärt Marion Görlich. Das Paar zog an die Stresemannstraße, ihr Vater legte eine Wiese an, pflanzte Feuerbohnen und baute ihr eine Buddelkiste in den Hinterhof.
Für Politik hat sie sich nur interessiert, wenn die Politik sich für sie interessierte. Zum Beispiel im August 1961, da war sie mit Eberhard in den Ferien in der Rhön. Im Fernsehen sahen sie, dass in Berlin eine Mauer gebaut wird. Die beiden packte die Panik, dass sie nicht mehr zurück nach Kreuzberg könnten. „Unser erster Gedanke war: Oh Gott, wir müssen sofort zurück. Wir haben große Angst gehabt, dass man uns gar nicht mehr reinlässt.“
1948 war die Familie nach Berlin zurückgekommen. Vorher lebten sie bei Hamburg, da arbeitete der Vater beim Militär. Von der Not des Krieges hat sie nicht mehr viel gespürt, sagt Marion Görlich. „Meine Mutter hat sich immer geschämt mit uns in der U-Bahn. Alle anderen Kinder ganz abgemagert, nur meine Schwester und ich saßen da mit unseren Pausbäckchen. Papa hatte ja den Schmelzkäse vom Engländer.“
Vom Besuch Kennedys hatten sich die Görlichs nicht viel erwartet. Sie waren damit beschäftigt, den Alltag einer Familie in einem geteilten Land zu bewältigen. Marions Schwiegermutter kam aus Gröbzig / Köthen, der Schwiegervater von der Neiße. Sie zu besuchen, wurde zunehmend schwieriger. „Ich weiß noch einmal“, erzählt Marion Görlach, „da haben Verwandte meines Mannes ein Baby bekommen, da waren gerade diese Fensterkinderwagen in Mode. So einen haben wir dann gekauft, meine Tochter hat ihre Puppe reingelegt als wäre das ihr Spielzeug, und dann sind wir über die Grenze damit. Als die Vopos gucken wollten, sagt sie zu denen: ,Pst, das Baby schläft.‘“ Die Schwiegermutter hatte zwölf Geschwister, verteilt auf die Dörfer der Umgebung. „Wenn die rüber fuhr, hat sie sich das ganze Korsett voll gestopft mit Liebesromanen.“
Keiner konnte Kennedys Charisma kopieren
Gisela Kyas, die Kollegin von der Spedition, hat Görlich nicht mehr gesehen. 1963 war sie 44 Jahre alt, als Reporter 1983 nach den beiden Frauen suchten, war sie bereits verstorben. Auch Eberhard lebt nicht mehr. „2012 hätten wir Goldene Hochzeit gefeiert“, sagt Marion Görlich und kämpft mit den Tränen. Das Familienleben ist wichtig geblieben. Mit 37 Jahren wurde sie Großmutter, heute hat sie drei Enkel und zwei Urenkel. Nach dem Speditions-Job hat sie noch vieles gemacht, als Sekretärin, in der metallverarbeitenden Industrie und in einem Sonnenstudio gearbeitet.
Einen Politiker, der sie ähnlich begeistern konnte wie einst Kennedy, gab es nicht mehr. Als Jimmy Carter 1978 in die geteilte Stadt kommt, versuchte Marion Görlich noch einmal, den Zauber zu beschwören. „Ich habe mir extra einen Berliner Bären als Teddybär gekauft“, erzählt sie. „Mein Mann sagt noch, du bist verrückt, aber ich hab’ gesagt, da will ich hin.“ Allerdings hatten die Zeiten sich geändert. Die Route war ähnlich, die Absperrung nicht. „Carter war so verbarrikadiert“, sagt Görlich. „Da habe ich nur zuschauen können, wie er vorbeigefahren ist.“
Kennedys Charisma hat für sie keiner kopieren können. „Nee“, sagt Marion Görlich. „An dem Tag, als Kennedy da war, da hat mich mein Mann hinterher gefragt: Hast du gesehen, was für einen schicken, blauen Anzug der anhatte? Anzug?, sag’ ich. Was denkst du denn? Ich hab’ dem nur in seine schönen Augen geschaut!“




